Lose Enden,

 

meine Damen und Herren,

 

sind der Alptraum der Textilbranche, zu deren Tätigkeitsbereich bekanntlich im weiteren Sinne auch die Schriftstellerei zählt.

Jeder, der mal einen Pullover gestrickt oder eine Erzählung geschrieben hat, weiß, dass der lästigste Arbeitsschritt zuletzt erfolgt, wenn die Fäden vorsichtig in den Stoff vernäht und unsichtbar gemacht werden müssen. Ein besonderer Unglücksfall beim Stricken wie beim Erzählen ist die Laufmasche. Sie entsteht, wenn der Faden seinen Zusammenhalt mit dem Gewebe verliert. weil er sich auflöst, von Motten angefressen oder sonst wie von außen beschädigt oder weil er ganz einfach fallengelassen wird. Was passiert genau bei einer Laufmasche? Zwei lose Enden im Gewebe können die Masche, die genau unter ihnen liegt, nicht mehr halten; diese Masche wiederum kann die  Masche, die genau unter ihr liegt, nicht mehr halten und so fort, es entsteht eine Kettenreaktion, der Strumpf ist löcherig und hin.

 

Eine Laufmasche – sonderbarerweise – war das erste, was ich an Karla wahrnahm, als ich sie vor 25 Jahren kennen lernte, wobei Laufmasche vielleicht nicht das richtige Wort ist, obwohl ich es durchaus als erstes mit dem sehr großen Loch weit oberhalb des linken Knies in ihrem Strumpf assoziierte. Der Strumpf war eindeutig hin, und zwar nicht erst seit eben.

Die Frau war so alt, wie ich heute bin. Sie saß mit ziemlich wirrem grauem Haar, einem großen fleischigen Gesicht, grindigen Armen und ihrem Strickzeug in einem überheizten Raum, der unzureichend beleuchtet war. An eine Begrüßung kann ich mich heute nicht mehr erinnern, weil Karla, entweder statt uns zu begrüßen oder unmittelbar danach, ihren Sohn unwillig und sehr energisch anblaffte: Wie siehst du denn aus.

Das war natürlich keine Frage. Der Riss in der Jeans ihres Sohnes saß, verglichen mit dem Loch in ihrem Strumpf, an geradezu dezenter Stelle quer auf dem Knie, er machte eine völlig zeitgemäße Aussage über die Haltung des jungen Mannes zu den Geboten der modischen Correctness, hatte also gewissermaßen eine mindestens ästhetische, wenn nicht sogar politische Funktion, was man für das Loch im Strumpf seiner Mutter lieber nicht annehmen mochte.

Wie siehst du denn aus, war also nur zu Teilen eine Kritik am Outfit des Sohnes, denn diese Frau saß so sehr im Glashaus, dass jeder Wurf nach hinten losgehen musste.

Mindestens zu gleichen, wenn nicht zu überwiegenden Teilen war „Wie siehst du denn aus“ in meine Richtung gesagt – so sprach diese Frau mit ihrem Sohn, und da hätte ich mich daran zu gewöhnen, wer hier den Ton angab und wie dieser Ton klang –, und tatsächlich kam es mit Wucht und in seiner ganzen Komik bei mir an.

Ich war wütend und amüsiert zugleich, denn die Diskrepanz zwischen dem Erscheinungsbild der Frau und ihrer geradezu unverschämten und übergriffigen Bemerkung zu ihrem Sohn war so gewaltig wie entwaffnend und albern.

 

Karla war eine Löwin.

Löwen, das hier kurz zu Erläuterung, ich bin nämlich selbst einer, sind Leute, die absolut nicht an Astrologie glauben, insgeheim aber fest davon überzeugt sind, dass es zu ihren persönlichen herrschaftlichen, geradezu königlichen Verdiensten gehört, ein Löwe zu sein, und es ist ihnen zwar nicht klar, dass das ein bisschen lächerlich ist, aber jeder andere könnte es sehen, jedenfalls jeder andere, der sich nicht vor Löwen fürchtet, und es gab nicht gerade wenige Gründe, sich vor Karla zu fürchten.

 

Anfang der siebziger Jahre hatte sie es einmal bis in die Presse gebracht, wenige Jahre nach der Geburt ihres fünften Kindes. Sie war in der Stadt zum Einkaufen, kam am Rathaus vorbei, sah, dass dort gerade eine Trauung stattfand, stürzte an den Gästen vorbei geradewegs ins Büro des Oberbürgermeisters, riss ihre Bluse auf oder entzwei, zeigte auf ihre schorfigen Arme oder Brüste, man weiß es nicht so genau, und sagte sinngemäß, dass das davon käme, wurde umgehend festgenommen und so weiter, wobei das „Undsoweiter“ von da an regelmäßig eintrat, mal mit Entmündigung durch ihren Mann, mal auch nicht. In den ersten Jahren führte es sie in die Junkey-Abteilung der berüchtigten Psychiatrie der Uni-Klinik und hieß also Klapse, Elektroschocks, falsche Medikamentation, die ihrem Sohn den einen oder anderen Mandrax-Rausch verschaffte, später dann gab es dafür ein Familienwort. Weilmünster.

