Guten Abend, meine Damen und Herren.

 

Bevor ich auf das heutige Thema zu sprechen komme, nämlich das Rübermachen, das Abhauen, das Umsiedeln und die Flucht, möchte ich Uwe Johnson kurz drei Meldungen rüberschicken, drei kleine Geburtstagsgeschenke gewissermaßen aus unserer Gegenwart in seine und die Lebenszeit seiner Gesine Cresspahl. Gesine hätte diese Meldungen interessiert zur Kenntnis genommen.

 

Am 13.6.2018 wusste die Welt schon, dass es seit längerer Zeit Veränderungen im Permafrost-Bereich gibt.

Der Boden taut, zum Beispiel in der Tundra in Alaska,  wo Öl gefördert wird. Damit verkürzen sich die Frostperioden, der jährliche Zeitraum schrumpft, in dem die Anlagen zugänglich sind, weil die schweren Fahrzeuge der Ölgesellschaften nur über festgefrorene Böden fahren können.

Konnte in Alaska in den Siebzigerjahren noch ein halbes Jahr lang Öl aus dem Boden gepumpt werden, so hatte sich der Förderzeitraum Anfang unseres Jahrhunderts auf nur noch zwei Monate pro Jahr verkürzt.

Seit einer Weile sind nun sogenannte Thermosiphons im Einsatz, die in die Böden gesteckt werden und ihnen die Wärme entziehen. Keep them frozen, würde in der New York Times stehen, aber sie berichtet darüber nicht. Man muss dafür abgelegenere Informationsquellen kennen, zum Beispiel die kanadische ArcticFoundations (http://arcticfoundations.ca/2017/10/02/keeping-it-frozen/).

Der Autor des Berichts bei Arctictoday stellt fest, dass da „eine handfeste Ironie“ im Spiel ist: Die Ölindustrie arbeitet an der Verlängerung der Wintersaison, um den Stoff aus dem Boden zu holen, dessen Verbrennung am meisten zur Klima-Erwärmung beigetragen hat, die wiederum die Wintersaison verkürzt, weshalb weitere und weitere energieintensive Kühlsysteme ab 2016 erforderlich gewesen sein werden, weil bereits im Jahr 2015 das winterliche Zeitfenster wieder kleiner zu werden begann.

In der Literaturwissenschaft nennt man die Verwechslung von Ursache und  Wirkung Metalepse. Ich komme später auf dieses Wort zurück. Einstweilen erzähle ich Ihnen aber gleich noch so eine, und zwar diesmal aus Gründen der Symmetrie zur eben erzählten Nordpol-Geschichte die passende für den Südpol, deren technologische Wurzeln nicht ganz zufällig auch bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts reichen. Das war, als Johnson seine „Jahrestage“ verfasste.

 

Der Klimawandel lässt nicht nur den Nordpol auftauen, er sorgt auch durch Erwärmung, Hitze, ausbleibenden Regen und viele weitere Komponenten für Dürre in anderen Regionen der Welt. Betroffen ist zum Beispiel Kapstadt, wo der Tag Zero für diesen Mai angekündigt war und schon ein Song-Kontest ausgeschrieben wurde. Gesucht wurde ein eingängiges zweiminütiges Lied mit möglichst peppigem Text, der dem Sänger bzw. Zuhörer durch seine Schlusspointe signalisiert, dass jetzt kein Wasser mehr aus der Dusche kommt.

Aber das Singen von Liedern hilft nicht gegen den Durst.

Die innovative Lösung dagegen habe ich in der NZZ gefunden.

Ein Schweizer Investor will einen Eisberg im Südlichen Ozean einfangen, der knapp 3000 km von Südafrika entfernt herum schwimmt, und mit großen Tankern nach Kapstadt schleppen (https://www.nzz.ch/panorama/ein-eisberg-fuer-kapstadt-ld.1383098).

Kosten soll das Unternehmen 130 Millionen Dollar, der Treibhauseffekt der Kreuzfahrt mittels großem Tanker ist gesichert, die klimatischen Folgen der Entführung von Eisbergen am Südpol können später untersucht werden oder auch gar nicht. Das Unternehmen, das die Bohrmaschinen liefert, freut sich über den Zuschlag, die Pumpenfirma auch.

 

Nicht so dekorativ wie die beiden obigen ist die folgende Geschichte, mit der wir etwas brüsk zum Thema des heutigen Abends kommen:

 

"600 Millionen Inder leiden unter Wasserknappheit

Neu Delhi (dpa) - Wasserknappheit und schlechte Wasserqualität bedrohen einem Bericht zufolge viele Millionen Leben in Indien. Derzeit litten 600 Millionen Inder unter hohem bis extremem Wassermangel, heißt es in dem Bericht des staatlichen Think Tanks Niti Aayog..., und bis zum Jahr 2020 werde 21 Großstädten wegen sinkender Grundwasserpegel das Wasser ausgehen.“

Der staatliche Think Tank Niti Aayog hat diese Zusammenfassung eines von der indischen Regierung in Auftrag gegebenen und der Öffentlichkeit am am 15. Juni 2018 vorgestellten Berichts herausgegeben, und über die dpa ist sie in Deutschland bis ins kleinste Regionalblatt verbreitet worden und an die meisten deutschen Zeitungsleser gelangt. Die Deutsche Presse-Agentur ist nach ihren eigenen Worten marktführender „Dienstleister für die Sammlung, Bearbeitung, Bereitstellung, Verbreitung und Verwertung von multimedialen Inhalten im In- und Ausland.“ Ihre Marktführerschaft hört allerdings an den deutschen Sprachgrenzen auf. Ich wiederum lebe im französischen Sprachraum. Die dort marktführenden Nachrichtenagenturen haben der Meldung des indischen ThinkTanks nicht so viel abgewinnen können wie die dpa, deshalb haben sie sie nicht in ihr Nachrichtenangebot übernommen, und deshalb wurde auch nicht darüber berichtet. Die Franzosen befinden sich damit, im Unterschied zu ihren deutschen Nachbarn, im Zustand vollkommener Ahnungslosigkeit über den Umstand, dass 600 Millionen Inder demnächst ohne Trinkwasser sein werden und sich, allen historischen Erfahrungen nach, bei Gelegenheit auf den Weg in wasserreichere Regionen auf dieser Erde machen werden.

