Bekanntlich sind Fremdsprachen für die überwältigende Mehrheit der Franzosen etwas Ähnliches wie der Gang durchs Fegefeuer für Katholiken. Eine Mischung aus Furcht und Entsetzen befällt sie, sobald sie auch nur daran denken, eine nicht französische Sprache erlernen und im Ernstfall sogar auch noch anwenden zu müssen.

Das betrifft das Englische ebenso wie alle anderen Sprachen, wobei das Deutsche womöglich eine Steigerung des Fegefeuers darstellt, weil es als schwierig gilt und somit die Fremdsprachenpein als solche noch einmal beträchtlich verschärft.

Deutsche hingegen lernen in ihren staatlichen Schulen – wenigstens behaupten die Statistiken das – Englisch. Irgendwie. Halbwegs praktikabel. Unvermeidlich auch, weil es auf die Deutschen niederprasselt, wo sie stehen und gehen. Manche nennen es Denglisch. In Frankreich, das wissen außerhalb des Landes nur wenige, steht Sprachpanscherei – zum Schutz der französischen Muttersprache - unter Strafe.

Neben dem Englischen soll es auch im Jahr 2017 in beiden Ländern noch eine „zweite Fremdsprache“ als Schulfach geben. Ich kann die deutsche Situation von hier aus nicht einschätzen, vermute aber, dass auch dort das schulische Angebot dieser zweiten Fremdsprachen die Klientel flächendeckend nicht erreicht, mir ist jedenfalls noch nie ein deutscher Staatsbürger begegnet, der die französische Sprache in der öffentlichen Schule tatsächlich gelernt hat.

 

Der Umstand, dass sich also Deutsche und Franzosen normalerweise nicht miteinander unterhalten können, wenn sie sich denn begegnen, ist allerdings nicht so tragisch, weil sie sich in der Regel nicht in einer Weise begegnen, in der es zu einer Unterhaltung kommen könnte. Franzosen meiden Deutschland, weil es dort kalt ist, dauernd regnet und die deutschen Frauen sich nicht die Beine rasieren. Deutsche wiederum, mit Ausnahme der wenigen frankophilen, deren Zahl im Schwinden begriffen ist, meiden die arroganten Franzosen, wenn sie trotz der horrenden Preise und der ununterbrochenen dortigen Streiks ihre Ferien einfach deshalb in der Nähe eines der unzähligen französischen maroden Atomstrommeilers verbringen müssen, weil Spanien ausgebucht und die Türkei und der halbe Rest der Welt terrorbedroht ist.

 

Dass sich Deutsche und Franzosen eigentlich nicht begegnen (außer wenn’s offiziell ist und von jemandem bezahlt wird), hat einiges für sich: auf die Art hat sich die deutsch-französische Erbfeindschaft, von der immerhin jahrhundertelang jedes Kind hier wie dort ein Lied singen konnte, ganz schlicht von selber erledigt, und zwar wirkungsvoller, als es die Elysee-Verträge je vermocht haben.

Zur Erinnerung: Mit den Elysee-Verträgen wurde am 22.1.1963 die deutsch-französische Erbfeindschaft beendet und durch die deutsch-französische Freundschaft ersetzt, und das war europapolitisch natürlich ein großartiger Akt.

Der Haken daran war, wie das so oft bei großartigen Akten auf höchster Ebene passieren kann, dass Adenauer und De Gaulle zwar durchaus davon ergriffen waren, die Sache selbst aber nicht bis zur Bevölkerung durchgedrungen und dort angekommen ist.

 

Als mein Mann, mein Sohn und ich vor dreiundzwanzig Jahren nach Frankreich zogen, gab es noch Menschen, die sich daran erinnerten, dass Deutschland einige Jahrzehnte zuvor zum zweiten Mal einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen und unter anderem auch Frankreich überfallen und dessen Bürger zu Hunderttausenden getötet hatte.

Wir hatten das natürlich nicht getan, aber es war uns unangenehm, dass wir Bürger einer Nation waren, die mindestens vorübergehend von kollektivem Irrsinn der verbrecherischsten Sorte heimgesucht worden war, und man konnte ja nie wissen, ob das auch wirklich ausgestanden wäre, zumal nach dem Fall der Mauer Deutschland wieder ziemlich groß geworden war und die alliierten Besatzungsmächte demnächst abrücken würden. Der französische Präsident Mitterrand war nicht der Einzige, der darüber nachdachte, ob das mit der deutschen Führerschaft und dem kriegerischen Irrsinn möglicherweise in diesem neu aufgeblähten Land nicht doch wieder losgehen könnte, und dann könnte es vielleicht wieder gegen Russland oder Frankreich oder irgendwelche anderen Länder losgehen.

