„In Frankreich haben die Politiker seit etlichen Jahren eine sehr offen verächtliche und arrogante Haltung zu Bürgern, von denen sie nach meiner Einschätzung nur recht wenig verstehen“, sagt die Bestseller-Autorin Birgit Vanderbeke im Interview mit Multipolar. Vanderbeke, die seit den 90er Jahren in Frankreich lebt, wirft in ihren Romanen immer wieder einen kritischen Blick auf Politik und Gesellschaft. Ein Interview über den aktuellen Ausnahmezustand und den „großen Illusionismus“ der politischen Systeme.

MARCUS KLÖCKNER, 9. April 2020, 3 Kommentare

 

Multipolar: Frau Vanderbeke, Sie leben schon lange in Frankreich und haben Erfahrung mit dem Ausnahmezustand. Nach den Anschlägen in Paris hat die Politik ihn zwei Jahre lang aufrecht gehalten. Nun ist die Situation noch schlimmer. Würden Sie uns bitte beschreiben, was die aktuellen Entscheidungen Macrons für die Bürger Frankreichs bedeuten? Was ist, wenn Sie das Haus verlassen möchten?

 

Vanderbeke: Wenn ich über die vergangenen knapp dreißig Jahre in Frankreich nachdenke, fällt mir immer wieder ein, dass sie hier schon in den 90er Jahren nicht zimperlich mit der Ausrufung von Ausnahmezuständen waren. Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren mal in Paris ankam, und in der ganzen Stadt waren sämtliche Papierkörbe verplombt, an Gepäckaufbewahrung war wochenlang nicht zu denken, und zu Hause war die Dorfgrundschule unseres Sohnes weiträumig abgesperrt und patrouillierte zu bestimmten Uhrzeiten die Gendarmerie.

Das ist schon lange her, und im 21. Jahrhundert ging es zügig so weiter, und zwar in jeder Runde immer noch einen Schritt weiter als in der letzten. Krieg gegen den Terror hieß das bis vorgestern, und seitdem wird dasselbe martialische Vokabular eingesetzt für den Krieg gegen das Virus. Dazwischen gab es noch im Zusammenhang mit den Gelbwesten Ausnahmezustände sowie manifesten Widerstand, von denen ich gelegentlich dachte, dass wir hier möglicherweise nicht sehr weit vom Bürgerkrieg entfernt wären.

Unsere Situation im augenblicklichen „Krieg“ ist sehr einfach: Wir dürfen unser Domizil täglich im Wesentlichen nur noch verlassen, um eine berufliche Aktivität auszuüben, die anders nicht organisierbar ist, wir dürfen Lebensmittel kaufen, für schwer kranke Verwandte sorgen, und wir haben das Recht, eine Stunde lang „physische Aktivitäten“ auszuüben, und während dieser Stunde dürfen wir uns im Radius von einem Kilometer um unser Domizil herumbewegen.

 

Multipolar: Müssen Sie gegenüber der Polizei belegen, warum Sie das Haus verlassen?

 

Vanderbeke: Ja, wir müssen ein ausgefülltes Dokument bei uns tragen, das wir uns von der Internetseite des französischen Innenministeriums herunterladen und ausdrucken und auf dem wir einen der sieben Gründe ankreuzen müssen, weshalb wir aus dem Haus gegangen sind.

 

Multipolar: Das hat etwas von einer Dystopie, oder?

 

Vanderbeke: Das ist mehr als surreal. In unserer Situation muss man sich das so vorstellen: Wir leben in Occitanien, und zwar im Departement Gard. In diesem Department sind Pi mal Daumen fünfzig Personen wegen des Virus hospitalisiert (Anmerkung der Redaktion: das Interview wurde Ende März geführt), wiederum Pi mal Daumen werden davon zehn reanimiert, und seit Frankreich von seinem nationalen Corona-Feind heimgesucht wird, sind hier fünf oder sechs Personen gestorben, wobei man natürlich auch in Frankreich nicht wissen kann, ob sie wirklich an diesem Virus oder nicht doch an irgend einer anderen Krankheit gestorben sind.

 

Multipolar: Waren das auch viele alte Menschen?