Die New York Times hat der katastrophalen Situation auf dem indischen Subkontinent am17. Juni einen sehr ausführlichen Bericht gewidmet, in dem sie auch mitteilt, dass die indische Regierung Touristen darum bittet, die bedrohten Städte zu meiden, weil das Wasser schon für die Einheimischen nicht reicht. Die New York Times kann unbesorgt davon berichten. Mit dem Finger auf dem Globus kann man nämlich recht rasch entdecken, dass indische Flüchtlinge sich kaum in Richtung USA auf den Weg machen werden. Das reiche Europa, von dem bekanntlich der Rest der Welt nur träumen kann, liegt eher in realistischer Entfernung.

Vermutlich um die Franzosen nicht nervös zu machen, bringen das ihre Medien gar nicht, bei den Deutschen erschien es nur als knappe Meldung, das klingt sachlich und geht niemanden etwas an.

Wir sind es gewöhnt, dass die Medien, ebenso wie die anderen Mächtigen dieser Welt, über das globale Narrativ herrschen und es, wie es ihnen passt und gebraucht wird, unterschiedlich formen und anschließend je nach Region bzw. je nach Kultur, die dadurch ersetzt werden soll, sortieren und zur Anwendung bringen.

Wir sind es gewöhnt, dass die Rhetorik nicht der Entschlüsselung von Wirklichkeit, gar Wahrheit, dient, sondern dass im Gegenteil sehr häufig alle Register gezogen werden, um den Adressaten, den Gegner, den Bürger, den Konsumenten, das zu manipulierende Objekt, in den Zustand kognitiver Dissonanz zu versetzen.

Der Zustand kognitiver Dissonanz, meine Damen und Herren, ist nichts Neues, der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger hat den Begriff in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts geprägt.

Am niedlichsten hatten aber die Rheinländer schon lange vorher erfasst, worum es dabei geht. Sie sagen: Ich sauf mir die Braut schön.

Der Zustand kognitiver Dissonanz ist sehr eng mit dem Zustand verknüpft, in dem sich vor Jahrzehnten, als Uwe Johnson noch lebte, die DDR befand, der sehr daran gelegen war, ihren Bewohnern weiszumachen, sie sei ein demokratischer Staat, was sie allerdings nicht war. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich.

Meine Patentante Inge Mahlow zum Beispiel hat es mühelos fertig gebracht, sich die Braut schön zu saufen, selbst noch, als ihr Sohn Steffen, der partout nicht zur Volksarmee wollte, sich schließlich dortselbst während seiner Grundausbildung erschossen hatte.

Menschen neigen dazu, sich die Braut schön zu saufen. Das hat mit dem Hang zur Bequemlichkeit zu tun.

Wer das nicht hinkriegt, dem kommt die Wirklichkeit abhanden.

Dieses Phänomen wiederum hat der Lyriker Kurt Drawert in einem kurzen Text über Uwe Johnson beschrieben: „In gewisser Weise ist mir das Land heute, wo es mir in den Gedanken erscheint, gerade in seiner Abwesenheit, seiner Verlorenheit, real. Als ich in ihm lebte, war es mir immer sehr unwirklich erschienen. Das übergangslose Ineinanderfallen von Bildern, Stimmen und Szenen, wie wir es in Johnsons Mutmaßungen über Jakob finden, diese raschen Wechsel der Orte des Sprechens, die die Figuren immer ein wenig langsamer sein lässt, als das, was mit ihnen geschieht, so als müssten sie durch einen weiten Nebel hindurch und als agierten sie in einem Szenario der Träume ... Das hält sehr viel davon fest, was ich mit Unwirklichkeit meine. Dieses Gefühl von Unwirklichkeit hat seinen Grund darin gehabt, dass die Wirklichkeit eine abgeschaffte Wirklichkeit war.“

Drawert hat dies im Jahr 1994 geschrieben. Im Jahr zuvor war er aus dem Osten der wiedervereinigten Republik in den Westen gezogen.

„Gewiss ist die Abschaffung der Wirklichkeit auch ein westliches Problem“, schreibt er. „Aber bei aller medialer Vermitteltheit und Virtualität, wie wir sie heute erleben und wie sie doch auch ihre Widerstände und Gegenkräfte hat, ist das Reale den Systemen des Ostens ein größeres Problem gewesen.“

Hier hätte ich dem Kollegen schon 1994 widersprochen. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich meinerseits im Jahr zuvor auch umgezogen war, nämlich von Deutschland nach Frankreich, nachdem ich, vier Jahre nach der Wende, das sichere Gefühl hatte, dass dem nun gesamtdeutschen Land die Wirklichkeit abhanden käme und meine Familie und ich in der Fremde vermutlich eher Boden unter die Füße kriegen würden als hier, wo wir den Stoff schon eine ganze Zeit kannten, aus dem in Westdeutschland das Szenario der Träume gewebt worden ist.

In diesen Jahren habe ich mich noch einmal an die Lektüre von Johnson gemacht, nachdem ich den wunderbaren Rostocker Literaturwissenschaftler Jürgen Grambow kennengelernt hatte, der mich später freundlicherweise oft zum Lesen hierher eingeladen hat und der mir heute Abend sehr fehlt. Zum ersten Mal haben wir uns im Wendland bei einer Zusammenkunft von Autoren und Kritikern getroffen, und es war ein sehr langer Abend geworden. Grambow war unglücklich, aufgebracht und fast ein bisschen verstört. Nach der Wende war er entschlossen gewesen, hier im Osten das große schwarze Johnson-Loch zu schließen. Johnson war in der DDR bekanntlich verschwiegen, nicht gedruckt, folglich nicht gelesen worden. Das wollte Jürgen Grambow ändern.

In Frankfurt am Main, wo Johnsons Verlag saß, gab es einen Schatz, der zum Glück inzwischen ist, wo er hingehört, nämlich hier in Rostock. Das Johnson-Archiv. Da wollte Grambow hin, um seinen Autor besser kennenzulernen, als es ihm zuvor möglich gewesen war.  Als er ankam, machte er allerdings die schmerzhafte Erfahrung, dass man nicht so einfach als Ossi daherkommen, im Westen in ein privates Archiv hineinspazieren und zu einem Autor forschen kann, der seit 1959 mit Haut und Haaren und nach seinem Ableben auch noch für siebzig weitere Jahre dem Verlag Suhrkamp gehört, und der Verlag hatte vor sein exklusives Johnson-Archiv einen wissenschaftlichen Zerberus gesetzt zur Wahrung des Deutungsmonopols über diesen Autor. Grambow musste draußen bleiben.