Als ich sie kennen lernte, hatte ihr Sohn mir von dem Vorfall beim Oberbürgermeister erzählt; zögerlich, erst nach einer ganzen Weile, eigentlich erst, als es sich nicht mehr vermeiden ließ, weil seine Eltern natürlich wissen wollten, wo er jetzt so oft übernachtete, und er wollte mich nicht unvorbereitet in die überheizte, schlecht beleuchtete Essecke schicken, sondern vorsichtig auf die Dinge gefasst machen, die mich dort erwarten würden und von denen er befürchtete, dass sie mich, wie schon frühere Freundinnen, alsbald vertreiben würden. Genau genommen befürchtete er allerdings noch mehr, dass Karla mich vertreiben würde, weil sie das bisher bei allen Freunden und  Freundinnen aller ihrer Kinder in kürzester Zeit hingekriegt hatte, mit einer Ausnahme: Bei ihrer ältesten Tochter hatte es nicht geklappt. Die hatte sie längst rausgeschmissen und in eine seltsame Ehe getrieben, als ich das Haus in der Chamissostraße zum ersten Mal betrat.

 

Es dauerte tatsächlich ein paar Monate, bis ich zum zweiten Mal hinging.

Nach dem „Wie siehst du denn aus“-Empfang waren nach und nach die anderen Familienmitglieder in der Essecke aufgetaucht, ein älterer Bruder und zwei jüngere Schwestern, damals um die zwölf und sechzehn, und natürlich der Vater. Es hatte Kaffee gegeben, Sandkuchen und über allem einen aberwitzigen Geräuschpegel, weil in dieser Familie einfach jeder andauernd sprach. Die Kleine plapperte übers Klavierspielen, irgendwelche Strickvorhaben, Basteleien mit Perlen und Knatsch in der Schule, die größere, die gerade eine kaufmännische Ausbildung machte, hatte Sorgen wegen ihrer Schichtarbeit bei einem abgelegenen Großmarkt und brauchte dringend eine Schreckpistole, um eventuelle Vergewaltiger morgens um vier von ihren Vorhaben abzubringen. Der Vater erörterte die Hautprobleme seiner Frau und der einen Tochter und wollte allen die Haare machen und ein neues Schuppenmittel anwenden; und der ältere Sohn hielt Vorträge übers Angeln. Zu der Zeit war Angeln sein großer und kostspieliger Zeitvertreib, überhaupt Fische. In der zum Zimmer für die beiden Jungen umgebauten ehemaligen Garage stand neben dem verstimmten Klavier für die Kleine ein riesiges Aquarium, das später vollkommen zugemoost war, ein Kasten mit undurchsichtigem braunem Wasser. In dem selben Zimmer standen und lagen später stapel-, berge-, haufenweise die Zeugnisse seiner anschließenden Leidenschaften, Stereo-Anlagen, Zeitschriften über Computer, über schnelle Geldanlagen an der Börse, Sammlungen von unbegreiflichem Wert, der sich allerdings nur ihm selbst erschloss, und in derselben Garage hatte kurz vorher, durch eine notdürftig zwischen den beiden Betten der Jungen improvisierte Wand abgetrennt, sein jüngerer Bruder fürs Abitur gelernt und Bewerbungen für die Schreinerei-Lehre geschrieben.

Um den Esstisch herum herrschte – jedenfalls für Gast-Ohren – Krach, denn alle sprachen von wichtigen Dingen, die unbedingt und unbedingt jetzt angehört werden sollten, aber keiner hörte den anderen auch nur im geringsten zu, also musste das eigene Anliegen eben immer noch etwas lauter vorgetragen werden, und binnen weniger Minuten schaukelte sich die Lautstärke schrill hoch, die Temperatur in der Essecke stieg mit der Phonzahl, aber es wurde natürlich nicht heller, sondern gegen Abend hin sogar entschieden dunkler, und mitten in dem allgemeinen Getöse saß im Dusteren mit ihrem Strickzeug Karla, hatte die Beine übereinander geschlagen und wippte mit dem übergeschlagenen Bein mal sachte, mal heftiger vor sich hin. Zwischendurch fing sie an zu summen oder ein bisschen zu singen, und trotzdem fand ich, vielleicht weil ich auf sie vorbereitet war, eigentlich nicht so sehr sie, sondern die familiäre Gesamtaufführung irre, war anschließend auf der Straße eine ganze Weile wie betäubt und hatte einige Wochen lang nicht das Bedürfnis, meinen Besuch in dieser eigenartigen Höhle der Löwin zu wiederholen.