 

Vanderbeke: Hoch betagt, und das Virus hatten sie sich halt auch noch eingefangen, und wer sich das Virus kurz vor seinem Tod noch einfängt – so die Aussage des Robert-Koch-Instituts am 20.3. für die deutschen Statistiken – ist dann jedenfalls ein Corona-Toter, egal, was ihn umgebracht hat.

Zu den Kriegserklärungen des französischen Präsidenten gegen ein Virus möchte ich noch eine Bemerkung anfügen. Bis vor kurzem hat der gesamte medizinische Sektor – unter Zustimmung großer Teile der französischen Bevölkerung – die sogenannten „Reformmaßnahmen“ diverser Regierungen, von Sarkozy über Hollande bis Macron, gegen das Gesundheitssystem als Kriegserklärung empfunden. Den ganzen Herbst über und noch bis Anfang Februar haben Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger dagegen gestreikt, dass sie unzumutbare Arbeitszeitverlängerungen, bis hin zu Verdreifachungen, bürokratische Zusatzschikanen und sich andauernd verschlechternde Arbeitsbedingungen zu ertragen hatten. Es hat eine regelrechte Fluchtbewegung von Pflegern aus ihrem Beruf gegeben.

Diese Maßnahmen sind nicht durch einen Krankheitserreger erfolgt, sondern durch die Regierung, die sich ähnlich verhalten hat wie andere EU-Regierungen auch, und von denen haben einige – die italienische, spanische und griechische – keineswegs freiwillig, sondern auf massiven Druck aus Brüssel und Berlin schon seit längerer Zeit Krieg gegen ihre Bevölkerungen geführt und mit wechselnden Kriegshandlungen und -strategien die Immunkräfte dieser Bevölkerungen maßgeblich geschwächt.

 

Multipolar: Wie denken Sie über den Begriff Freiheit? Was bedeutet Freiheit für Sie?

 

Vanderbeke: Je mehr in den letzten vierzig, fünfzig Jahren groteske und grandiose „Alternativlosigkeiten“ und Abhängigkeiten die Beziehungen der Staaten, der Wirtschaft, der Menschen dominiert haben, um so lächerlicher wurde dieses Wort, mit dessen verlogenem Pathos und in dessen Namen bekanntlich Kriege geführt werden.

Ich habe mir angewöhnt, für das leere Wort Freiheit keine rhetorischen Purzelbäume mehr zu schlagen, sondern stattdessen handfest gegen die Abhängigkeiten zu arbeiten, von denen jeder umstellt ist und die den Bewohnern unserer Gesellschaften die Luft abschnüren, zum Beispiel im Nahrungs-, im Textil-, im Gesundheitsbereich.

Aber das geht natürlich nur, solange ich mein Leben noch halbwegs selbst gestalten kann und nicht meiner körperlichen und geistigen Freiheiten beraubt werde, indem ich zum Beispiel für längere Zeit eingesperrt werde. Es geht auch nur so lange, wie ich Fragen zur Wirklichkeit stellen und Denk- und Sprachbewegungen ausführen darf, die von den global gut koordinierten Linien der Denk-Agenturen und der medialen Hysterie abweichen. Soviel zur Gedankenfreiheit, von der ich nicht mehr sehr viel sehe.

 

Multipolar: Die Freiheitsrechte sind nun massiv eingeschränkt.

 

Vanderbeke: Ja, und zwar „bis auf weiteres“, und nach allem, was ich von solchen Notstandssituationen weiß, werden die dazugehörigen Einschränkungen nicht wieder zurückgenommen. Diejenigen vor uns, die „unsere“ Rechte erkämpft und sich für die Demokratie haben abknallen lassen, haben das nicht geschenkt gekriegt. Es kommt im Augenblick sehr darauf an, dass die Bürger, die Citoyens, heute nicht vergessen: wir werden es auch nicht zurück geschenkt kriegen. Sobald es mal weg ist, war’s das. Mir zum Beispiel ist es wichtig, darum zu kämpfen, ich tue das in meinen Büchern seit 1990. Und dann sind da ja noch Gleichheit und Brüderlichkeit.

 

Multipolar: Das klingt sehr düster. Aber bleiben wir noch einen Moment in der Gegenwart. Bereits jetzt spüren viele Menschen die Konsequenzen der Krise. Man denke nur an all diejenigen, die unter den ökonomischen Folgen leiden.