Bevor ich jetzt weiter auf die Schwierigkeiten des Drinnen und Draußen, des Hüben und Drüben eingehe, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass diese Schwierigkeiten inzwischen sehr häufig mit einem  Phänomen zu tun haben, von dem ich eingangs schon gesprochen habe und das in der Sprach- wie auch in der Erzählwissenschaft Metalepse heißt. Ich habe die Metalepse kennengelernt, als ich mich während meines Studiums mit Rhetorik beschäftigt habe. Die Rhetorik, also die Lehre von der Redekunst, befasst sich mit all den verschiedenen Bewegungen, die man mit und in der Sprache vollführen kann, meistens mit dem Zweck, etwas zu erreichen, also Einfluss auf die Wirklichkeit zu nehmen und sie zu seinen Gunsten zu gestalten.

Johnson und ich teilen die Vorliebe für die Metalepse. Ich habe sie zwar nicht erst bei ihm kennengelernt, dort allerdings bin ich ihr mit Entzücken wieder begegnet. Das kann man praktisch auf Schritt und Tritt, es hat den einen oder anderen plot-gewohnten Leser verwirrt, ist aber weit weniger geheimnisvoll, als Sie denken. Jedenfalls in der Literatur.

Im wirklichen Leben ist die Metalepse eine sagenhaft gefährliche Grenzüberschreitung. Ich rechne sie inzwischen zur schwarzen Magie. Vor zehn Jahren habe ich in meiner Vorlesung anlässlich der Brüder-Grimm-Professur in Kassel darüber gesprochen und sie als den Tropus der Virtualität, der Trueman-Show und des Second Life bezeichnet. Unser heutiger Gastgeber Holger Helbig hat genauestens beschrieben, wie Johnson sie einsetzt:  „Der Autor unterbricht eine Figur der Fiktion. Damit macht er sich selbst zu einer.“ (text und kritik 65/66, 158) Das klingt so:

„Wer erzählt hier eigentlich, Gesine. Wir beide. Das hörst du doch, Johnson.“

Der Autor schreibt sich in sein Buch hinein und unterhält sich mit seiner erfundenen Protagonistin. Realität und Ausgedachtes werden verquickt, verdreht, vertauscht, auf den Kopf gestellt, zum Tanzen gebracht.

In Kassel habe ich zum Beleg für meine eigene Affinität zu Metalepsen auf den Schluss meines Buches „Die sonderbare Karriere der Frau Choi“ verwiesen. Im Jahr 1996 allerdings war das erste Buch, das ich in Frankreich geschrieben habe, kompositorisch eine einzige Fingerübung in der Metalepse. Mein Nachdenken über das 21. Jahrhundert muss wohl etwa um diese Zeit herum angefangen haben.

Das Buch heißt „Ich will meinen Mord“, und ich kann noch über zwanzig Jahre später laut lachen, wenn ich es selber wieder lese. Es steht unter dem Motto „Man muss jedem misstrauen, der Ordnung schaffen will“. Das hat einer meiner Lieblingsautoren gesagt, Denis Diderot.

Hier kommt der Anfang des konsequent ordnungsfreien Buches, von dem Sie sofort hören, dass es klimatisch und sprachlich in Regionen spielt, die Mecklenburg quasi diametral entgegengesetzt sind. Ungefähr so diametral wie New York. Oder wie Sheerness.

"Ich bringe ihn um.

Das ist es, was ich tun werde.

Von vornherein.

Gleich auf der ersten Seite.

Ohne ihn zu kennen; bevor ich ihn kennenlerne.

Lieber ein sauberer Mord, als ihn kennenzulernen. Anonym sozusagen, das erleichtert die Tat. Ich gebe zu, daß mir nicht wohl ist. Mein erster Mord darf mir eine Beunruhigung sein, denke ich, niemandem geht so ein erster Mord leicht von der Hand.

Die Notwendigkeit der Tat wird dadurch nicht in Frage gestellt. Ein Blick auf Viszman hat genügt, um zu wissen: Er oder ich. Also ich.

Bleibt für den Anfang die Frage der Waffen.

Wählen Sie, Viszman.

Viszman weiß nicht, dass er Viszman heißt, und ich weiß nicht, wie er heißt. Ich will es auch gar nicht wissen. Um keinen Preis will ich ihn kennenlernen."

 

Wir bleiben jetzt noch mal einen Moment literaturwissenschaftlich, indem ich Sie auf einen großen Erzähltheoretiker des letzten Jahrhunderts aufmerksam mache, den ich während meines Studiums begeistert gelesen habe, Gérard Genette. Genette verweist auf die Grenze zwischen zwei Welten: zwischen der, in der man erzählt, und der, von der erzählt wird. Wenn diese Grenze überschritten wird,  spricht er von Metalepsen. Durch das Spiel mit den räumlichen und zeitlichen Grenzen der unterschiedlichen Welten erreicht die Metalepse die Brechung des Logischen. Das irritiert.

Seinerzeit in Kassel habe ich es so herum zu erklären versucht: Kleine Kinder, wenn sie ihre ersten metaleptischen Erlebnisse haben, fragen ihre Mutter ängstlich, ob sie vielleicht gar nicht leben, sondern nur träumen, dass sie leben.

 

Was ich Ihnen vor Augen bringen möchte, ist das Moment der „Verwirrung“ oder auch, wenn wir Verwirrung weiterdenken, der Verstörung.

In unserem Jahrhundert hat Verstörung narratologisch sehr vielfältige Formen angenommen, die folgendermaßen klingen:

 

„unreliable narrators, […] multiple time-lines, unusual point of view structures, unmarked flashbacks, problems in focalization and perspectivism, unexpected causal reversals and narrative loops.“

 (https://www.diegesis.uni-wuppertal.de/index.php/diegesis/article/view/190/271)

 

Der Berliner Filmwissenschaftler Thomas Elsässer spricht im Jahr 2009 englisch. Was er sagen will, ist, dass das Erzählen inzwischen komplett spinnt: Wir haben es mit unzuverlässigen Erzählern zu tun, mit multiplen Zeitlinien, ungewöhnlichen Standpunkt-Strukturen, nicht markierten Rückblenden, mit Problemen bei Brennpunkten und Perspektiven, unerwarteten kausalen Drehungen und erzählerischen Schleifen.

