Die Nacht vor Siofok

 

Die Nacht, bevor ich auf dem Heimweg von der Schule einen Weihnachtsbaum kaufte, war so eine.

Die Nacht, bevor ich in der Drogerie auf dem Hauptbahnhof meiner Mutter ein Fläschchen Veilchenparfüm kaufte, war auch so eine.

Die Nacht, bevor wir nach Siofok fuhren, war wiedermal so eine, nur daß diesmal mit Taschengeld nichts zu machen war. Nicht daß ich eine von diesen Nächten vergessen würde, aber die Nacht vor Siofok nun schon mal gar nicht.

Das war im Juli.

Seit Januar würden wir nach Siofok fahren. Wegen des Reisebüros. Also war ich zu Fastnacht Ungarin gewesen. Im Kaufhof gab es Prinzessin, Indianer, Cowboys, Chinesin und Ungarin. Chinesin war man mit gelbem Geschenkband, Ungarin mit grün-rotem, und man hatte verschiedene Dinge auf den Kopf zu setzen, aber das weiß ich nicht mehr. Das war ja Fastnacht, und Fastnacht ist nicht Nacht, sondern tagsüber. Jedenfalls für Kinder. Das kann man gerade vergessen.

Jetzt war es Nacht und Juli, und morgen würden wir nach Siofok fahren. Siofok hieß im übrigen gar nicht Siofok, sondern Schiofok. Wie Sokolade. Sön. Keine Sule.

Sie hatten uns ins Bett geschickt und das Licht ausgemacht. Bis heute nacht, weil wir um drei Uhr losfahren würden, wegen des Staus im Nadelöhr München. Der Kleine war sofort eingeschlafen. Er hatte noch gesagt, nicht daß ich meine Winnetou-Bildchen vergesse. Das war alles gewesen. Man kann genau hören, ob jemand schläft oder nur so tut.

Ich wußte nicht, ob die Winnetou-Bildchen zu Siofok passen würden.

Draußen waren sie erst leise gewesen und hatten gemurmelt. Sie packten die Koffer. Dann waren sie lauter geworden.

Hast du mein blaues Hemd, hatte der Vater gefragt, und die Mutter hatte gesagt, nicht nur daß ich das alles packen muß, jetzt hat der Herr auch noch Sonderwünsche, und schließlich wurden sie sehr laut, weil keiner von ihnen sich erinnerte, den grünen Versicherungsschein gesehen zu haben, und wenn der grüne Versicherungsschein nicht gefunden würde, wäre es nichts mit Ungarn.

Ich war schon fast neun.

Der grüne Versicherungsschein lag im Auto, im Handschuhfach. Aber es dauerte. Irgendwann kamen sie drauf. Es war besser, wenn sie selbst drauf kamen, sonst hätten sie doch nur gesagt, warum schläfst du nicht, mach, daß du schleunigst ins Bett kommst. Aber es dauerte. Ich hätte schon längst schlafen müssen. Aber manchmal schläft man nicht ein, und dann kommt der grüne Versicherungsschein, und eh man sichs versieht, ist man drüber. Und wenn man drüber ist, wird es nichts mehr mit Schlafen.

Es war Juli. Im Grunde hätte es auch Juni sein können, weil schon im Juni Ferien waren. Es war aber Juli.

Warum ich das weiß?

Immer bevor ich Geburtstag habe, sind die Kornblumen.

Es waren aber keine Kornblumen. Deswegen weiß ich auch, daß es Juli war. Weil keine Kornblumen waren.

Komisch, hatte ich gesagt, diesjahr sind gar keine Kornblumen.

Na gottlob, hatte der Vater gesagt.

Ich hatte es nicht gottlob gefunden, aber der Vater war in der Firma daran beteiligt, wie sie Unkrautvertilgungsmittel entwickelt hatten.

Schließlich leben wir alle davon, daß das wirkt; ihr alle; Monat für Monat, und schließlich fahren wir davon in Urlaub, hatte er gesagt, und jetzt hatten sie den grünen Versicherungsschein und saßen im Wohnzimmer und tranken noch einen Schluck auf den Urlaub. Meine Mutter, als ich das mit den Kornblumen gesagt hatte, hatte gesagt, paß auf, sobald wir über die Grenze von Österreich nach Ungarn sind, gibt es massenhaft Mohn. Kornblumen auch. In jedem Getreidefeld. Die da drüben haben kein Geld für die Forschung, hatte der Vater gesagt.

Als sie mit dem Schluck fertig waren, gingen sie sich die Zähne putzen.

Danach fing die Nacht erst richtig an, obwohl sie im Grunde schon vorher angefangen hatte, als sie das Licht ausgemacht hatten. Weil: da hätte man nicht mehr rausgekonnt und sagen, der grüne Versicherungsschein ist im Handschuhfach. Da hätte man nichtmal mehr rausgekonnt und sagen, ich habe noch Durst. Durst haben wäre gar nicht gegangen.

Bevor sie ins Bett gingen, kamen sie rein, um zu sehen, ob wir schlafen. Ich machte die Augen zu und tat so.

Erwachsene hören nie richtig hin.

Das Schlafzimmer lag links. Als es da still wurde, stellten sich meine Ohren nach rechts. Der Kleine schlief. Also hörte ich eine Weile den Autoverkehr und die Flugzeuge, wie sie landeten. Dann dachte ich, daß wir morgen nach Siofok fahren würden. Vielleicht schon heute. Und wie es da wäre. Morgen.

Nachts hat man nichts als Sorgen, sagte die Mutter manchmal.

Nachts hat man vielleicht Sorgen, aber nachts muß man machen, daß sie weggehen; die Sorgen, die grünen Versicherungsscheine, das Nadelöhr in München und alles. Nachts muß man machen, daß die Kornblumen sind.

Als ich den Weihnachtsbaum gekauft hatte, damit sie sich nicht immer wegen des Weihnachtsbaums streiten, ob er zu dürr ist oder keine richtige Spitze hat für unsere Weihnachtsbaumspitze aus Zuckerguß zum Draufstecken, hatte es nicht geklappt, und als ich das Veilchenparfüm aus der Drogerie im Hauptbahnhof gekauft hatte, damit die Mutter nicht immerzu weint, hatte es schon gar nicht geklappt, da hatte sie erst richtig losgeheult. 16 Mark futsch für den Weihnachtsbaum, sieben Mark neunzig für Veilchen. Das ist eine Menge Geld. Diesmal mußte es ohne Geld gehen.

Erst läutete die evangelische Kirche und fünf Minuten danach die katholische, dann fing der Hund über uns an zu bellen und hörte erst auf, als der Mann mit dem Holzbein aufstampfte und ziemlich laut zischte. Aus, willst du woll stillsein, Mistköter. Schließlich hörte er auf, und dann fing ich an mit der Nachtarbeit. Die Augen zukneifen und Siofok erfinden. Wenn man zum Beispiel Fischbach erfinden muß, ist es ganz einfach, weil ein Bach mit Fischen drin vorkommt. In Siofok wußte ich nicht, was darin vorkommt, weil Ungarisch keine solche Sprache wie unsere ist, sondern ein anderes Gerippe hat. Ich wußte nur, daß wir in einem Hotel wohnen würden. Also fing ich mit dem Hotel an. Ein Hotel ist ein großes prächtiges Haus mit Verzierungen aus Gips an allen Decken, roten Samtvorhängen, geschwungenen Flügeltüren und roten Läufern in den riesigen Korridoren, die Korridore sind so riesig, daß man Rollschuh darin laufen könnte, wenn nicht die roten Läufer wären. Die roten Läufer sind, damit man die ungarischen Diener nicht klappern hört. Die Diener sind in rot-grüne Kostüme gekleidet und bringen silberne Tabletts mit silbernen Schüsseln voll Gulasch zu den Gästen, die an einer breiten Schnur geklingelt haben, weil sie Gulasch möchten. Siofok liegt bekanntlich am Plattensee. Den sieht man natürlich vom Hotel aus, und vor dem See liegen die Platten wegen der Promenade. Auf der Promenade spazieren vornehme Leute, die fein angezogen sind und Sonnenschirmchen über den Köpfen hin und herdrehen. Jedenfalls die Damen. Die Sonnenschirmchen gibt es an einem kleinen Kiosk aus grünem Eisen, weil alle Leute von anderswo kommen, wo es keine Sonnenschirmchen zum Hin- und Herdrehen gibt. Alle promenieren sich, der Vater raucht dabei eine Zigarette und grüßt die anderen Hotelgäste, anstatt uns anzuschnauzen, überhaupt schnauzt er uns selbst dann nicht an und klebt uns auch keine, wenn uns beim Frühstücken versehentlich die Kakaotasse umkippt; von allen Seiten kommt Zigeunermusik, aber nicht solche, von der die Mutter immer Kopfschmerzen kriegt, sondern eine, von der sie so fröhlich wird, daß sie sagt, heute abend möchte ich tanzen, was meinst du. Einen Strand gibt es natürlich auch, zu dem kann man hinpromenieren und sich dann in ein blaues Strandhäuschen setzen oder wie ich zum Beispiel sofort ins Wasser rein.

So weit war Siofok ganz schön geraten, drumherum blühten massenhaft die Kornblumen, es gab Maisfelder und die Ziehbrunnen, die im Reiseprospekt gestanden hatten, das war die Puszta, die gleich hinter dem Hotel anfing, und wenn man sich die Puszta und die Ungarinnen mit den rot-grüne Kostümen ansehen wollte, nahm man sich kurzerhand ein Pferd. Ich jedenfalls nahm mir eins, ein hellgraues. An der ganzen Sache störte mich etwas, daß die Ungarinnen alle aussahen wie Lilo Pulver in „Ich denk so gern an Piroschka“. Aber die Mutter mochte Lilo Pulver. Es gab dann in Siofok noch ein paar wichtige Details zu erfinden, einen Eissalon mit Schoko-Kirschbechern, die sich sehen lassen konnten, eine Schiffschaukel mit Überschlag, auf der eine Teichlandschaft mit Schwänen lackiert war, der Lack war schon ein bißchen stumpf, aber die Schwäne wurden sehr gut, und noch etliche andere Dinge, es kommt nämlich beim Erfinden immer auf die Details an, und Siofok wurde insgesamt so gut, daß ich die nächsten Glocken glatt überhörte und erst durch das Bellen über uns merkte, daß ich schon eine Stunde gearbeitet hatte und nun gar nicht mehr damit aufhören konnte, bis mitten in der Nacht der Wecker klingelte.

Siofok wurde so gut, daß ich die folgenden drei Wochen fast vergessen habe. Ich weiß davon nur noch, daß ich im Auto einschlief, als es hell wurde und der Vater sagte, Herrgott nochmal, du und deine dämliche Kaffeemaschine, weil die Mutter sich kurz hinter Würzburg plötzlich nicht mehr erinnern konnte, ob sie die Kaffeemaschine ausgemacht hatte, und wenn sie sie nicht ausgemacht hätte, würde sie durchschmoren, und dann gäbe es einen Schmorbrand, und dann hatte der Kleine zum dritten Mal Pipi gemußt, und der Vater sagte, beim nächsten Mal bleibst du auf dem Rastplatz, da kannst du warten, bis wir auf der Heimfahrt sind. Dann holen wir dich da ab. Falls wir den Rastplatz noch finden.

Die Nacht vor Siofok allerdings vergesse ich nie. Und die Kornblumen.

 

 

 

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