 

Vanderbeke: Wie viele Menschen infolge ungezählter Geschäftsschließungen, Stilllegungen von Handwerks- und Landwirtschaftsbetrieben, Boutiquen, Bistros, Schuhgeschäften, Zahnarztpraxen, Hotels und Cafés ihre Existenz verlieren werden, ist unabsehbar und steht vermutlich in keinem Verhältnis zu dem Corona-Geschehen. Abgesehen von diesen handfesten Zerstörungen sollte man die Psychoimmunschäden bedenken, die ganz sicher bei alten Menschen auftreten werden, die plötzlich isoliert, vereinsamt und verängstigt in ihren Wohnungen sitzen.

Aber auch unser sechsjähriger Enkel zum Beispiel ist schwer verwirrt und verstört. Er darf seine Großeltern wochenlang nicht sehen, weil er oder wir diese böse Sache an uns haben könnten, und seine kleine Schwester sollte besser nicht mal in den Garten, weil die bösen Dinger unsichtbar durch die Luft fliegen und es auf kleine Kinder und alte Leute abgesehen haben. Und ob es seelisch für jeden zu verkraften ist, dass er soziale Kontakte einstellen soll, ist mehr als fraglich. Ich spreche da nicht von häuslicher Gewalt.

 

Multipolar: Die Entscheidungen, die Macron, aber auch Merkel gefällt haben, beeinflussen auf einen Schlag das Leben von Millionen von Menschen. Nicht wenige verlieren quasi von einem auf den anderen Moment ihre wirtschaftliche Existenz. Hätten Sie das, was gerade passiert, für möglich gehalten?

 

Vanderbeke: Leider ja. Im Jahr 2009 ist mit der Schweinegrippe eine Phantom-Pandemie (Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu die Arte-Doku „Profiteure der Angst: Das Geschäft mit der Schweinegrippe“) ausgerufen worden, die mich sehr beschäftigt hat. Ich komme aus einem Pharma-Haushalt und werde hellhörig, wenn massenhaft angelegte Gesundheitsmaßnahmen angepeilt werden, bei denen die Gewinne – auch übrigens die Forschungsgelder – in die Milliarden gehen. Die Schweinegrippe war so ein Fall. Da ging es um unglaubliche Impfstoffgeschäfte.

Interessanterweise tauchte also kurz nach der Wirtschaftskrise diese Scheinseuche auf und war bestens geeignet, davon abzulenken, dass niemand auch nur eine der Ursachen für die Wirtschaftskrise benennen oder die dazugehörigen Ungeheuerlichkeiten im Casino korrigieren oder beheben würde.

 

Multipolar: Sie haben dann einen Roman geschrieben, der mehr oder weniger die aktuelle Situation vorweggenommen hat.

 

Vanderbeke: Eigentlich beschäftige ich mich in diesem Buch mit der Situation, in die Gesellschaften geraten können, wenn sie ihre Grundrechte dem Infektionsschutz oder irgendwelchen Sanitätsgesetzen opfern. Das war im Jahr 2011. „Die Frau mit dem Hund“. Von der Kritik wurde das Buch als eine futuristische Dystopie gelesen, die vielleicht ganz nett zu lesen wäre, aber vor allem außerhalb unserer historischen Reichweite im Phantastischen läge.

 

Multipolar: Ist dem denn nicht so? Der Roman spielt doch in der Zukunft, oder?

 

Vanderbeke: Na ja, mir kam es nicht so vor. Ich habe immer wieder betont, dass die Welt und die Ereignisse in meinem Buch unsere recht nahe Zukunft sein könnten. Und siehe da: Hier sind wir nun, gerade mal neun Jahre später.

 

Multipolar: Worum geht es in dem Buch?

 

Vanderbeke: In meinem Roman wird, nach einer sogenannten „Agrarreform“, das Land von einer „Stiftung“ regiert. Ich habe nicht Robert-Koch-Institut gesagt, obwohl dieses Institut schon 2009 bei der Schweinegrippe eine fatale Rolle gespielt und viele wirtschaftliche und politische Entscheidungen getroffen hat, zu denen es nicht berechtigt war. Heute wird Deutschland faktisch vom Robert-Koch-Institut regiert. Es testet mit aus dem Hut gezauberten und wenig geprüften Verfahren auf diverse Viren, die möglicherweise nicht gut zu unterscheiden sind. Nach allem, was mir bekannt ist, erfolgen die Tests nach bizarren und möglichst intransparenten Kriterien, mit denen die Sterblichkeitsrate des Virus nach oben getrieben wird. Natürlich bringt die Testerei richtig viel Geld, und ebenso natürlich wird auch bei Corona auf Massenimpfungen geschielt.