So sieht’s aus, nachdem wir das literarische Jahrhundert von James Joyce, William Faulkner, Uwe Johnson, John Dos Passos, Don de Lillo und Thomas Pynchon mit all ihren Abstraktionen, ihren intertextuellen Komplexitäten, Anspielungen, Zitaten, Verweisen und exquisiten Grenzüberschreitungen hinter uns haben.

 

Wohin diese extrem ernst zu nehmenden Spielereien führen könnten, wusste Johnson und bietet uns die Aussicht auf unser Jahrhundert bereits in seiner Büchnerpreisrede an, als er von einem Gefängnisaufstand berichtet, der sich 1971 im Bundesstaat New York, ereignet hat und der später Eingang in so etwa sämtliche kulturellen Sparten gefunden hat. Lieder, Filme, Fernsehserien, Bücher und natürlich Comics handeln davon. Johnson war der erste, der davon literarischen Gebrauch gemacht hat:

 

„Am 14. September meldete die New York Times von der Revolte der Eingesperrten im Gefängnis von Attica, New York, die Häftlinge hätten den als Geiseln gehaltenen Schließern die Kehlen durchgeschnitten, während die Ordnungsmächte den besetzten Teil des Gebäudes stürmten. Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen sagte auf die Nachricht, ohne zu zögern: im Gegenteil seien die Geiseln unter den Schüssen der Polizei gestorben! zur heftigen Bestürzung einer Mutter, die dem Kind gerade politische Unterweisung nicht vorenthält und deren Kummer über die Lage der Nation sich ausdrücken kann in dem Ausruf: Ach unser Land! Am Abend war offenbar, daß das Kind die Wahrheit eher gefunden hatte als die angesehenste Zeitung des Landes.“

 

Was war genau passiert?

Während des Aufstandes, mit dem bessere Haftbedingungen erwirkt werden sollten, kam ein Angestellter ums Leben, bei der Niederschlagung des Aufstandes wurden zweiunddreißig Häftlinge und zehn Angestellte erschossen, achtzig weitere Personen wurden verletzt. Gefängnisaufseher hatten zunächst Tränengasgranaten in den Gefängnishof geworfen,  und anschließend ballerten die zur Hilfe gerufenen Beamten der New York State Police und etliche Aufseher eine Stunde lang mit Gewehren in den Granatnebel, was das Zeug hielt.

Bei Wikipedia ist zu lesen: „Während und nach der Rückeroberung des Gefängnisses erfolgten gewaltsame Übergriffe und Folter gegen viele der Inhaftierten. Es dauerte fast dreißig Jahre, bis den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten eine finanzielle Entschädigung zugesprochen wurde.“

 

Staatsgewalt und die dazugehörigen Lügen, darüber brauche ich heute Abend nicht viel zu erzählen, kannte Johnson. Sie waren der Grund für seinen Umzug von Ost nach West. Die dazugehörigen Daten sind in jeder ost-westdeutschen Exil-Biographie des vergangenen Jahrhunderts der 17. Juni 1953, der 23. Oktober 1956 und die Folgen in Ungarn, der Mauerbau vom 10. August 1961 und der Einmarsch russischer Truppen in Prag am 20. August 1968, dem letzten Tag von Johnsons „Jahrestagen“. Später kam noch ein Tag hinzu, der in Johnsons Erzähluniversum keine Rolle mehr spielte. Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann ein Konzert in Köln. Anschließend verweigerten ihm die DDR-Behörden die Wiedereinreise nach Ostberlin.

 

Als ich meinem heutigen Geburtstags-Vortrag die Überschrift gab, war ich erneut beim Lesen über die sonderbare Formulierung gestolpert, mit der Uwe Johnson seinen Ortswechsel bezeichnete: „Übersiedeln“.

Dieses Wort musste ich auch benutzen. Meine Eltern hatten es mir eingeschärft, nachdem sie sich und ihre Kinder kurz vor dem Mauerbau in den Westen verbracht hatten: Auf jeden Fall sollte ich das Partizip „übergesiedelt“ verwenden. Zur Not auch „umgezogen“. Auf keinen Fall sollte ich „abgehauen“ sagen oder „geflüchtet“. Alles war völlig legal gewesen, also eine Übersiedlung.

Anders verhielt sich das Grenzüberschreiten bei Helga Novak. Helga Novak war eine große deutsche Lyrikerin. Das konnte man leider im  Osten nicht wissen. Die ist gleich zweimal rausgeflogen. Und die wäre auch nicht wieder reingekommen, selbst als sie schon alt und krank war, wenn nicht ihr Verlag den Bundespräsidenten Johannes Rau dazu gekriegt hätte, bei den Behörden vorstellig zu werden und darum zu bitten, dass man die staaten- und heimatlose Person doch nach Hause und dort in ärztliche Behandlung lassen möge, das war fast zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR und ist eine beschämende Episode in der deutschen Geschichte. Ich halte es für eine Schande.

Zwerenzens wiederum sind abgehauen, zuerst nach Dahme zu Ingrid Zwerenz’ Eltern und von dort aus ein halbes Jahr später nach Köln. Das weiß ich deshalb, weil ich ein paar Wochen vorher in Dahme geboren bin und meine Mutter dort Lehrerin war. Unter anderem war sie die Lehrerin von Ingrid Zwerenz gewesen.

 

Rübergemacht haben sehr viele, und Hans-Joachim Schädlich hat die Autoren unter den Rübermachern mal aufgezählt, und zuvor „pauschal gefragt: Zu welcher deutschen Literatur gehören die folgenden Autoren, die allesamt aus dem Osten in den Westen gezogen sind, und zu welcher Literatur gehören ihre Bücher?“

Es folgen sechzig Namen. Alphabetisch von Rudolf Bahro bis Gerhard Zwerenz. Anschließend stellt Schädlich fest: „Die Liste ist unvollständig.“ (Johnson-Jahre, S.493 f.)