 

Die gute Nachricht ein Vierteljahrhundert später ist: Inzwischen weiß eigentlich keiner mehr, was da eigentlich in den letzten zweihundert Jahren los war zwischen den Deutschen und den Franzosen. Das ist eindeutig ein Verdienst von Europa. Europa entsorgt nach hinten seine Geschichte und denkt nach vorne global.

Global ist ein Synonym für Wettbewerb, und so erklärt die Europäische Union auch ihr Verhältnis zur Sprache:

 

„Die EU betrachtet die Mehrsprachigkeit als ein wichtiges Element der Wettbewerbsfähigkeit Europas.“

 

So gesehen, sind die Franzosen natürlich ziemlich blöd dran, weil sie mangels ihrer Mehrsprachigkeit erst mitkriegen, was Sushi sind, wenn die Thunfische, aus denen Sushi gemacht werden, schon eine ganze Weile ausgestorben sind. Letztens haben junge Leute in Paris einen Riesen-Boom losgetreten, als sie massenhaft angefangen haben, IT-Start-Up-Unternehmen zu gründen. Eine tolle Idee, typisch für die innovative Kreativität der Franzosen. Ob sich das Projekt bis Silicon Valley herumsprechen wird, weiß ich natürlich nicht, aber wenn, haben die da drüben herzlich was zum Lachen.

 

Die Deutschen können zwar auch keine Fremdsprachen, allerdings haben sie keine Hemmungen, sie auch ohne Grammatik und Vokabular zu praktizieren. Hier wie dort gilt seit etlichen Jahren: Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine englischsprachige Privatschule, weil der internationale Business auf Englisch stattfindet.

Die chinesische Welle, die vor einigen Jahren in der untergehenden Mittelschicht aller westeuropäischen Länder eine etwas hysterische Sprachkonditionierung ab dem Kindergartenalter ausgelöst hat, ist inzwischen ein wenig abgeflaut, aber natürlich ist Chinesisch um Längen attraktiver als all diese überflüssigen europäischen Sprachen, die bei uns und um uns herum noch immer gesprochen werden, auch wenn sie auf der Bühne der transnationalen Konzerne, Banken, Institutionen und Universitäten nicht mehr die allergeringste Rolle spielen und sogar romanistische Fachtagungen längst auf Englisch abgehalten werden.

Mit den Sprachen ist es nicht anders als mit den anderen Gattungen: Womit sich kein maximaler Gewinn für die Aktionäre zuwege bringen lässt, das können wir nicht gebrauchen, das kann ruhig vom Erdball verschwinden. Ob das die Schwalben, der Ackerschachtelhalm, die Giraffen oder irgendwelche Sprachen sind, egal.

 

Bei genauerem Hinsehen ist das Wort „mehrsprachig“ in der Selbstdarstellung der europäischen Sprachpolitik also kein Synonym für „polyglott“, sondern eines für „diglott“, für „zweisprachig“, weil eben der Wettbewerb, der aus Sicht der EU unsere Mehrsprachigkeit erfordert, weltweit nicht auf Französisch, Deutsch oder Polnisch, sondern auf Englisch ausgetragen wird. Somit hat in der europäischen Mehrsprachigkeit das Englische den oberen Rang, da es Karriere, Geld, Vorteile verspricht, die „andere“ Sprache hingegen, die bedauerlicherweise nach dem Brexit für fast alle europäischen Bürger ihre nicht englische Muttersprache ist, fällt im internationalen Wettbewerb hinten runter, und wenn sie Glück hat, erbarmt sich Brüssel und stellt sie irgendwann unter Artenschutz. Eine dritte Sprache ist in der Mehrsprachigkeit nur nominell enthalten, faktisch eher nicht. Tertium non datur.