Mein pandemisches Virus im Jahr 2011 hieß nicht Corona, sondern Leptospirose, und die postkapitalistische Welt in meinem Roman ist in zwei Zonen zerfallen: drinnen, in den Städten, lebt behütet und vollversorgt eine komplett debilisierte und infantilisierte Bevölkerung, die das Wort Freiheit nicht mal mehr buchstabieren kann, und draußen ist alles abgeschaltet und vom Netz genommen worden. Das ist die Welt der Outlaws. Dazwischen ein Zaun. „Die Frau mit dem Hund“ ist schwanger und hat sich entschlossen, illegal in die Stadt zu gehen, um ihr Kind im Krankenhaus zur Welt zu bringen.

Mein Verlag mochte das Buch nicht. Damals sagte man: „politische Literatur geht nicht“, was eine sehr bequeme Umschreibung des Umstands war, dass man im Kulturbereich möglichst denkfaul in die digitalisierte Zukunft plätschern wollte, und so ist es ja dann auch gekommen. Nur überrascht es mich nicht.

 

Multipolar: In Deutschland werden die Maßnahmen von sehr vielen Bürgern hingenommen. Man verlässt sich auf die Daten, die Aussagen der Experten und akzeptiert die Einschränkungen der Freiheit. Wie ist es in Frankreich?

 

Vanderbeke: Die Datenlage ist in Frankreich noch weit nebliger als in Deutschland. Zunächst sollte uns klar werden, dass es einen großen Unterschied macht, ob ein Mensch „infiziert“ ist, wie es überall heißt, oder ob er „positiv getestet“ ist. Infiziert sind natürlich wesentlich mehr Menschen, als getestet wurden. Des Weiteren gibt es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Mensch „an“ dem Virus gestorben ist ...

 

Multipolar: ... was bedeutet?

 

Vanderbeke: … dass das Virus zu seinem Tod geführt hat.

 

Multipolar: … oder?

 

Vanderbeke: Dass, er „mit“ dem Virus verstorben ist, also positiv getestet wurde, aber unklar ist, ob das Virus den Tod verursacht hat. In Deutschland, und meines Wissens nach auch in Italien, wird das so gehandhabt. Dort gilt laut Robert-Koch-Institut als Corona-Toter, in wessen Körper das Virus nachgewiesen wurde. Dadurch ergibt sich eine erhebliche Unschärfe in der Beurteilung der Todesursachen, weil Lungenentzündungen, Herzkrankheiten, Diabetes, aber auch Krankenhauskeime plötzlich nachrangig beurteilt werden. Gleichzeitig steigt statistisch die Zahl der am Virus Verstorbenen. Wie die Sterblichkeitszahlen in Frankreich zustande kommen, wissen wir ganz schlicht nicht.

Es gibt weitere Unklarheiten: Was bedeutet es beispielsweise, wenn sich innerhalb einer Woche die Zahl derer, die „mit Corona infiziert“ sind, verdreifacht, zugleich aber auch die durchgeführten Tests verdreifacht worden sind? Ist das der endgültige Beweis dafür, dass wir es mit einem „Killervirus“ zu tun haben? Für Frankreich wissen wir gar nichts darüber.

Nochmal zu den deutschen Zahlen: „An Corona“ – oder eher „mit dem Corona-Virus im Körper“ – sterben Menschen im Durchschnittsalter von etwa 80,1 Jahren. Als ich diese Zahl zum ersten Mal gehört habe, bin ich stutzig geworden: Die statistische Lebenserwartung in Deutschland lag im Jahr 2016 bei 80,64 Jahren. Mit Corona kann man also im Frühling 2020 durchschnittlich ein paar Monate älter werden als ohne Corona vor vier Jahren. Sonderbar.

 

Multipolar: Was wollen Sie sagen?