Mir fallen spontan noch die beiden Kinder Gert Loschütz und Birgit Vanderbeke ein, Loschütz war elf, als seine Eltern von Genthien nach Dillenburg zogen – irgendwann während der deutschen Ereignisse, die dem XX. Parteitag der KPdSU in Russland folgten, ich war fünf, als meine Mutter die Sache – wie Johnson – per S-Bahn anging und wir dann vom Flüchtlingslager Marienfelde ausgeflogen wurden in die BRD. Eine Übersiedlung sei das gewesen, haben meine Eltern mir immer wieder eingeschärft. Es schien ihnen wichtig zu sein. Johnson war es auch wichtig, und Zwerenz hat das sehr geärgert. Zwerenz war überhaupt auf Johnson nicht gut zu sprechen. Die beiden kannten sich aus Leipzig, wo sie studiert hatten, Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Ernst Bloch, Johnson bei Hans Mayer. Ich zitiere Zwerenz:

 

„Im Gegensatz zu den Flüchtlingen sei Johnson eben nicht geflüchtet, vielmehr ‚übergesiedelt’, habe seinen ‚Wohnsitz im Westen genommen’ und wie die edlen Formulierungen noch lauteten, die er reichlich gebrauchte, um sich abzugrenzen von der dumpfen Volksmasse.“

 

Im Gegensatz zu Uwe Johnson wurden in den Fünfziger- und Sechzigerjahren so gut wie alle anderen Autoren, die „dumpfe Volksmasse eben“, im Westen keineswegs brüderlich oder schwesterlich in die Arme geschlossen und freundlich aufgenommen, und das Phänomen wiederholte sich mit der ostdeutschen Gesamtbevölkerung bekanntlich später in großem Stil.

Jürgen Grambow war, das habe ich Ihnen erzählt, als Wissenschaftler im Jahr 1991 von der Zurückweisung so überrumpelt, entsetzt und erschüttert wie seine Kompatrioten allesamt in den Jahren nach 1989, dabei hatten sie alle Brecht gelesen: „Was für eine Kälte/Muß über die Leute  gekommen sein!.../So helft ihnen doch/ und tut das in Bälde“.

Wir hätten ihnen vorher von dieser Kälte erzählen können und davon, was diejenigen erwartet, die über die westliche Welt vornehmlich durch Funk und Fernsehen unterrichtet worden waren in einem einschmeichelnden, gurrenden Ton, mit dem sie verwandtschaftlich angesprochen wurden, infolgedessen sie dachten, das wäre auch so gemeint, und so würden sie auch behandelt. Da allerdings waren sie angeschmiert. Kognitive Dissonanz.

Klarer als Uwe Johnson im Jahr 1970 hatte das wohl kaum jemand formuliert: „So werden nicht Leute behandelt, mit denen man eine Einheit will. So widerlich war der Eintrittspreis nicht zu erwarten gewesen.“ (Uwe Johnson, Wo ich her bin, 27)

Das wussten wir also zu der Zeit leider schon genau, ich wusste es, seit ich fünf Jahre alt gewesen war, und das konnte ich also auch Grambow an einem langen Abend im Wendland schildern, und der hörte sich das gespannt an. Im Westen wollte das natürlich niemand hören. Im Westen war man damit beschäftigt, die Schuldigen des Unrechtsstaates zu suchen und vor den Augen der sensationsgeilen Menge an den Pranger zu stellen. Die Kleinen wurden gehängt. Des Weiteren war man damit beschäftigt, das Wort „Sozialismus“ aus dem Vokabular und den Köpfen der Bürger zu streichen, von denen man die begabteren zu Konsumenten umzuerziehen gedachte. Die Sieger teilten die Beute unter sich auf, rissen sich das Land unter den Nagel, und heute steht das Ergebnis folgendermaßen in den Zeitungen:

„Ostdeutsche sind in den meisten Teileliten nach wie vor und selbst in den neuen Bundesländern deutlich unterrepräsentiert“. Die Rede ist von einem „erheblichen Elitenimport aus Westdeutschland“. Ich hab’ das  Wort aus dem Kölner Stadt-Anzeiger, man kann es aber überall lesen, und ich mag besonders in diesem Zusammenhang den Ausdruck von der „gefühlten Dominanz“ oder die Forderung nach einer „Ossi-Quote“.

Fühlen Sie sich dominiert, meine Damen und Herren.

 

Jetzt aber wieder zu Uwe Johnson und einem möglicherweise noch wenig beachteten biographischen Aspekt, den Gerhard Zwerenz sehr genau erkannt und der ihn verstimmt hat.

Uwe Johnson fuhr nicht nur etwa mit der Berliner Stadtbahn von Ost nach West, wie er immer wieder betonte, sondern dortselbst war ein unfassbar luxuriöses Nest für ihn gemacht worden.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob und wann er begriff, dass er als Eliteimport aus Ostdeutschland angesehen wurde, für den aufwändige Werbe- und Verbreitungsmaßnahmen ergriffen wurden und der in den anschließenden zwanzig Jahren als „unser Mann aus dem Osten“ inszeniert und vorgeführt worden ist, obwohl er wahrlich nicht der einzige Autor aus dem Osten war und obwohl er es hasste, DER Dichter beider Deutschlands sein zu sollen. Darüber hatte nicht er zu bestimmen.

Johnson ist mit seiner Übersiedlung einen mephistophelischen Deal eingegangen. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, dass er von Anfang an durch seinen Verleger üppig alimentiert wurde mit einem monatlichen Gehalt und die Dominanz dieses Verlegers daher nicht nur eine gefühlte war, sondern in handfeste Abhängigkeit mündete. Einige von denen, die Siegfried Unseld liebte, hat er auf diese Weise finanziell in seine Gewalt gebracht.

Falls Johnson das Tückische daran bemerkt hat, wovon wir ausgehen können, war es jedenfalls zu einem Zeitpunkt, an dem es für ihn zu spät gewesen sein dürfte, um aus der Geschichte noch auszusteigen. Hier spreche ich über das Muster. Die Schuldenkrise Griechenlands, Spaniens, der dritten Welt.

 

Und jetzt erzähle ich Ihnen mal etwas eingehender von den Tücken, in die Uwe Johnson geraten ist.

Der Suhrkamp Verlag – ebenso wie der Verlag Kiepenheuer & Witsch – hatte höchst eigentümliche Beziehungen zur CIA, die in den Jahren des Kalten Krieges in der europäischen Literatur eine gewisse Rolle spielte und sich das auch eine ganze Menge Dollar kosten ließ.

Erstmals berichtete die New York Times zu einer Zeit davon, als Johnson sie gerade täglich las, nämlich 1966 in einer Artikelserie, die unter anderem den CCF und seine Tätigkeiten untersuchte. Der CCF war ein von der CIA gegründeter und finanzierter Verein, der im Kalten Krieg europäische Künstler beeinflusste zu pro-westlichen, antikommunistischen Haltungen und Werken. „Congress for Cultural Freedom“. Nachdem die geheimdienstlichen Wurzeln des verdeckten Unternehmens aufgedeckt worden waren (damals war das eine Aufgabe von Journalisten, heute geht so was nur noch per Leaks), wurde ein neues Etikett draufgeklebt. Der Laden hieß nun „International Association for Cultural Freedom“ und wurde von der dem Geheimdienst CIA eng verbundenen Ford Foundation finanziert.

Wiederum der Symmetrie halber möchte ich darüber nachdenken, was die britische Historikerin Frances Stonor Saunders später zusammenfasst: „Ob sie es mochten oder nicht, ob sie es wussten oder nicht, es gab nur wenige Autoren, Dichter, Künstler, Historiker, Wissenschaftler oder Kritiker im Nachkriegs-Europa, deren Namen nicht auf die eine oder andere Weise mit diesem verdeckten Unternehmen verbunden waren.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Kongress_f%C3%BCr_kulturelle_Freiheit

Der 2006 auf ARTE ausgestrahlte Film ist inzwischen im Internet frei zugänglich, er heißt „Benutzt und gesteuert. Künstler im Netz der CIA“.

Heinrich Böll publizierte bei Kiepenheuer & Witsch, er hatte intensive freundschaftliche Kontakte zu Schriftsteller-Kollegen in Russland und war schon durch diese  Kontakte und vermutlich unwissend in die kulturelle Einflusssphäre der amerikanischen Dienste verwickelt.

Beim Suhrkamp-Verlag sah die Sache etwas anders aus. Es war ein  ausgesprochen apartes „Szenario der Träume“,  in das Uwe Johnson geriet, als er in den Westen kam, und in dem alsbald alles in Bewegung gesetzt wurde, um diesen Eliteimport aus der ostdeutschen Provinz zum Kosmopoliten umzustylen und sodann als Kuriosität weltberühmt zu machen, also gewinnbringend zu exportieren. Englisch konnte er immerhin schon.

Als Johnson seine Karriere begann, war er vierundzwanzig Jahre alt. Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass ihm zu der Zeit auch nur ansatzweise klar war, was für ein aberwitziges und hinterhältiges Privileg es bedeutete, vom Suhrkamp Verlag zur Vermarktung erwählt zu sein und beispielsweise infolgedessen aufgrund einer Erstveröffentlichung, also als Debütant, bereits zum Harvard International Seminar eingeladen zu werden. Während seiner viermonatigen USA-Reise wurde Johnson im übrigen überall herumgereicht und eingeladen. Bei lauter feinen Leuten der amerikanischen Crème de la Crème.

Denken Sie jetzt mal kurz an Jürgen Grambows Erfahrungen mit diesem Verlag.

Das hier war ganz was anderes.

Da hat ein Verleger ein Genie entdeckt, dann hat er in das Genie investiert, und das Genie hat’s zu spät kapiert.

Das Harvard International Seminar war eine einzigartige elitistische Veranstaltung (nicht ganz: in Salzburg gab’s auch so eine). Sie wurde von dem gnadenlos begabten Henry Kissinger alle Jahre bis 1968 abgehalten und hatte die Aufgabe, künftige  Führungskräfte aus aller Welt miteinander in Kontakt zu bringen und zu vernetzen, vor allem aber sollte sie die Nachwuchshoffnungen mit den amerikanischen Ideen, Werten und  Zielvorstellungen vertraut machen und dem „american way of life“ gewogen stimmen. Siegfried Unseld hatte erstmals 1955 daran teilgenommen, gemeinsam mit Ingeborg Bachmann, 1958 fuhr Martin Walser hin, und 1961 war also Johnson zur transatlantischen Fortbildung eingeladen.

 

Ingeborg Bachmann wurde Anfang der Sechzigerjahre von der oben schon erwähnten Ford Foundation ein Jahr lang gefördert, Max Frisch war bereits 1951 in den Genuss eines einjährigen Stipendiums der Rockefeller Foundation gekommen, Uwe Johnson bekam auch so eins, und zwar 1967. Traditionell waren die Beziehungen zwischen der Familie Rockefeller und der CIA so innig wie die der Familie Ford. Während der Fünfzigerjahre spielten dabei die Brüder Dulles eine mächtige Rolle. Ich will das hier nur kurz antippen, weil Ihnen die Namen vermutlich nichts sagen. Die Franzosen wissen ja auch nichts von den 600 Millionen vom Trinkwasser abgeschnittenen Indern.

Der spätere amerikanische Außenminister  John Foster Dulles war Anfang der Fünfzigerjahre Treuhänder der Rockefeller-Stiftung. Sein Bruder Allen Welsh Dulles war womöglich die finsterste Figur der amerikanischen Intelligence Services, unter anderem der Urheber des Programms MKUltra, das die Möglichkeiten der Mind Control, also Gedankenkontrolle, zunächst mit chemischen, später mit psychologischen und linguistischen Mitteln erforschte und natürlich anwandte. Folter. Allen Dulles war im Krieg Direktor des OSS gewesen, des Amtes für strategische Dienste, anschließend Präsident des Council of Foreign Rights, ab 1953 Direktor der CIA, und später gehörte er der Warren-Kommission an, die den Mord  an J.F. Kennedy bekanntlich nicht aufgeklärt hat.

Wie eng nun wieder Henry Kissinger mit der CIA kooperierte, ist hinlänglich bekannt.

 

Hier möchte ich etwas salopp werden, um Ihnen die Bedeutung all dieser amerikanischen Netze für die westdeutsche Literatur plausibel zu machen.

Siegfried Unseld nämlich war seit seinem ersten Besuch in Harvard richtig dicke mit Kissinger befreundet, und seinen Verlag gestaltete er ganz nach dem amerikanischen Muster. Wir betreten das gediegene und getäfelte Gebäude eines angelsächsischen Herrenclubs. Mit Ausnahme der Quotenlady Ingeborg Bachmann, die allerdings im Hauptberuf dem Piper Verlag gehörte, kamen da nur Gentlemen rein. Ganz sicher nicht die „dumpfe Volksmasse“.

Schon als ich noch in Frankfurt in der Nähe des Verlags lebte und ins Café Laumer um die Ecke ging, kam der Verlag mir vor wie ein erlauchter Männergesangsverein. „Suhrkampkultur“ war das offizielle Wort, das George Steiner geprägt hatte. Inzwischen hat der Literaturwissenschaftler Jan Bürger, der den Nachlass von Siegfried Unseld erschließt, einen Text mit dem Titel „Die Kissinger Boys“ geschrieben (https://play.google.com/books/reader?id=h_Y9DwAAQBAJ&hl=de&printsec=frontcover&pg=GBS.PA5), der sehr schön verdeutlicht, dass das politische Projekt der „Summer School“ - wenig überraschend - darin bestand, "die Software des Kalten Krieges in die Köpfe der Stipendiaten einzuschreiben".

 

Dies, meine Damen und Herren, hat bei fast allen hervorragend funktioniert. Nach 1989 hat es schlagartig so gut wie überhaupt keine kritischen Intellektuellen in Westdeutschland mehr gegeben.

Dass Kissinger sich mit Vorliebe bei den deutschen Stipendiaten nicht um konservative oder rechte Intellektuelle kümmerte, leuchtet ein: Die linksliberalen mussten angefüttert, angefixt und an die künftigen globalen Eliten angebunden sowie natürlich in der Hauptsache etwaigen kommunistischen Ideen entfremdet werden.

 

Im Suhrkamp Verlag tummelten sich denn auch mengenweise Autoren einer Gattung, die in Frankreich seit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts „Kaviarlinke“ genannt wird. Wasser predigen, Sekt saufen.

Uwe Johnson verkrachte sich ungefähr mit allen. 1967 schrieb er einen furiosen satirischen Text gegen Hans Markus Enzensberger, Peter Weiß und etliche andere, die er die „guten Leute“ nannte und denen er boshaft und scharfsinnig ihr Pharisäertum um die Ohren haute. Die guten Leute sollten das Maul halten (Über eine Haltung des Protestierens, Kursbuch 9, S. 177 f.; zu lesen beispielsweise hier http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/1701).

Das Blöde daran war nur, dass er zu der Zeit gerade von Rockefellers versorgt wurde, und es würde mich sehr interessieren, ob er wusste, was das für ein Glashaus war, aus dem heraus er Steine auf die westdeutschen Kollegen schmiss, die in der Tat mit untauglichen Mitteln und moraliner Dürftigkeit völlig wirkungslos gegen den Vietnamkrieg protestierten und dem Kapitalismus in keiner Form gefährlich werden würden, weil sie allesamt ganz angenehm von den Subventionen lebten, den Almosen von den Tischen der Macht. Genau wie, als er das verfasste, der radikale Kapitalismuskritiker Uwe Johnson auch.

Es gibt von der Regel erfreuliche Ausnahmen, schließlich ist das Johnson-Archiv nicht von selber nach Hause geflogen, aber die Regel lautet dennoch:

Erst kommen das Öl, die Kriege, die Drogen, das Geld. Und dann erst die Mildtätigkeit und die Kultur. Und die Kultur kommt im Übrigen nur dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Bei den  Rockefellers ist das nicht anders, lieber Genosse Schriftsteller, und wie wir beide wissen, lässt die Investition in Kultur sich seit der Wende sehr gut vermeiden. Das war die zeitliche Grenze.

Gerhard Zwerenz schrieb schon vorher Pornos, wenn ihm das Wasser zum Hals stand. Damals verkaufte sich erotische Literatur noch ganz wacker.

Am Schluss seiner nicht nur bösen, sondern auch traurig enttäuschten Erinnerung an die Begegnungen mit Uwe Johnson kommt er im Jahr 2008 zu folgendem Befund: „99 Prozent der Schriftsteller sind verhaltensgestörte Monomanen, deren Unfähigkeit zur Solidarität nur noch von ihrem bedenkenlosen Egoismus übertroffen wird.“ (http://www.poetenladen.de/zwerenz-gerhard-sachsen25-uwe-johnson.htm)

 

Solidarität wäre es gewesen.

Haben wir nicht hingekriegt. Hat die CIA sich gar nicht groß anstrengen müssen. Im Jahr 1975 waren so ungefähr alle Grenzgänger mit allen verkracht und haben ihre Zänkereien unaufhörlich in den Zeitungen herumposaunt, dass kaum noch jemand Lust hatte zu lesen, was die Jungs eigentlich sonst so verfassen. Der Harich hat gegen den Raddatz gemotzt, der sich bei Johnson eingeschleimt hatte, aber der Johnson war eigentlich auch gegen den Raddatz, der spuckte den Zwerenz an, aber das amüsierte den bloß, weil er den Raddatz für einen Fatzke hielt, und so waren alle aufs herrlichste beschäftigt damit, ihre Animositäten und Eitelkeiten öffentlich auszutragen, nachdem der Vietnamkrieg zu Ende war und sie etwas Neues brauchten, womit sie ablenken konnten von den wichtigen Dingen, und zu der Zeit hat der Biermann noch nicht mal mitgemischt. Der war noch nicht mal rausgeflogen. Als der dann rausgeflogen war, ging’s erst richtig los mit dem Beleidigen und Beschimpfen.

 

Und jetzt kürze ich mal ab.

Denn jetzt sind wir plötzlich im 21. Jahrhundert, und in diesem Jahrhundert nun interessiert es so was von überhaupt niemanden mehr, was wir schreiben. Nicht mal mehr der Geheimdienst gibt einen müden Dollar dafür aus. Inzwischen läuft das nämlich völlig anders.

Die Aufklärung ist durch und, wie vorhergesagt, in die Barbarei eingemündet. Das Bürgertum ist abgeschafft, und mit dem Bürgertum entfallen ganz von selbst die Opern und die Romane. Das hat sich also erledigt.

Die Welt ist privatisiert und gehört sich selbst nicht mehr. Uns schon gar nicht. Wenig bemerkt worden ist der Umstand, dass nicht nur die Eisenbahn und die Straßen, die Krankenhäuser, die Bildung,  die Forschung und Lehre undsoweiter, die gesamte Infrastruktur unseres gesamtdeutschen Landes nicht mehr den Bürgern gehören, die sie bezahlt haben, sondern die Bürger sind längst auch ihrer Sprache beraubt, und hier also wird die Metalepse diabolisch.

Zuverlässig bleibt nämlich allein die kognitive Dissonanz der Bewohner der reichsten Länder dieser Erde übrig. Eine kognitive Dissonanz, die mit allen Mitteln der klassischen Rhetorik sowie der neueren Abteilungen des Mind Control und der neurolinguistischen Programmierung von den globalen Medien im Sinne ihrer Besitzer hergestellt wird.

Am Nine-Eleven-Commission-Report überraschte keineswegs, dass darin die untersuchten Vorfälle so wenig aufgeklärt werden wie der Kennedy-Mord im Warren-Report.

Nach dem Mord an Martin Luther King am   4. April 1968 hat Uwe Johnson für den 11. April in den Jahrestagen das hier festgehalten: „Es beginnt von neuem. Die Fragen sind verwandt mit denen nach der Ermordung John Kennedys.

Warum befahl die Polizei von Memphis kurze Zeit nach dem Schuß auf King die Fahndung nach einem weißen Mustang, mit dem Zusatz, der Wagen sei ausgerüstet mit einer Antenne wie für Empfang und Sendung auf dem öffentlichen Frequenzband?

Wer gab am 5. April um 18.35 h, 34 Minuten nach der Ermordung Kings, aus dem ‚Funkwagen 160’ durch, er verfolge einen weißen Mustang im Norden der Stadt in östlicher Richtung.

Gibt es jemanden in der Polizei von Memphis, der die Polizei von Memphis ablenken wollte, damit dem Mörder Kings ein westlicher Fluchtweg nach Arkansas oder ein südlicher nach Mississippi geöffnet wurde?“

 

Die bis heute ungeklärten Ereignisse des 11. September 2001 haben allerdings unmittelbar und zügig zur Beendigung westlicher Rechtsstaatlichkeit, völkerrechtlicher Grundsätze zur Wahrung des Friedens, zur Kündigung demokratischer Verhältnisse in den USA und in ihrer Folge auch den europäischen Ländern sowie zu einem nicht erklärten und vor allem nicht zu beendenden Dauerkriegszustand auf einer unübersichtlich großen Menge Territorien dieser Welt geführt, denen eine unüberschaubar große Menge Menschen zum Opfer gefallen ist und noch fallen wird. Nicht zählbar.

 

Und mich hat dann doch überrascht, dass es gegen die Überschreitung dieser Grenze hin zum völligen Verzicht auf den universellen Humanismus des Menschen-, Tier- und Naturrechts und der Brüderlichkeit keinen hörbaren Einspruch gegeben hat, obwohl vor unseren Augen infolge kapitalistischer Wachstumspraktiken die Schmelze an den beiden Polen inzwischen schon unumkehrbar weit fortgeschritten ist. Obwohl in Indien bei Gelegenheit 600 Millionen Menschen ohne Trinkwasser sein werden, auch wenn das in Frankreich kaum einer weiß und wissen kann, und dies waren nur die paar Beispiele, mit denen ich Gesine Cresspahl einen kurzen Einblick in ihre Zukunft verschaffen wollte. Ihre Zukunft und die ihrer Tochter Marie.

 

Über Marie und die Umstände dieser Zukunft sowie ihre Ursachen allerdings würde ich gern mit Uwe Johnson oder seinen Lesern oder den heutigen Geburtstagsgästen sprechen.

Auf die Frage, warum 1956 in der DDR keine Erneuerung der demokratischen Bewegung erfolgt ist, hat Gerhard Zwerenz eine Antwort versucht, die ich bedenkenswert finde: „Wir waren zu wenige und zu langsam.“

 

Und manchmal haben wir es den Gegnern auch unnötig leicht gemacht, möchte ich hinzufügen. Manchmal haben wir die Leute, von denen wir gern gelesen worden wären, der Bildzeitung, dem privaten Fernsehen, Facebook und Youtube geradezu in die Arme getrieben, all den Instanzen, die uns schließlich fast unbemerkt das Narrativ aus der Hand genommen haben. Das ganze Arsenal. Während wir Spielchen gespielt und nicht aufgepasst haben auf unser Handwerkszeug, und schwupps – mit einmal war’s weg.

Sie erinnern sich: unzuverlässige Erzähler, multiple Zeitlinien, ungewöhnliche Standpunkt-Strukturen, nicht markierte Rückblenden, Probleme bei Brennpunkten und Perspektiven, unerwartete kausale Drehungen und erzählerische Schleifen.

 

Am 12. September 1969 schlägt Uwe Johnson seinem Verleger für dessen geplante Anthologie  eines „Deutschen Mosaiks“ ein paar Texte vor. Von Heinrich Böll, Hans Werner Richter, Ernst Barlach, Kurt Tucholsky, Günther Weisenborn, Rainer Maria Rilke und Wolfgang Köppen.

Dazu bemerkt er: „Gegen einige dieser Texte ist einzuwenden, dass sie leicht verständlich sind. Wenn ihr aber auch einmal an die ausländischen Empfänger des Buches denkt: macht nur den Entwurf nicht noch kopflastiger mit Abstraktion.“  (Uwe Johnson, Siegfried Unseld, Der Briefwechsel, S. 583)

Auch für die inländischen Empfänger muss das gelten: Es gibt eine Zeit für die Abstraktion. Die war in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts abgelaufen, etwa als Uwe Johnson anfing, die „Jahrestage“ zu schreiben.

Johnson wusste das. Spätestens nach dem dritten Band.

„Hätte es damals eine Wahl gegeben“, schrieb er 1978, „ich riete mir von heute her zur Schmiedelehre.“ (Begleitumstände, S. 33)

Die Klugheit dieses Satzes ist, soweit ich das überschauen kann, bis heute nicht erkannt und gewürdigt worden.

 

Meinerseits hoffe ich von ganzem Herzen, dass Sie gegen meinen Vortrag vor allem nicht einwenden mögen, er sei leicht verständlich gewesen.

 

Haben Sie Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.

 

 

 

 

 

 

 

 

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