 

Als ich es dann doch tat, war das ein löwenhafter Coup meinerseits, jedenfalls kam es mir so vor.

In der Zwischenzeit hatte mir eine Freundin, die früher einmal Sozialarbeiterin gewesen war und der ich – recht vage, aber doch in Umrissen – von der Chamissostraße erzählt hatte, etwas Beunruhigendes gesagt, das mir vorher nicht bewusst gewesen war. Verrücktheit ist ansteckend, hatte sie gesagt, und in den folgenden Jahren hat dieser Satz mich nicht mehr verlassen.

Merkwürdigerweise hatte Karla aber keinerlei Maßnahmen gegen die Freundin ihres Sohnes ergriffen, was umso erstaunlicher war, als meine Mutter das gesamte Register der Schwiegersohnabwehr bereits durch hatte, und meine Mutter war zwar auch verrückt, hatte aber kein Erlebnis mit dem Oberbürgermeister und infolgedessen mit der Klapse oder Weilmünster gehabt.

Karla hatte auf meinen Besuch überhaupt nicht reagiert. Das wurde ihrem Sohn mit der Zeit unheimlich. Ein zweiter Antrittsbesuch kam nicht in Frage. Schon der erste war ein historisches Ereignis in der Chamissostraße gewesen, die damals eine völlig abgekapselte Insel inmitten der Großstadt war:  kein Auto, kein Telefon, keine Unternehmungen, keine Urlaube, keine Ausflüge, kein Besuch, keine Betriebs- oder Weihnachtsfeiern, ein absolut hermetischer Kosmos für sich, der, was die Außenwelt betraf, damit beschäftigt war, den monatlichen Besuch des Gasablesers zu überstehen. Das historische Ereignis war einmalig gewesen und jetzt nur durch ein skandalöses zu überbieten.

Eines Abends also warteten wir, bis im Haus alles schlief, jedenfalls beinah alles, denn der ältere Bruder war wie immer noch spät unterwegs, dann schlichen wir uns in die Ex-Garage, legten uns ganz still hinter die provisorische Wand in das schmale Bett und schliefen keinesfalls ein, sondern hielten die Luft an, horchten herum und warteten auf ein Erdbeben oder jedenfalls etwas Erdbebenähnliches, und nach einer sehr langen Wartezeit kam der stark angetrunkene Bruder, machte Musik an und redete über Barsche. Die Barsche sind das, woran ich mich noch deutlich erinnern kann.

Und nun kam der wirklich schwierige Teil der Nacht, nämlich der Morgen. Beide Brüder waren früh aufgestanden und schon zur Arbeit gegangen. Der Vater auch. Die eine Schwester mit oder ohne Schreckpistole längst auf der Schicht und die Kleine in der Schule.

Karla, als ich in die Essnische kam, tat so, als wäre nichts. Ich hatte die halbe Nacht lang geübt und tat auch so, als wäre nichts, wobei ich versuchte, mich an alle Filme zu erinnern, die ich gesehen hatte, in denen Leute in ähnlichen Situationen so taten, als wäre nichts.

Wir tranken Kaffee, wir haben vermutlich über irgendetwas gesprochen, denn auch von diesem Morgen habe ich ein Wort mitgenommen. Es fiel das Wort Rispe, und ich habe es mitgenommen, weil ein so zartes Wort mir so gar nicht zu der wüsten Erscheinung von Karla passen wollte, aber sie hat es an diesem Morgen gesagt.. Irgendwann ging ich zur Arbeit oder in eine Vorlesung, keine Ahnung.

Es war der absolute Skandal, und er war uns geglückt. Noch Jahrzehnte danach kursierten in der Familie die abenteuerlichsten Vermutungen darüber, was wir in dieser Nacht in der Chamissostraße getrieben hätten, aber niemals hätte uns jemand danach gefragt. Wir hätten es im übrigen auch sicherlich nicht gesagt.

Für uns war es eine entscheidende Mutprobe, die wir, nachdem sie bestanden war, Gott sei Dank, nie wiederholen mussten. Und es war meine Antwort auf Karlas „Wie siehst du denn aus“. Offenbar hatte sie die Verhältnisse geklärt.

 

Wenig später fuhren wir nach Paris und hatten die Idee, die Kleine mitzunehmen, die noch nie eine Reise gemacht hatte. Sie war immer noch  zwölf und noch nirgends gewesen, schon gar nicht im Ausland. Es wurde ein großer Familienrat in der Essnische einberufen, und im allgemeinen Getöse, Beinwippen und Summen wäre uns beinah nicht aufgefallen, dass es Karla war, die sagte, gut, und die dem Kind ein anständiges Taschengeld für die Reise mitgab.

Und dann wiederum war es Karla, weshalb die Kleine zögerte, als die algerische Wirtin eines Pariser Restaurants ihr ein Kätzchen schenkte.

Die Mutter erlaubt es sowieso nicht.

Ein paar Stunden lang flossen Tränen, dann floss ein paar Tage lang Katzenpipi über die Seminararbeit, die ich in Paris zu schreiben hatte, danach verschlief das Kätzchen eine längere Bahnreise in der Tasche des großen Bruders; kurz vor dem Bahnhof fürchtete sich die Kleine noch einmal sehr, und auch der Vater, der uns am Bahnsteig abholte, fürchtete sich.

Die Mutter erlaubt das sowieso nicht.

Eine bange Ankunft in der Chamissostraße, und dann verlor die Mutter kein Wort über das Kätzchen, und Couscous lebte viele Jahre glücklich in Haus und Garten, von Karla höchstpersönlich geliebt und versorgt.

 

Ihre Diagnose lautete damals auf endogene Psychose und diente meiner eigenen Mutter dazu, mich während meiner Schwangerschaft ausgiebig verrückt zu machen, was ihr ganz gut gelang, weil mir die Behauptung, dass Verrücktheit ansteckend sein könnte, vielleicht in diesem Fall nicht genetisch, aber womöglich durch die zu warme Luft der dusteren Essnische  übertragbar, nicht aus dem Kopf ging. Unser Sohn wurde geboren, war nicht verrückt, aber alle führten sich ziemlich verrückt auf, als sie zur Besichtigung kamen, danach kamen sie nicht mehr, und es war eine kostbare Zeit der allgemeinen Latenz im Haus in der Chamissostraße – kein Telefon, kein Auto, keine Kontakte, wunderbare Isolation, außer dass der Sohn mit dem Enkel gelegentlich am Wochenende hinfuhr, zwei, drei Stunden, in denen ich Schlaf nachholen konnte.

 

Die jüngste Tochter war  während der gesamten Kindheit ein Schub-Indikator. Die Schübe hätten schon einige Male kommen können, alle Kinder wurden vor Weihnachten unruhig, wenn bekanntlich auch andere Leute sonderbare Schübe kriegen, dann wieder gegen Frühlingsanfang. Ein paar Jahre lang kamen keine. Als ihr Enkel zwei Jahre alt war, fingen sie wieder an.

 

Karla hörte mit den Handarbeiten auf, die sie in guten Zeiten machte, und schrieb Briefe. Die Familie fürchtete diese Briefe. Sie hatte schon immer Briefe geschrieben, wobei die harmlosesten an Indira Gandhi oder Gamal Abdel Nasser gerichtet waren und sich mit dem Weltfrieden, der Lage im Nahen Osten und der Unterdrückung der Frauen und der Geburtenkontrolle befassten. Nicht ganz so harmlos waren die an Rudolf Augstein, der für die politische Situation der DDR zuständig und verantwortlich war, und vollends gefährlich waren die Briefe an die Bundesbankdirektion, bei der Karlas Mann arbeitete, und an die Arbeitsstellen, Schuldirektionen und Klassenlehrer der Kinder. Sie schrieb Tag und Nacht, und wenn sie nicht schrieb, schlief sie jedenfalls nicht, sondern versuchte, ihre Familie zu sonderbaren Familienspielchen zu überreden, in denen Löwen brüllten und die alles andere als lustig waren.

Wenn Karla nicht schlief, hieß das, dass auch niemand anderes im Haus schlafen konnte, und das – neben den gefürchteten Briefen – brachte alle in eine hoch prekäre Lage. Wir nahmen die Kleine zu uns, damit sie weiter in die Schule gehen konnte, aber es kam unvermeidlich der Tag, an dem niemand aus der Chamissostraße mehr zur Arbeit ging; totale Übermüdung, und schließlich kam ein Hilferuf, der das Wort Weilmünster enthielt und die Bitte an mich, ob ich nicht versuchen könnte, sie dazu zu überreden. Alle internen Kräfte waren erschöpft, und vielleicht würde es mir als Außenstehender gelingen.