 

Vanderbeke: Wir haben es, wenn es um die Datenlage zu Corona geht, mit vielen Ungereimtheiten zu tun. Diese Ungereimtheiten können die Franzosen nicht herausfinden, weil wir hier unsere Informationen von anonymen Experten und „scientifiques“, also Wissenschaftlern, bekommen. „Experten“ warnen, „Wissenschaftler“ raten, und diese „Experten“ verbreiten Furcht und Schrecken, aber sie haben sinnigerweise keine Namen, und es ist nicht immer ganz leicht, an Statistiken zu kommen. Praktischerweise hat das Virus in Frankreich diverse Streiks und natürlich die Bewegung der gelben Westen vorerst beendet.

Einstweilen ist es hier – allerdings weitgehend auf dem Land – wohltuend still, die Luft ist spürbar besser als noch vor drei Wochen, die Versorgung bei uns hat ein wunderbarer kleiner Laden übernommen, der das mit hiesigen Bauern und per Facebook organisiert, das klappt bestens auf eine Art, die nach meinem Eindruck wesentlich mehr mit Resilienz zu tun hat als die kriegerischen Aufrufe des Präsidenten zur nationalen Mobilmachung. Die Hausarreste werden weitgehend eingehalten, es stehen auch Strafen darauf, wenn man sich erwischen lässt, aber: nach meiner Erfahrung reicht’s den Franzosen irgendwann, und dann brechen sie aus.

 

Multipolar: Wie verhalten sich die Medien in Frankreich? Hier gibt es nur sehr wenige Stimmen, die zumindest ein kleines bisschen perspektivieren, auch kritische Töne anklingen lassen.

 

Vanderbeke: In den französischen Medien habe ich noch keine kritischen Töne wahrgenommen, unser Sohn, der das besser verfolgt als wir, auch nicht. Stand Sonntag, den 29.3., gab es einen Artikel im Nouvel Obs, der zaghaft einige andere Stimmen enthielt. Entsprechend der skizzierten Kriegsrhetorik spielt sich die Berichterstattung hier irgendwo zwischen Panik, Heldentum – Ärzte, Pfleger, Feuerwehr, Gendarmerie, inzwischen auch die tapferen Kassiererinnen in den gefährlichen Supermärkten an der Front – und tiefer Trauer über die auf dem Schlachtfeld der Intensivstationen Gefallenen ab. Es trieft und ist schwer erträglich.

Was sich aus dem globalen westlichen Budenzauber lernen lässt, den die Medien im Augenblick überall mit nationalen Nuancierungen veranstalten, ist etwas sehr Wichtiges: In all den Ländern, in denen die Demokratien aufgehört haben zu funktionieren, in denen die Gewaltenteilung zusammengebrochen ist und die Legislative sowie die Judikative kaum mehr eine Rolle spielen – und das ist in Frankreich spätestens seit Macrons Präsidentschaft und dem darauf folgenden parlamentarischen Vakuum der Fall –, herrschen Zustände, die man nur noch ganz altmodisch als „schwarze Magie“ bezeichnen kann.

Ich mag das gar nicht „Fake“ nennen, es ist wesentlich mehr als nur Fake und funktioniert auch ein bisschen anders: eine Art Illusionismus, Erzeugung von Scheinwirklichkeit, die Franzosen nennen es „Trompe l’oeuil“. Arglistige Täuschung ganzer Bevölkerungen, denen häufig die Mittel fehlen, diese Täuschungen zu durchschauen. Sie schauen gebannt auf die medial hergestellte Kulisse, und an völlig anderer Stelle werden ihre Rechte demoliert, ihre Daten geraubt und auf ihre Kosten gigantische und obszöne Geschäfte gemacht, ohne dass sie es in dem Moment überhaupt bemerken. Schwarze Magie eben.

 

Multipolar: Obwohl Frankreich unser direkter Nachbar ist, wissen längst nicht alle Bürger in Deutschland, wie es in Frankreich politisch aussieht. In unseren Medien hören wir von einer Rentenreform und von den Demonstrationen der Gelbwesten. Vieles bleibt aber oft nebulös, der Eindruck ist: Die Protestierenden übertreiben es. Ist dem so? Was waren die Gründe für die Proteste in Frankreich? Und: Können Sie die Proteste nachvollziehen?

Vanderbeke: Eine sehr große Mehrheit der Franzosen konnte die längste Zeit sowohl die Gelbwestenbewegung als auch die Streiks gut verstehen und hat damit sympathisiert. Corona wird das sicher kurz- oder mittelfristig ändern, weil Bevölkerungen in „Kriegszeiten“ zu ihrem „Heeresführer“ aufschauen, auch wenn sie ihn kurz zuvor am liebsten losgeworden wären. Langfristig weiß ich nicht, ob mit einer Seuche, und wenn sie noch so gut gemacht ist, die brodelnde französische Bevölkerung ruhigzustellen sein wird.

In Deutschland weiß man sehr wenig über die Verhältnisse in Frankreich, umgekehrt ist es etwa genauso: mangelnde Neugier, mangelndes Interesse an den Menschen, eine sehr kalte und gleichgültige Nachbarschaft, keine ordentlichen Sprachkenntnisse.

In den ersten Jahren hier habe ich mich immer gewundert, dass weder die Deutschen noch die Franzosen mich mal gefragt haben, wie’s denn auf der anderen Rheinseite so ist. Tun sie nicht. Wollen sie nicht wissen. Dafür gibt es die einschlägigen Berichterstatter für die amtlichen Zeitungen und Sender aus den Hauptstädten, und damit ist das geregelt. Und wenn in der Süddeutschen steht, die Gelbwesten seien so was Ähnliches wie die Pegida, was haarsträubend ist, dann „sind“ sie so was Ähnliches wie die Pegida.

 

Multipolar: Wie schätzen Sie Macron ein? Was hat er in Frankreich bewirkt?

 

Vanderbeke: Kurz nachdem Macron gewählt wurde, habe ich bei einer amerikanischen Journalistin die Formulierung gelesen, er sei so ziemlich das Roboterhafteste, was es in der Politik im Augenblick gäbe. Und bevor er gewählt wurde, bin ich überall rumgelaufen und habe allen Leuten hier gesagt, dass ich alles verstehen würde: meinetwegen die Sozialisten, meinetwegen auch den FN, warum nicht die Grünen oder sehr gern auch „La France insoumise“, alles könnte ich nachvollziehen, nur wie man auf die Idee kommen könnte, einen Typen zu wählen, der aus dem Off erscheint, keine Partei und kein Programm hat und ganz offenbar auf nichts anderes zählen kann als auf irgendwelche Elite-Seilschaften, und die Leute haben mich angeschaut und gesagt, hübsch ist er schon und mal was anderes.

Dann hat er binnen kürzester Zeit das Parlament erst gecastet und dann dieses Parlament sich selbst entmächtigen lassen, und jetzt kommt das eigentlich Gefährliche: seitdem wird hier per Dekret regiert. Willkür heißt das, und Willkür fühlt sich grässlich an und hat den Zorn vieler Menschen geweckt. Das Interessante daran ist: wenn es in der Türkei so gemacht wird, kann jeder sofort sehen, dass es mit Demokratie nichts zu tun hat, aber Macron brauchen wir in der EU, nach dem Brexit als strahlenden Retter europäischer Illusionen, da sehen wir lieber nicht so hin. Außerdem ist er ja charmant und weltgewandt und kann so niedlich lächeln.

Gerade letzte Woche hat man gesehen, dass das auch der deutschen Regierung sehr verführerisch erscheint: man bestellt das Parlament am Mittwoch mal für anderthalb Stunden ein, die winken die Infektionsschutz-Geschichten und sonstigen Notstands-Angelegenheiten durch, brechen dem Grundgesetz mal kurz das Genick, gehen dann wieder heim ins „Home-Office“, Fragen gibt’s nicht, Kontroversen gibt’s nicht, debattiert wird nicht, und den Rest der „Krise“ übernimmt „die Stiftung“, beziehungsweise das Robert-Koch-Institut.

In Frankreich haben die Politiker seit etlichen Jahren eine sehr offen verächtliche und arrogante Haltung zu ihren Bürgern, von denen sie nach meiner Einschätzung nur recht wenig verstehen. Das macht ihnen natürlich nichts aus, solange diese Bevölkerungen nicht in der Lage sind, sie aus dem Sattel zu schubsen. Gerade hatte Frankreich ein bewegtes und ziemlich aufständisches Jahr hinter sich. Es hat viele Tote und Verletzte gegeben und sah manchmal knapp danach aus, als würden die Franzosen ihren Präsidenten vielleicht doch aus dem Sattel schubsen. Auch so muss man das Virus denken.

 

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