 

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hat diese verkürzte Auffassung der Mehrsprachigkeit, die in Wirklichkeit nur eine Zweisprachigkeit für Europa sein soll, in seiner Rede zu den Perspektiven der europäischen Idee am 22. Februar 2013 sehr deutlich formuliert:

„Mehr Europa heißt nicht nur Mehrsprachigkeit für die Eliten, sondern Mehrsprachigkeit für immer größere Bevölkerungsgruppen, für immer mehr Menschen, schließlich für alle! Ich bin überzeugt, dass in Europa beides nebeneinander leben kann: Beheimatung in der eigenen Muttersprache und ihrer Poesie und ein praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter.“

Diese vollkommen uneuropäische Haltung hat Folgen. Von hundert belletristischen Büchern, die aus einer anderen Sprache ins Deutsche übersetzt werden, kommen 70 bis 75 (das schwankt pro Jahr) aus dem angelsächsischen Sprachraum, bei den Franzosen sind es 66, also immerhin zwei Drittel. Für den Rest der Welt bleibt da nicht mehr so viel. Immerhin ein Zehntel aller übersetzten Bücher kommen bei den Deutschen vom französischen Nachbarn, den dritten Platz nehmen mit 7 % die Japaner ein, deren Mangas wiederum bei den Franzosen deutlich beliebter sind; überhaupt haben die nicht so übertrieben sprachlastigen BDs (also Comics) hier einen Übersetzungszulauf, und die Japaner landen bei den Übersetzungen ins Französische auf Rang 2, aus dem Deutschen stammen nur um die 7 % aller in Frankreich publizierten übersetzten Bücher.

 

Das ist schlecht für den Berufsstand der Übersetzer, insbesondere freiberuflicher literarischer Übersetzer, die in Brüssel keinerlei Lobby haben und sehen können, wie sie mit durchschnittlich 1000 Euro monatlich ihre Existenz am Minimum fristen können: im vereinten Europa ist keiner an ihrer Arbeit interessiert. Jedenfalls nicht so, dass er dafür, sobald die Sonntagsreden zur Völkerverständigung verklungen sind, ein angemessenes Gehalt zahlen würde.

Gelegentlich fällt hier oder da einmal auf, dass es für den Beruf des Übersetzers keinen Nachwuchs mehr gibt, aber das kann doch wohl kaum an dem Hungerlohn liegen, den jemand nach einem langen Studium verschiedener Sprachen zu erwarten hat?

 

Dieser kleine EU-Exkurs sollte dazu dienen, den augenblicklichen Stand der deutsch-französischen Beziehungen im Leben der Bürger der beiden Länder verständlich zu machen: Der ist überhaupt nicht kompliziert, sondern durch politisch gewolltes, umfassendes gegenseitiges Desinteresse gekennzeichnet, allenfalls ein paar ausgelutschte, primitive Klischees bringen beim Gegenüber noch ein müdes Nicken hervor: So ist er eben, der Nachbar. Kann man nichts machen. Der Franzose fährt immer noch mit dem Baguette unterm Arm auf der Solex und trägt sommers wie winters Barett, auch wenn er keine Gauloise mehr dabei zerkaut. Der Deutsche trinkt hektoliterweise Bier und ernährt sich von Würstchen und Grundsätzen, aber Ordnung kann er, das muss man anerkennen, und wirtschaftlich hat er die Nase vorne, das kann man bewundern oder in die Kategorie unfairer Wettbewerb packen, sofern man es mit preis-gedumpten Fleisch-, Milch- oder sonstigen Produkten zu tun hat, die brutal den französischen Markt überschwemmen und die Betriebe kaputtmachen, und so ganz genau wissen das eigentlich nur die Betriebe, die kaputt gehen, dem Rest ist das völlig egal.

 

Wer viele Jahre im Land des Nachbarn lebt, steckt ganz nebenbei unvermeidlich randvoll mit harmlosen oder auch weniger harmlosen Anekdoten über die völlige Ahnungslosigkeit der einen über die anderen.

Ich will hier nur kurz eine kleine Geschichte erzählen, die unserem wunderbaren und ungewöhnlich weltoffenen Metzger kürzlich passiert ist, als er nach einem echten Schwarzwälder Rezept zu seinem Sauerkraut eine passende Kümmelwurst kreierte.

Die müssten wir als Deutsche unbedingt probieren.

Natürlich mussten wir.

Und nach dem kulinarischen Schreck fiel uns wieder ein, dass der deutsche „gemeine Kümmel“ (auch als Wiesen-Kümmel bekannt) nicht das Gleiche wie der französischen „cumin“ ist, weil im Deutschen das Wort „Kümmel“ die Spezies carum carvi bezeichnet, während der Franzose, wenn er „Kümmel“ sagt, cuminum cyminum meint, und wer versehentlich einmal Kreuzkümmel an seinen Schweinebraten gegeben hat, wird sich entsetzlich gewundert haben.

Allerdings ist in der Gegend, in der ich lebe, kein gemeiner Kümmel zu bekommen, sondern nur Kreuzkümmel, weshalb ich Kümmel seit Jahren immer auf meiner Einkaufsliste für Deutschlandreisen stehen habe, unser germanophiler Metzger hatte also nicht die geringste Chance.

 

Eine Chance hingegen hatte eigentlich vor Jahren der Abiturprüfer unseres mehr-, nämlich dreisprachigen Sohnes.

Der hatte im Gymnasium seine Muttersprache Deutsch als zweite Fremdsprache gewählt.

Die Abiturprüfungen werden in Frankreich nicht von den Lehrern der Schüler abgenommen, sondern – wegen der Gerechtigkeit – von anonymen Prüfern, also von Lehrern anderer Schulen.

Es war die mündliche Prüfung für die zweite Fremdsprache. Ein Gespräch von etwa zwei Sätzen hätte genügt, um festzustellen, dass unser Sohn akzentfrei und äußerst eloquent Deutsch spricht, auch wenn er nicht Schneider, Schäfer oder Schmidt heißt, sondern meinen flämischen Nachnamen trägt.

So weit ließ der Prüfer es allerdings nicht kommen, sondern ging aus Erfahrung und selbstverständlich davon aus, dass der (auch noch belgische? oder holländische?) Prüfling ganz bestimmt keine dritte (womöglich wäre das sogar die vierte?) Fremdsprache könnte, und gab eine vernichtende Punktzahl. Der Kandidat war durchgefallen.

Wochen später kam es zur Nachprüfung, der sogenannten „rattrapage“.

Unser Sohn betritt den Raum, der Prüfer schaut von seinen Unterlagen hoch und ihn an, und dann spricht er aus, wie es um das deutsch-französische Verhältnis steht: Warum haben Sie letztens nicht gleich gesagt, dass Sie Deutscher sind?

Die volle Punktzahl diesmal, aber wir hatten alle drei keine rechte Freude daran.

 

Als Jahre später unser Enkel geboren wurde, lebten wir immerhin schon zwanzig Jahre hier, aber was „Liniment“ ist, wussten wir immer noch nicht, dabei ist Liniment phantastisch: Man kann es überall in Frankreich günstig kaufen oder überall auf der Welt noch günstiger selber machen, indem man 100 ml kalt gepresstes Öl erhitzt, 4 Gramm Bienenwachs darin schmelzen lässt, es sodann vom Feuer nimmt und unter sachtem Rühren 100 ml Kalkwasser dazu gibt.

Das Resultat ist das beste Baby-Po-Pflegemittel, das man sich denken kann, es wird in jedem französischen Kleinkind-Haushalt eingesetzt, man kann sich damit auch abschminken, wenn man mag, und sage einer, die Franzosen hätten es nicht mit der Ökologie ...

Kurz darauf lernten wir übrigens auch noch, wer Sophie, die Giraffe ist, „Sophie la girafe“, die in Frankreich jedes Kind kennt und in den Mund nimmt, aber das ist eine andere Geschichte von der ökologisch nicht ganz so einwandfreien Sorte, in der eine ganze Menge Nitrosamine vorkommen und die ich jetzt nicht erzähle, weil ich die deutschen Vorurteile nicht bedienen mag (zur weiterführenden Information: Nitrosamine sind vor allem in gepökelten Fleisch- und Wurstwaren enthalten, von denen wiederum die Franzosen wissen, dass sich Deutsche vorwiegend damit ernähren und sie auch gern auf den Grill legen, was ihre Wirkung potenziert), sondern eigentlich wollte ich nur daran erinnern, dass es einmal die zugegebenermaßen komplizierte Verschiedenheit in der Welt war, was die Menschen neugierig auf einander gemacht hat, und dass es ein unglaublich wirksames, friedliches und freudvolles Mittel gibt, die Andersartigkeit des Anderen und den Anderen selbst zu erfassen. Man mag es nicht glauben, es ist

aber die Sprache.

 

 

St. Quentin la Poterie, am 17. Januar 2017

© Birgit Vandebeke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload