Über „Euphoria“ von Lily King

Dreiecksgeschichten sind guter Stoff, sofern es nicht um banale Seitenspringerei und deren Verheimlichung geht. Besonders guter Stoff , wenngleich aus naheliegenden Gründen bei Männern nicht sehr beliebt, sind die Jules-et-Jim-Konstellationen, die natürlich davon leben, dass die Frau zwischen den beiden Männern ziemlich gut sein muss, vielleicht nicht unbedingt wie Jeanne Moreau, aber doch immerhin so gut, dass zwei Männer auf sie fliegen und es meistens existentiell wird.

In Euphoria ist die Frau ziemlich gut. Sie heißt Nell Stone, ist von fern der Ethnologin Margaret Mead nachempfunden, durch eine aufsehenerregende Publikation vor nicht allzu langer Zeit weltbekannt geworden und mit ihrem Mann Fen Anfang der dreißiger Jahre irgendwo in Neuguinea unterwegs, um die Sitten und Gebräuche der dortigen Stämme zu studieren, als ein dritter Wissenschaftler ins Spiel kommt, Andrew Bankson, und die Erzählung übernimmt mit dem ermunternden Bekenntnis, dass er sich drei Tage zuvor im Fluss zu ertränken versucht hätte.

Spätestens hier, zu Beginn des zweiten Kapitels, würde mein Lektor einschreiten, weil ja nicht einfach nach dem ersten Kapitel, in dem es gar keinen Erzähler gibt, eine Person daherkommen und die Geschichte als Ich-Erzählung fortführen kann, nachdem sie schon ihren eigenen Selbstmord nicht auf die Reihe gekriegt hat.

Das geht gar nicht.

Und so geht das weiter. Die Forscher sind gewissermaßen im Netto-Zustand: angeschlagen und abgebrannt, gründlich verdreckt, Nell ist verletzt und in keiner appetitlichen Verfassung, man muss sie sich grau-grünlich vorstellen, ausgemergelt und meistens am Umkippen, kurz: sehr nah am authentischen Ich, bei dem das Drumherum nicht mehr von Bedeutung ist. Ihr Mann kapiert offenbar nicht viel von der Feldforschung und von seiner Frau, die gelegentlich an Helen denken muss, eine weitere Anthropologin, die sie seinetwegen verlassen hat, und natürlich kommt Fen nicht damit klar, dass Nell Erfolg hatte, und er hatte bisher keinen Erfolg, das quält ihn so, dass er zum Schluss des Romans etwas ganz und gar macho-mäßig Grässliches tut, womit er in die Geschichte der Anthropologie Einzug halten möchte, und dabei geht er über Leichen und ist jämmerlich, dass einem schlecht wird. Genauer gesagt, geht er über eine Leiche, die von Xambun, einer geheimen Hauptfigur des Romanes, die zum Stamm der Tam gehört, und da sind wir mitten in den anderen literarischen Unmöglichkeiten dieser Geschichte: Es wimmelt nur so von unaussprechlichen Stämmen und Namen und Formeln, die man sich so wenig merken kann wie die Namen bei Tolstoi, und außerdem sind die meisten auch noch erfunden. Wenn davon mindestens fünf oder sechs pro Seite vorkommen, weiß jeder Lektor, dass das den Leser so stört wie der obige Perspektivwechsel.

Nur – entgegen allem, was ein Lektor so weiß – stört mich das gar nicht. Ich folge Lily King in ihren Abenteuerroman, der bis in die dreckigsten Lumpen und Zehenspitzen ihrer Helden vom Verhängnis des letzten Jahrhunderts getränkt ist, von unserem Verhängnis, der angeschlagenen Zivilität, ihrer Kaputtheit und Verstricktheit in den Irrsinn der Herrschsucht, die alles plattmacht, und natürlich hat mein Lektor recht: Das geht gar nicht, also kriegen wir nicht mal ein Happy End, nur diesen einen Moment aus dem Titel.

Und ein Gedicht über die Liebe, das heute kaum jemand kennt.

Es steht nicht im Buch drin, aber sie reden drüber. Von Amy Lowell. Es geht so:

Decade
When you came, you were like red wine and honey,
And the taste of you burnt my mouth with its sweetness.
Now you are like morning bread,
Smooth and pleasant.
I hardly taste you at all for I know your savour,
But I am completely nourished.

Dekade
Als du kamst, warst du wie Rotwein und Honig,
Und dein Geschmack brannte meinen Mund mit seiner Süße.
Jetzt bist du wie Brot am Morgen,
Weich und angenehm.
Ich schmecke dich fast gar nicht, denn ich kenne deinen Geschmack,
Aber die Nahrung ist vollkommen.

 

 

 

 

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