 

Wir nahmen das Kind auf den Arm und fuhren hin; ich war auf einiges vorbereitet, aber auf das, was sich dann in den nächsten sechs Stunden abspielte, ganz sicher nicht. Wir saßen in der grausamen Essecke. Sie war entsetzlich überheizt, wahrscheinlich weil alle vor Übermüdung fröstelten. Karla sprach praktisch ununterbrochen und furchtbar laut, die anderen saßen blass nebenan im Wohnzimmer, ich wartete auf winzigste Unterbrechung ihres gewaltigen und gewalttätigen Redeflusses, der zwischen weltpolitischen Überlegungen, Löwen, Kriegserzählungen, dem Frankfurter Hauptbahnhof, Brüdern, Entbindungen, dem Vater, Kellerräumen, der toten Mutter, Nazis, Juden, einer undurchsichtigen Flucht hin- und hersprang und vor Obszönitäten überlief. Immer wenn sie Luft holte, versuchte ich einen kurzen Satz: Ich glaube, Sie brauchen Schlaf, Ihre Familie braucht Schlaf, niemand geht mehr zur Arbeit, das können Sie nicht wollen, Sie sollten sich helfen lassen usw..

Ihre Sätze dagegen waren unglaublich lang, sehr kompliziert, von einer komplexen, hochgradig hierarchischen und verschachtelten Grammatik, die  kunstvoll war und zu meiner Überraschung stimmte. Ich beobachtete ihre verschlungenen Sprachbewegungen und fragte mich oft, ob sie das Verb am Ende vielleicht diesmal vergessen würde, aber sie vergaß es nie, auch wenn es dann ein höchst überraschendes Verb war, das sie nach endlosen kreiselnden Touren plötzlich aus dem Ärmel zog, und die Diskrepanz zwischen der völlig disziplinierten Grammatik und dem Umstand, dass überhaupt kein entzifferbarer Sinn in dem Gewebe ihrer Erzählungen lag, weil keine Masche der unter ihr liegenden Halt bieten konnte, war für die angehende Germanistin absolut faszinierend, für die Frau ihres Sohnes hingegen sehr beängstigend.

 

Das war meine erste Begegnung mit Karlas losen Enden und der beträchtlichen Energie, mit der sie sie produzierte, denn es dauerte tatsächlich viele Stunden. Manchmal unterbrach sie sich, um ein Lied zu singen, das vom Frankfurter Hauptbahnhof handelte und mir so unverständlich war wie alles andere. In der Essnische wurde es schließlich sehr dunkel. Und ganz unerwartet und abrupt hörte das manische Gerede auf, Karla schien zu sich zu kommen; ich sagte zum dreißigsten oder vierzigsten Mal, Sie brauchen wirklich Hilfe, lassen Sie sich doch bitte helfen, und sie sagte, mit einem mal ganz sanft und ganz weich, ja. Die Sanftheit dieser unberechenbaren, furchtbar ringenden und höchst erschütternden Frau hat mich später noch manchmal überrascht.

 

Bis heute kann ich mich nicht erinnern, wie wir aus der Chamissostraße nach Weilmünster gekommen sind, vermutlich ist ihr Mann oder eines der Kinder zu den Nachbarn gegangen und hat ein Taxi gerufen. Sie blieb – wie schon früher – ungefähr drei Monate dort, und als sie danach wieder nach Hause kam, wurde – wie auch schon früher – nicht mehr davon gesprochen.

 

In den folgenden weit über zehn Jahren hatte ich einen undeutlichen Graus vor Karla und ging nie wieder in das Haus in der Chamissostraße, das mir von da an vollends gespenstisch und hoch ansteckend erschien. Auch Karla war mir unheimlich. Ich wusste nicht, was sie von dem Sprech-Marathon vor ihrer Einweisung nach Weilmünster noch wusste, allerdings wusste ich, dass sie, wenn sie auch nur irgend etwas noch davon wüsste, sich entsetzlich vor mir schämen müsste. Da ich aber nicht wusste, was sie noch wusste, übertrug sich diese Scham, von der ich nicht wusste, ob sie sie fühlte, ersatzweise auf mich, und ich schämte mich. In den ersten Jahren dachte ich, ich schämte mich dafür, Karla zur Einweisung überredet zu haben. Immer wieder sagte ich mir, dass ich gar nichts anderes hätte tun können, dass die Arbeitsplätze ihres Mannes und ihrer beiden Kinder bedroht waren, dass die Briefe unbedingt aufhören mussten, bis ich irgendwann merkte, dass ich mich gar nicht deswegen schämte, sondern einfach wegen der Dinge, die ich während der vielen Stunden gehört hatte, während der Mensch, der mich das hatte hören lassen, möglicherweise gar nicht wusste, was aus seinem Mund in meine Ohren geraten war. Diese sonderbare Scham war so quälend, dass es mir nicht mehr möglich war, ihr unter die Augen zu treten.

 

Bis zum Tod ihres Mannes ging Karla von nun an beinah regelmäßig nach Weilmünster. Regelmäßig wurde über diese Aufenthalte nicht gesprochen. Regelmäßig besuchte mich unangekündigt ihr Mann und klagte über „die Mutter“, die er nie bei ihrem Namen nannte. Gesprochen wurde des weiteren über den Alkoholkonsum des ältesten Sohnes, der auch nach dem dreißigsten, später dem vierzigsten Geburtstag keinerlei Anstalten machte, sich eine eigene Wohnung zu suchen, gesprochen wurde über die Töchter, die allesamt die falschen Freunde hatten und in den falschen Kreisen verkehrten, gesprochen wurde über Schuppen, Ekzeme, Ausschläge und die Sonderangebote im Toom-Markt.

 

1993, kurz bevor wir nach Frankreich zogen, ließen wir gegen die Proteste der Eltern in der Chamissostraße ein Telefon installieren.

Beide konnten nichts damit anfangen.

Wenn Karla am Apparat war, schrie sie so laut, dass ihr Sohn den Hörer einen halben Meter vom Ohr weg hielt, und man konnte im ganzen Raum hören, was sie sagte. Sie sagte, wir müssen Schluss machen, es wird sonst zu teuer.

Wenn sein Vater am Apparat war, brüllte er ebenfalls und verlangte, dass sein Sohn demnächst mal „vorbeikäme“, um die Kellertreppe oder den Rasenmäher oder sonst etwas zu reparieren, und es war ihm nicht beizubringen, dass wir tausend Kilometer von der Chamissostraße entfernt waren, nicht mal eben so vorbeikommen könnten und dass außerdem noch ein anderer Sohn im Haus lebte, der die Kellertreppe eigentlich auch richten könnte. Beim nächsten Mal ging es wieder ums Vorbeikommen.

 

Karla ging schon seit Jahrzehnten nicht mehr aus dem Haus. Sie saß strickend in ihrer Höhle, erteilte löwenhafte Kommandos, schickte ihre Leute in die Welt, und eines Tages schickte sie uns ihren Mann zu Besuch. Als wir sie ebenfalls einladen wollten, sagte sie, ach. Wenn sie „ach“ sagte, hieß das nicht nur einfach „nein“, sondern zugleich „dummes Zeug“, „Unfug“, „Wie kann man nur auf so einen Blödsinn kommen“.

Als er kam, war Heinz schon recht krank. Er hatte seine lebenswichtigen und natürlich verschreibungspflichtigen Augentropfen vergessen und nur eine vage Ahnung, wie sie hießen, ich verstand Petermann, und bis die Apothekerin und ich später darauf kamen, dass es sich um Beta-Blocker handelte, dauerte es eine Zeit. Ich kochte glutenfrei, Heinz stürzte sich bei vierzig Grad ins eiskalte Schwimmbadwasser, um vor der Schwiegertochter anzugeben, sein Sohn fischte ihn wütend heraus, abends erzählte er vom Krieg und wollte mir einreden, dass mein Mann schwul sei, und wir waren froh, als wir ihn und seine Tochter wieder auf den Heimweg brachten.

Einige Jahre lang gingen die Anrufe wegen des „Vorbeikommens“ noch weiter, sie wurden alarmierend, das „Vorbeikommen“ war nicht mehr eine Angelegenheit der Kellertreppe, sondern jetzt ging es um Abschiedsbesuche, und als er starb, hatte sein Sohn eine ganze Menge Abschiedsbesuche und viele tausend Kilometer hinter sich und den selben Graus vor der Chamissostraße wie ich.

 

Karlas Lage nach dem Tod ihres Mannes war besorgniserregend bis dramatisch. Sie wusste nicht, wie man einen Scheck ausfüllt, eine Rechnung bezahlt, seine Post erledigt, jedenfalls die tägliche, die nicht an Indira Gandhi ging, sie hatte nie selbst eingekauft, das Haus war viel zu groß für sie und ihren immer merkwürdiger werdenden Sohn, der Keller quoll vor Schmutzwäsche über, ihre längst weggezogenen Töchter konnten sich nicht um sie kümmern, weil sie arbeiten gingen, und keiner wunderte sich, dass sie kurz nach der Beerdigung beschloss, nach Weilmünster zu gehen.

 

Und jetzt kommt der Moment, weswegen ich diese private Geschichte heute erzähle: Danach ging sie nie wieder nach Weilmünster. Sie bekam nie wieder einen Schub. Sie drehte nie wieder durch. Sie fing an, aus dem Haus zu gehen. Ihre graue Mähne war schuppenfrei, ihre Arme auch. Sie vergaß, dass Telefonieren zu teuer ist und erzählte, was sie machte, und in dem, was sie erzählte, kam die Welt außerhalb der Chamissostraße vor.

Eines Tages es war im Sommer 2001, war ich am Telefon, als sie anrief, und wollte sie schon an ihren  Sohn weitergeben wie immer, eines Tages also sprach sie mit mir. Das tat sie sonst nie. Sie klang so, als läge ein Druck auf ihr, als wollte sie etwas erzählen, sehr einsam, und plötzlich, halb sogar ohne es zu wollen, sagte ich „Möchten Sie, dass wir kommen?“ Sie sagte „ja“, und das „Ja“ kannte ich schon von dem Abend vor ihrer Einweisung nach Weilmünster – es war weich und sanft und traurig. Wir fuhren am nächsten oder übernächsten Tag nach Frankfurt und fanden eine erstaunliche Karla, eine wundervolle, lebendige Frau, die uns und ihren inzwischen fast erwachsenen Enkel aufgeregt und neugierig in Empfang nahm und sich wie ein Kind freute, mit uns essen zu gehen und nochmal essen zu gehen und, sehr sonderbar für diese Frau, die jeden Tag Salzkartoffeln kochte, sogar japanisch essen zu gehen, sie konnte gar nicht genug erleben; dieselbe Frau wie vorher, aber vollkommen ausgewechselt, regelrecht abenteuerlustig. Traurig allerdings auch.

Und an diese Traurigkeit muss ich oft in ihren eigenen Worten denken. Es ist zu schade, sagte sie an einem der Sommerabende, die wir nicht in der Essnische, sondern auf ihrer Terrasse zubrachten, dass mir dreißig Jahre meines Lebens fehlen. Ich hätte die Kinder gern groß werden sehen.

Nachdem sie mir jetzt das „Du“ angeboten hatte, sagte ich Karla zu ihr. Das fand sie merkwürdig, und es berührte sie. Mit ihrem Namen hatte sie seit den sechziger Jahren niemand mehr angesprochen.

Das kurze Leben, das sie jetzt begann und in dem sie sogar die ehemals undenkbare Reise zu uns nach Frankreich unternahm, war plötzlich farbig, während ihr selbst die zurückliegende Zeit wie vergilbt vorkam und sie sie nie zusammenkriegte, so sehr sie sich um die Rekonstruktion in ihrem Gedächtnis bemühte. Der Hungertod der Mutter 1945, ein kleiner Bruder, eine Flucht, die Ankunft in Frankfurt, eine Vergewaltigung, wir nahmen an, dass es der Vater war, aber es war der ältere Bruder, die Abweisung, der kleine Bruder durfte beim Vater bleiben, sie wurde weggeschickt und fand sich in der Bahnhofsmission wieder, und dann riss ihre Geschichte ab. Viel weiter kam sie nicht.

Hier und da tauchte ein Fetzen auf, lose Nachkriegsenden. Laufmaschen, durchlöchertes Gewebe, Lückentext.

Aber sie fing jetzt an, mit einigem System sehr schöne Entwürfe zu machen und dann zu stricken und zu nähen, sie tat etwas und brachte es auch zu einem Ende,  an ihr ist eine begabte eigenwillige Designerin mit einer ganz besonderen Ästhetik verloren gegangen; in diese Zeit fiel ihr 75. Geburtstag, den wir mit ihr in einem libanesischen Restaurant feierten, das sie entzückte, während ihre anderen Kinder darin fremdelten, dann die Hochzeiten ihrer beiden jüngeren Töchter, die ältere bekam ein Kind und fuhr sie wöchentlich besuchen, sie kochte für den Kleinen, ging mit ihm spazieren, Mutter und Tochter redeten viel und herzlich, bis die jüngere Tochter eifersüchtig wurde und plötzlich auch ein  Kind wollte, und dann endeten die wenigen guten Jahre abrupt und unbegreiflich.

 

Auf dem Weg in die Klinik, als sie ihre jüngste Tochter und das kleine neugeborene Mädchen besuchen wollte, rutschte Karla etwa heute vor zwei Jahren aus und fiel hin. Nichts Schlimmes, hieß es aus der Klinik, in die man sie vorsichtshalber brachte. Was dann genau passierte, weiß niemand. Ein halbes Jahr später starb sie in einem anderen Krankenhaus, ohne je wieder in der Chamissostraße gewesen zu sein.

 

Wir waren in der Zeit mehrmals in Frankfurt, und  bei einem seiner Krankenhausbesuche, als seine Mutter schon an einem der vielen Apparate hing, an die sie plötzlich geraten war, Herz, Niere, Atmung, Lungen, es war ein rasanter Ablauf, musste ihr Sohn ihr versprechen, nach ihrem Tod alles wegzutun.

 

Und das tat er. Ich auch. Alle Briefe, die sie nicht abgeschickt hatte, alle Manuskripte von Radiosendungen, die sie sich hatte schicken lassen und die sie dann ihrerseits vollgeschrieben hatte, alle Zeitschriften, Koch- und Backrezepte, hunderte angefangener und nicht beendeter Pullover, wieder aufgetrennter Pullover, alle Stoffbahnen, Kilometer an Stoffen, alle Wollknäuel, Schränke um Schränke, so endlose Mengen Gewebe, wie dreißig Jahre lang sind und wie die Schränke beinah nicht fassen konnten, und während wir eine unwirkliche Woche lang barbarisch in der Chamissostraße hausten und dagegen kämpften, in den gewaltigen Strudel an Wahnsinn hineingezogen zu werden, der aus den Schränken quoll, kämpfte Karlas ältester Sohn, inzwischen Ende vierzig, in der zum Jungenzimmer umgebauten ehemaligen Garage mit dem modrigen Aquarium darin, um jedes noch so wertlose Stück, jedes Senfglas, jeden gesprungenen Teller, jedes Päckchen Backpulver, das längst abgelaufen war, und während er darum kämpfte, geisterte die jüngste Schwester auf der Suche nach irgendwelchen nur in ihrer Phantasie existierenden Wertgegenständen auf dem Dachboden herum wie Charles Boyer in „Das Haus der Lady Alquist“, und um das Haus in der Chamissostraße herum schlichen nachts im Dunklen Leute und plünderten den völlig wertlosen Berg an Gegenständen, die sich dort in Containern türmten, und während tagsüber die Nachbarn durch den nassen winterlichen Garten hereinkamen, um vor dem  Kondolieren die Blumentöpfe zu taxieren, nach denen sie uns anschließend fragen würden, entdeckte die älteste Schwester plötzlich ihre Liebe zu der Mutter, die sie vor Jahrzehnten aus dem Haus gejagt hatte, und wollte ein ganz bestimmtes Kleid von ihr. Ich wiederum entdeckte zufällig einen kleinen Zettel, auf den Karla die Telefonnummer ihres kleinen Bruders geschrieben hatte, und dieser kleine Bruder, der in der Geschichte und aus der Familie etwa Ende der fünfziger Jahre verschwunden war, lebte kaum zwei Kilometer von der Chamissostraße entfernt in einem benachbarten Viertel.

Es mögen schließlich etliche Kilo Medikamente gewesen sein, die ich aus dem endlich leeren Haus zuletzt in Karlas Apotheke abgab, ohne zu wissen, ob es hilfreiche oder zerstörerische Medikamente gewesen waren, die sie dreißig Jahre lang geschluckt, abgesetzt, wieder geschluckt, wieder abgesetzt und wieder geschluckt hatte.

 

Wie sehr sie davon gezeichnet gewesen war, sahen wir kurz darauf, als der kleine Bruder plötzlich vor uns stand und ihr aus dem Gesicht geschnitten war. Aus dem Gesicht, das sie gehabt hätte – ohne die losen Enden, die Zeit, die wie eine Laufmasche durch das Gewebe ihres Lebens gerutscht war, eine Zeit, um die ihre Kinder später nicht würden trauern können, weil sie selbst nicht wussten, wo Karla in dieser Zeit war. Ein großes, fleischiges, liebevolles Gesicht hatte dieser dreiundsiebzigjährige kleine Bruder, eines, an dem man sich gerne festhalten kann, und ein gutes Gesicht voller Verschmitztheit und prächtigstem Humor, das jetzt aber großen Kummer zeigte, als Reinhold die einzelne Rose ins Grab seiner Schwester warf, die ihm auf jener jahrelangen Flucht das Leben gerettet hatte und so etwas wie eine Mutter gewesen war.

Warum sie ihn später aus ihrer Geschichte verloren hat, das ist bis heute ein weiteres loses Ende, das sich - vielleicht im Ansteckungsverfahren, jedenfalls auf spukhafte Weise  - noch ein letztes Mal wiederholt hat, denn nach Karlas Tod haben sich ihre fünf Kinder eines nach dem anderen und in kurzer Zeit ebenfalls verloren. Der jüngere Sohn allerdings hat nach dem Tod seiner Mutter aus dem Nichts einen Onkel gewonnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload