Laudatio auf Wilhelm Genazino, Fallada-Preis

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

als Wilhelm Genazino Ende der siebziger Jahre seine Abschaffel-Trilogie schrieb, lebte ich in der selben Stadt wie er und sein Held.

Ich begegnete diesem Helden zufällig, weil ich die studentische Angewohnheit hatte, die Bücher in den Ramschkästen vor Buchhandlungen zu durchkramen und mich dann zu freuen, wenn ich ein Buch für zwei Mark bekam. Bücher, die rowohlt-rosa waren, erinnerten mich an Brinckmanns "Rom, Blicke" und an Sartres "Idiot der Familie" und kriegten einen Bonus, selbst wenn der Name des Autors mir nichts sagte und die Buchhändlerin auch nur sehr ungenau wußte, es handele sich um einen Angestelltenroman. Ich selbst war halbtags im Institut für Sozialforschung angestellt und fand es mäßig langweilig, soziologische Arbeiten über die Humanisierung des Arbeitslebens zu tippen, die ja nichts anderes sein würde als die Vernichtung desselben, und das würde die Soziologie nicht ändern.

Mit dem Mängelexemplar ging ich nach Hause und las.

Noch heute erinnere ich mich an zwei heftige Reaktionen auf den Angestellten Abschaffel, den ich, ohne zu zögern, mit dem Autor Wilhelm Genazino gleichsetzte: die erste Reaktion kannte ich schon aus meiner Lektüre von Kafkas "Prozeß", dessen Protagonisten K. ich ebenfalls umstandslos mit dem Autor gleichgesetzt hatte. Beide neigten zu Verstrickungen, beide hatten den Überblick nicht und schafften es nicht, Prioritäten zu setzen, beide waren entsetzlich entscheidungsschwach, beide hätte ich gern an den Schultern gepackt und gerüttelt; kurz: Ich war aufgebracht und hatte energische Lust, mich ins Geschehen einzumischen und dort für Ordnung und eine vernünftige Lösung zu sorgen, mit der es sich anständig leben läßt, wie ich das im Jura-Studium lernte. Gleichzeitig hatte ich das aufgeregte Bedürfnis, den Autoren von solchen Literatur gewordenen Heillosigkeiten zu erklären, daß alles ganz anders ist, und dieser idiosynkratische Zeitgenosse Genazino sollte um Himmels Willen nicht so ein tickhaftes Tamtam daraus machen, daß Mülleimer nun einmal runtergetragen und Hemden gewaschen werden müssen, und weder die Anschaffung eines Rasierpinsels noch Läuse in den Schamhaaren lohnen ein seitenlanges Theater.

Kurz: ich erfaßte intuitiv die Verwandtschaft von Kafka und Genazino, denn beide taten mir herzlich leid.

Und ich erfaßte offenbar ebenso intuitiv, wofür sie Spezialisten sind, denn das Lesen zog mich in ihre Welt und bereitete mir eine enorme Pein.

Im Vollbesitz meiner jugendlichen Überlegenheit und äußerst großzügig war ich allerdings zu Lebenshilfe bereit und fing innerlich mit beiden Autoren an, über ihre Probleme zu sprechen und ihnen praktische Ratschläge zu erteilen, anstatt bei ihnen zu lernen, was Komik und was Scham ist.

 

Die zweite Reaktion auf Abschaffel war äußerst produktiv.

In den siebziger und achtziger Jahren gab es ein Problem mit der westdeutschen Gegenwartsliteratur: sie war in der Regel links und in der Regel furchtbar programmatisch und dogmatisch, also schlecht. Ich hatte mir folglich angewöhnt, sie mit wenigen Ausnahmen als nicht-existent zu betrachten. Ihre literarische Belanglosigkeit erklärte ich mir mit dem Umstand, daß das Leben in einer so, provinziellen, - Genazino würde sagen: geschichtsstillen - Welt wie der Nachkriegs-BRD einfach nicht erzählwürdig und somit nicht literaturfähig sei. Ich selbst, so viel stand fest, würde zwar später mal Schriftstellerin werden, aber eher so wie Feuchtwanger, der ja seinen zeitgenössischen Lesern notgedrungen sehr häufig Mitteilungen durch die Blume des historischen Romans machte.

 

Und dann kam einer und hatte meine ganz persönlich Wirklichkeit in Literatur verwandelt: die banale Frankfurter Gegenwart mitsamt den uninteressanten Fußgängerzonen, Schnellrestaurants, den Supermärkten, den antipoetischen Plastiktüten, den öden Urlaubserzählungen und dümmlichen Anekdoten im Büro, den Betriebsratsvorsitzenden, den langweiligen Pornokinos, überhaupt der billigen Bahnhofsgegend, durch die mein Schulweg geführt hatte, und ich kannte die Bordellspießer, das ganze erbärmliche und kleine Leben, in dem der Tag mit Arbeitsvermeidung hingeht und nachts die Liebe verrutscht und kümmerlich wird, auch schon mal zum "Seximbiß", und ganz leicht, fast beiläufig schrieb Genazino auch noch: "Es ist eine ganz tolle Verzweiflung, wenn man merkt, daß man dort, wo man ist, nicht hingehört."

 

Einige Jahre später ist Abschaffel Wolfgang Peschek; Peschek ist Grafiker, und das Buch, in dem sein Abstieg in die Arbeitslosigkeit vorgeführt wird, heißt "Fremde Kämpfe". Pescheks Abstieg allerdings ist ein anderer als der des Johannes Pinneberg bei Hans Fallada, denn die beginnende Massenarbeitslosigkeit, in den achtziger Jahren war nicht die der zwanziger Jahre, sondern inmitten des allgemeinen Wohlstands zunächst einmal: unsichtbar. "Nirgends warteten stumme Personen vor einem Sozialamt zwei Stunden lang auf einen Teller Erbsensuppe.", das Herausfallen aus der Gesellschaft mitten im Reichtum war ein langsamer, schleichender Vorgang, erklärungslos und mit dem Geschmack nach persönlicher Schuld, Scham und Schande. Peschek weiß sich "unaufhebbar allein auf der Welt", und seine Dagmar ist nicht Lämmchen; auch ihr gegenüber gilt dieses "Unaufhebbar", das Elend siegt.

"Fremde Kämpfe" ist ein großartiges Buch gegen die Erinnerungslosigkeit, die seit einiger Zeit systematisch und fernsehshowmäßig unter dem Namen verschiedener Jahrzehnte gezüchtet wird, bis alle irgendwann denken, in den achtziger Jahren habe man hauptberuflich in Frottebademänteln eingehüllt die Sendung mit der Maus gesehen und Kinderschokolade gegessen, bevor man dann in den neunzigern an die Börse ging.

 

Wilhelm Genazino, den wir inzwischen längst nicht mehr mit seinen Protagonisten verwechseln, sondern kleinlaut dafür um Verzeihung bitten, daß uns sowas passieren konnte, ist ein leiser und unerbittlicher Zeichner des "Unaufhebbar-allein-auf-der-Welt", und sehr traurig sind die Szenen, in denen er Mütter und Kinder beobachtet.

"Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz" ist erschienen, als die Mauer fiel. Es gibt darin etliche Flecken und Jacken und einigen Schmerz, nicht nur den Haus gewordenen, also "gebauten" Schmerz Wittgensteins, sondern auch einen ganz unscheinbaren in der U-Bahn: "Ein ungefähr zehnjähriges Mädchen, das auf einer neuen Mundharmonika spielt, sitzt mir gegenüber. Neben dem Mädchen eine jüngere Frau, wahrscheinlich die Mutter. Durch aufpasserisches Hinsehen gibt sie zu erkennen, daß das Kind zu ihr gehört, zugleich ist in ihrem Dasein auch etwas Abgewandtes und Schmerzvolles versteckt, das sie zwingt in einer unbegriffenen Einsamkeit zu leben."

"Beaufsichtigend und doch leer, beurteilend und doch gleichgültig schaut sie auf das Kind. Schon zum zweitenmal phantasiere ich den Anfang einer Geschichte: Der Schmerz der Frau rührt daher, daß sie jeden Tag arbeiten und das Kind in fremde Hände geben muß; und wenn sie das Kind am Abend trifft, kommt es immer nur zu einem traurigen Wiedersehen, aber zu keinem gemeinsamen Leben. Da sagt die Frau plötzlich auf die sauber in der Mitte gescheitelten Haare des Mädchens den Satz herunter: Gisela, hör auf, du kannst es nicht. Augenblicklich nimmt das Kind das Instrument von den Lippen. Es schaut zuerst in das Gesicht der Mutter und wandert kurz in deren Einsamkeit umher, dann läßt es den Blick still in der U-Bahn umherschweifen wie die anderen Fahrgäste auch. Dieses überraschend einsetzende allgemeine Beobachten muß das Zeichen dafür sein, wenn eine Person in die Weltverlorenheit eintritt."

 

In diesem Buch, einem Reisebuch, aber auch einem Todesbuch, steht einer meiner Lieblingssätze: "Es muß eine unerhörte Zeit gewesen sein, als man sich füreinander interessierte."

 

Der Erzähler und seine Frau oder Freundin Gesa fahren nach Wien. Der Grund der Reise ist wunderbar: W. hat gehört, wie sich Schüler auf der Straße über Moz beschweren, den sie offenbar in der Schule behandeln und nicht so besonders mögen. Erst nach einiger Zeit wird ihm klar, daß sie Mozart meinen, und hier, an dieser Stelle, habe ich gemerkt, daß ich nicht die einzige bin, die die Angewohnheit hat, mit Künstlern, die mich beschäftigen, tatsächlich zu sprechen, Genazino macht das auch! "Sofort habe ich das Bedürfnis", sagt der Erzähler, "Mozart vor diesen netten jungen Leuten zu warnen. Ich sehe mich um, vielleicht ist Mozart in der Nähe, dann sage ich ihm, wie jung und gut gelaunt sich die neueste Niedertracht anhört."

Mozart ist nicht in der Nähe, und um seine Ehre wieder herzustellen, fahren W. und Gesa also nach Österreich, wo zu meinem allergrößten Entzücken weitergesprochen wird, nämlich mit Kafka, den die beiden in seinem Sanatoriumszimmer in Kierling besuchen. "Ich sehe Kafka in einem weißen schmalen Eisenbett liegen. Er schreibt Sätze und Worte auf kleine Zettel." Und dann geht es los, denn der Erzähler hat eine ziemlich strenge Rede an Kafka zu halten, über das Schreiben, über das Künstlersein, über das Selbstbewußtsein und über das Schwindeln der Kunst und die Scham darüber, für die bekanntlich beide Spezialisten sind. Ich hatte meine Lebenshilfe für Kafka seinerzeit eher hausfraulich gemeint, aber im Ton war sie auch recht streng gewesen, bevor meine Überlegenheit gegenüber dem Leben wich.

Doch auch Genazinos Rede wird nicht gehalten. "Herr Kafka, ich nehme meine Rede zurück", sagt schließlich der Erzähler.

 

Aber er denkt weiter nach, während er durch Wien, später durch Paris geht und es nicht über sich bringt, das Bild, dessentwegen Gesa und er nach Paris gefahren sind, im kaufhausartigen Rolltreppenmuseum am Quai d'Orsay im Touristenpulk zu betrachten. Während der Reise, auch dann im Amsterdam liest er das Tagebuch von Max Beckmann und nennt es das Dokument eines "unerhörten Lebenskampfes und eines ebenso unerhörten Sieges". Und wie belegt er das? Hören Sie, was Beckmann am 10. Juni 1945 notiert hatte: "Man müßte eigentlich Müller heißen, dann wäre es noch angenehmer".

Und der Erzähler denkt über alte Fotografien nach, zu denen Wilhelm Genazino eine sehr starke Affinität hat, weil sie angehaltene Zeit sind. Den sauberen Mittelscheitel der kleinen Gisela in der U-Bahn zum Beispiel hat er auch auf einem alten Foto entdeckt, er gehörte zu Kafka, und Genazino hat ihn als Riß verstanden, den der Angestellte Kafka und der gewaltige Künstler, der er im selben Menschen war, mitten durch den Kopf immerzu ertragen mußte.

 

 

Wenn ich zurückdenke - was wußte ich über Wilhelm Genazino, als der Autor mich im Oktober 1990 auf dem Bahnhof in Weimar ansprach, indem er sehr freundlich fragte, ob ich ich sei und mir das anstehende ost-westliche Schriftstellertreffen - ich hatte damals gerade mein erstes Buch gemacht - gleich etwas weniger Furcht einflößte durch die vage Bekanntschaft, die auf einem Bahnhof entsteht. Das zweite Mal, daß ich Genazino getroffen habe, war es übrigens auch auf einem Bahnhof, ein paar Jahre später, in Darmstadt.

 

Ich wußte 1990, daß er unaufhörlich durch Frankfurt ging und gelegentlich beim Bratwurstessen gesehen worden sein sollte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, deshalb zu denken, er sei ein  Flaneur, und ich glaube, auch er ist nicht auf die Idee gekommen, denn sein Herumgehen hatte nie etwas Dandyhaftes, Exhibitionistisches, das mit dem Wort "flanieren" ja untrennbar verbunden ist, Wilhelm Genazinos Herumgehen war nicht, um gesehen zu werden, sondern um zu gucken, zu gucken, zu gucken, und um "die Zeit in kleine Splitter zerfallen zu sehen". Es ist eine eigene Art des Gehens und Stehenbleibens, er selbst nennt es Zotteln oder Zockeln.

 

Daß er bei dieser Tätigkeit ein verständliches Interesse an Schuhwerk hat, ist ohne weiteres einleuchtend und übrigens in allen seinen Büchern nachzulesen, wenngleich er selbst dieses Interesse in seinen frühen Arbeiten noch nicht sinnlich dem Vorgang des Gehens zuordnet, sondern, weil der damalige Geist ein psychoanalytischer war, eine Vatergeschichte dafür verantwortlich macht, einer Abschaffel-Vatergeschichte wohlgemerkt.

In seinem späteren Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag" erlaubt Wilhelm Genazino sich und seinem Protagonisten, seine Leidenschaft für und sein enormes Wissen über Schuhe in ganzer Pracht zu entfalten. "Vermutlich ist es kein Zufall", sagt der Erzähler, der sich sein Geld als Luxus-Schuhtester verdient  "daß ich über Schuhe wie über erweiterte Körperteile rede."

 

Weiter wußte ich, daß der Autor Genazino über Geld, das Nichtausgeben desselben, über Sparsamkeit, auch Lebenssparsamkeit bis hin zu Lebensgeiz nachdenkt; damit verbunden ist zwingend das Nachdenken über Sauberkeit und Ängstlichkeit und über die Enge, die sich in all den Leben einfindet und sie beklemmt, die durch Sparsamkeit und fleckenlose Sauberkeit geprägt sind.

 

Ich wunderte mich daher nicht, daß in Genazinos Welt jene Menschen eine besondere Rolle spielen, in deren Händen das Geld seinen Besitzer wechselt und die es ohne eigentliche Beteiligung an dem Vorgang, so mechanisch wie magisch, zuerst in Waren verwandeln, die mit dem Gebrauch später zu Dingen und manchmal sogar zu auratischen Dingen werden. Seine Welt ist voller Verkäuferinnen, und schon 1989 weist ein kleiner, dichter Abschnitt auf den Titel eines späteren Buches voraus: "Ich spüre das Bedürfnis, die Kassiererin an der Hand zu nehmen, sie aus dem Supermarkt herauszuführen. Aber ich weiß, daß mein Wunsch, unmittelbar und sofort in einer würdigeren Welt zu leben, nur die Gestalt meines Wahnsinns ist, der auf seine Gelegenheit wartet".

Aber auch solche Menschen spielen eine Rolle, die die Zeichen des empfindlichen Mangels an Geld und an Zugehörigkeit zur Welt sichtbarlich durch die Großstädte tragen: die Bettler an den kaputten Rolltreppen und Telefonzellen, die Penner, die Alkoholiker, die Berber in den Parks, Verwirrte, die Kinderwagen vor sich herschieben, und wenn man hineinschaut, ist kein Kind, sondern ein kleiner Hamster drin.

"Unglaubliche Gleichgültigkeit! Alter Mann ißt Papier!"

 

Die Zwischenwelt zwischen dem urbanen Hades und den zeitvernichtenden Abläufen auf der Oberfläche der Stadt bevölkern Mütter; denn die Zeit der Mütter verläuft anders als die anderer Menschen, und Genazino sieht sie überall: stillende Mütter, Mütter mit Kinderwagen und Kindern darin, Mütter und Kinder an Fenstern, in Straßenbahnen, an Haltestellen, und immer sind die Szenen, die er erzählt, von einer Innigkeit, die vom ersten Momente an gefährdet ist und während des Erzählens sehr häufig auch schon kippt, vielleicht kippen muß, denn es ist die Innigkeit des Erzählers, dessen Blick ihn nicht um die melancholischen Abgründe betrügt, die sich zwischen den Müttern und den Kindern längst geöffnet haben, sobald sie in die Zeit und die Welt hinein sind.

 

Und ich wußte schon 1990, daß Wilhelm Genazino die Vögel sieht, wie in der deutschen Literatur, die ich kenne, niemand sie gesehen hat. Seine Bücher sind voller Amseln, Schwäne, Möwen, Tauben, Brieftauben mit Ringlein um die Füße, toten Tauben, verkrüppelten Tauben, vergifteten Tauben; ich habe lange auf eine  Elster gewartet, weil auch Elstern Stadtvögel sind und in den Städten ihr eigenes Elsternleben führen, und dann begegnete sie mir; es gibt Spatzen, Krähen, Stare, Schwalben und Mauersegler und auch solche Vögel, deren Namen der Autor nicht kennt.

 

Mein Doktorvater hatte die sehr schöne, trockene Angewohnheit, von der kleinsten Putte bis hin zum Erzengel alle Engel unter einen Begriff zu bringen. "Himmlisches Geflügel". Wenn ich Genazino lese, übersetze ich einfach rückwärts, denn die Vögel sind sehr häufig und sehr notwendig - so wie der Blick übers Wasser - ein Trost, und ein bißchen schade finde ich, daß dieser engelkundige Autor vermutlich kein Buch mit dem Titel "Die Vögel" schreiben wird.

 

Anfang der neunziger Jahre fing Wilhelm Genazino an, seiner Beschäftigung mit alten Fotografien Raum zu geben. In der Frankfurter Rundschau erschienen gelegentlich Geschichten darüber, was er auf Postkarten sah, und wegen dieser kleinen Texte freute ich mich sogar gelegentlich auf die Zeitung.

 

Und gleichzeitig schrieb er - 1992 - sein radikalstes Buch.

Ich habe mich eine Weile lang im Verdacht gehabt, die Radikalität vielleicht nur in das Buch hineingelesen zu haben, vielleicht weil ich in Weimar ein paar Wege mit Wilhelm Genazino gemacht hatte und vielleicht auch weil ich selbst zu dieser Zeit in einer etwas radikalen Verfassung war, nämlich im Begriff, aus Deutschland wegzugehen, aber als ich es später und jetzt noch einmal wiederlas, war es immer noch und unvermindert radikal. Übrigens muß auch Genazino zu der Zeit an Weggehen gedacht haben, denn er wiederholt mehrmals, jedenfalls probeweise einen zufällig gefundenen Satz, eine "trouvaille": "Wollen wir  übers Land fahren, über die Grenzen hinaus?"

Dieses sehr besondere Buch also heißt "Leise singende Frauen", ich habe seinerzeit und jetzt wieder beim Lesen die Luft angehalten und um den Autor gebangt, der mit allerschwerstem Ernst und ohne die Spur einer Antwort zu der Frage gelangt: "Mit wieviel Grausamkeitswissen können wir weiterleben?"

 

Wilhelm Genazino ist ein unendlich höflicher und poetologisch diskreter Autor, sogar dann, wenn das, was er zu sagen hat, von flehender Dringlichkeit ist. Die enorme Kraft und Konsequenz dieses Buches indes hätte nicht übersehen werden dürfen.

1992 allerdings war ziemlich genau der Zeitpunkt, zu dem dieses Land bewußtlos irgendwo zwischen schrillen Stasi-Schlagzeilen, den goldenen Verheißungen der globalen Weltmärkte und bunt blühenden deutschen Landschaften herumtorkelte, jung, reich und schön sein und jedenfalls diese Frage nicht hören wollte.

 

Inzwischen ist bekanntlich unsere Sensibilität für Grausamkeitswissen geweckt, und zwar für eines, das man bei Genazino vor zwölf Jahren schon hätte lesen können:

"Ich lese die armdicke Hauptschlagzeile: TERRORISTEN WERFEN PASSAGIERE AUF DAS ROLLFELD. Sofort beunruhigt mich alles, was die Schlagzeile nicht mitteilt: Sind die heruntergeworfenen Passagiere verletzt oder tot? Oder sind sie bereits im Flugzeug getötet und dann erst hinausgeworfen worden? Oder sind sie im Flugzeug nur angeschossen worden und liegen jetzt mit gebrochenen Gliedern auf der Rollbahn? Und darf ihnen niemand helfen, weil die Terroristen auf jeden schießen, der sich ihnen nähert. Ich entferne mich rasch von den ausschwärmenden Zeitungsverkäufern, aber Flucht hilft jetzt nicht mehr. Ich kann anschauen, was ich will, mein Denken beginnt trotzdem rasch durch den elennden Tod vieler Fremder hindurchzueilen. Ich sehe Blut auf Beton, ich sehe herumliegende Handtaschen, ich sehe zerrissene Kleider, ich sehe ..."; hier breche ich das Zitat ab, aber dann weiter: "Das Bösartigste ist, ich weiß jetzt schon, ich werde mir die Flugzeugentführung am Abend im Fernsehen anschauen müssen, ich werde keine Wahl haben, ich werde wissen wollen müssen, wie der moderne Tod aussieht, ich werde darüber nachdenken wollen müssen, ob es dieser Tod ist, der einmal unser aller Tod sein wird, und ich werde erst zufrieden sein können, wenn ich alle Bilder gesehen und mehrmals gesehen habe, dann erst werde ich das von uns verlangte Gefühl der  Vertrautheit mit dem Tod haben, jedenfalls in der für diesen Tag größtmöglichen Perfektion."

 

Für diesen modernen Tod und unser Gefühl der Vertrautheit damit ist inzwischen n-tv zuständig.

 

Und was wird nun aber Genazino machen, wenn die Welt dort angekommen ist, wo er 1992 schon war?

 

Die Ungleichzeitigkeit, überhaupt die Unabstimmbarkeit dessen, was einer von der Welt und dem, was die Welt von sich selbst weiß, gehört zu den schlimmen und ohnmächtigen, aber auch zu den lustigsten Erfahrungen, die ein Autor machen kann.

Sie ermöglicht den Eulenspiegel.

 

"Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", darum geht es in seinem rasanten jüngsten Roman, von dem ich irgendwo gelesen habe, er sei ein Entwicklungsroman, gar ein Bildungsroman und entführe uns in die stickigen Adenauerjahre, und er sei ein klassischer "Genazino", weil darin eigentlich gar nichts passiert.

 

Aber was darin alles passiert! So viel Handlung muß erst einmal einer in einen Roman reinkriegen. Und Weigand, der jugendliche Held, ist wirklich Held. Erst fliegt er von der Schule, findet sich in der halbbitteren Situation, von seiner Mutter begleitet eine Lehrstelle suchen zu müssen, die er überhaupt nicht will, weil er nämlich einen Roman schreiben will. Dann hat er die Lehrstelle in einer Speditionsfirma, will aber diesen Roman schreiben; aber weil man ja nicht einfach so Schriftsteller werden kann, denkt er sich, er könnte vielleicht einstiegshalber kleine Zeitungsartikel verfassen, tut das auch, schickt sie in der Welt herum und bekommt tatsächlich Kontakt zur Lokalredaktion einer Tageszeitung, die ihm fortan die herrlichsten Termine verschafft. Tags also arbeitet der Junge mit den Arbeitern, in deren Kantine es ein STAMMESSEN 1 und ein STAMMESSEN 2 gibt, der Speditionsfirma verdanken wir übrigens einen der großartigsten Betriebsausflüge der deutschen Literatur, und nachts verfaßt er Berichte über die Feiern zum ersten Mai, die italienische Woche bei Hertie, eine Pressekonferenz des italienischen Fremdenverkehrsamts, eine Autogrammstunde mit Rex Gildo und weitere aufregende Ereignisse. Schlaf ist nicht, zumal er dazu übergeht, seine Lokalartikel gleich in mehreren Versionen zu verfassen und auch mehrfach zu verwerten, weil es in seiner Stadt drei große Zeitungen gibt. Es bleibt nicht aus, daß ein solches Leben eine Unmenge Bekanntschaften mit sich bringt, das Personal dieses kleinen Romans ist überwältigend, und ich habe mir den Hinweis auf Genazinos Neigung, seinen Leuten phantastische Namen zu geben, bis an diese Stelle aufgespart, hören Sie, wie die heißen: Frau Siebenhaar, Anselm Marquard, Herrdegen, Dieter Obergflell, Anita Winnewisser, Albert Mußgnug, Angelmaier mit "a", Kaltenmeier mit "e", sehr gut gefällt mir auch Herr Wettengel oder Hermann Kindsvogel, der für die sozialdemokratische Allgemeine Zeitung arbeitet, während Frau Finkbeiner für die Allgemeine Zeitung tätig ist.

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle gern erzählen, daß ich einige Jahre ein Büro mit Frau Findeklee geteilt habe.

Es ist einleuchtend, daß die meisten Leute, die bei Zeitungen arbeiten, "eigentlich" schreiben wollen, und zwar "eigentlich" einen Roman, und viele  haben auch schon einen angefangen, einen Schelmenroman, ein Familienepos, und darüber wollen sie pausenlos reden, und bei denen, die nicht darüber reden, muß man vermuten, daß sie dennoch an einem Roman schreiben und nur nicht darüber reden.

Weigand geht zum Schreiben mangels eines Literatencafés in seiner Stadt ins unliterarische Café Hilde. Dort erlebt er eine richtige Genazino-Szene: Ein Kind sagt zu seiner Mutter - die Heringe an der Stelle lasse ich jetzt einfach mal weg - das Kind sagt also: Du bist die allerbeste Mutter, die es gibt.

Das muß geschrieben werden.

Der erste Satz fliegt aufs Papier, aber jetzt: Schreiben ist, sich selbst zu mißtrauen. Das erlebt Weigand. Der erste Satz löst Zweifel aus.

"Ich begann, jeden weiteren Satz, bevor ich ihn niederschrieb, danach zu befragen, ob er schön war oder nur aufrichtig, oder vielleicht nur schön, aber nicht aufrichtig; oder intelligent, dafür aber traurig; oder vielleicht schön und traurig, aber leider nicht wahr; oder nur wahr, aber nicht schön; oder nur eindrucksvoll aber weder schön noch wahr; oder nur interessant, aber nicht eindrucksvoll und nicht einmal schön.

Kurz darauf beendete ich das Schreiben im Café."

 

Aber nicht nur beruflich mutet sich der junge Mann Gewaltiges zu: er hat auch noch Gudrun. Gudrun und er sind möglicherweise nicht füreinander geschaffen, obwohl sie bis ins Detail eine gemeinsame Zukunft planen, und körperlich haben sie es jedenfalls auch noch nicht getan, weil Gudrun keine "Bauchhochzeit" möchte. Ersatzweise probiert Weigand an Gudrun Großvorträge über Schrifteller aus, und es sind allesamt solche, bei denen sich die "Tücke des Scheiterns", mit der sich der Erzähler herumschlagen muß, in der Biographie manifestiert hat, unter anderem also auch Fallada - wir sind hier in Neumünster.

Aber dann lernt Weigand Linda kennen, "und es leuchtete in diesen Augenblicken die Möglichkeit auf, daß ich soeben zum ersten Mal auf einen Menschen gestoßen war, der von der Literatur ähnlich stark gesteuert wurde wie ich." Indes: auch Linda hält es für ziemlich unmöglich, "in einer deutschen Industriestadt eine Bohème aufzubauen." Gudrun verschwindet aus Weigands Leben und dem Roman nach einem Schwimmbadbesuch. In ihrem blauen Rüschenbikini wird sie uns unvergeßlich bleiben.

Mit Linda aber eröffnet sich neben den vielen Räumen in Redaktionen, Kantinen, Cafés, den wechselnden abendlichen Lokalterminen, der täglichen Lehrlingsexistenz, dem spärlichen Leben im Elternhaus ein weiterer Raum für Weigand, aber noch keine Wohnung, noch ist der neue Raum die Literatur, Joseph Conrad zum Beispiel, Burroughs, Ginsberg, Kerouac, denen offenbar jeder junge Mann verfallen mußte, der in den fünfziger, sechziger Jahren bücherlesend seine Pubertät erlebte.

Aus beruflichen Gründen hingegen kommen neben den Schriftstellern überwiegend auch noch die anderen vor, die zu der Zeit in den Medien den Ton angaben, Freddy Quinn, Caterina Valente, Fred Bertelmann und Johannes Heesters; die werden nämlich auf einem spektakulär schrecklichen Je-ka-mi-Abend - JEder KAnn MItmachen -  von Leuten imitiert, die alle gern Superstars wären.

Kurz, Weigand bewegt sich mit furioser Geschwindigkeit in vielen Wirklichkeiten und Räumen, und das wird irgendwann unbekömmlich. Es bleibt nicht aus, daß er auf einmal einen unverlierbaren Verdacht hat: "Plötzlich war ich überzeugt, daß jedes Zeichen und jede Bewegung in diesem Raum eine Fälschung war." Er vermutet um sich herum ein Kartell der Einfalt, das ich hier aus der Vergangenheit in die Gegenwart übersetze: "dümmliche Leute lesen dümmliche Kritiken und sehen sich dümmliche Filme an."

Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht, so fragt sich Weigand, "gibt es ein allgemeines Vergnügen an der humoristischen Versimpelung des Lebens, das mir aufgrund meiner inneren Strenge nicht zugänglich war?"

Denn allerdings, bei aller Offenheit und Nachsicht, denkt er streng, "und strenges Denken ist die heimlichste und deswegen härteste Form der Strenge."

 

Zu einem Roman kommt er in diesem aufregenden Buch nicht, und ob er zu einer Frau gekommen ist, darüber könnte man streiten. Jedenfalls aber kommt der Augenblick, an einen eigenen Raum, eine Wohnung, zu denken.

 

Und für mich kommt hier der Augenblick, dem Autor zu danken.

Nicht zuletzt für sein Beharren auf Nachsicht und strengem Denken und darauf, "daß die erste Bewegung des Textes immer nach draußen geht, zu den anderen."

 

Und für den Fall, daß sie da nicht ankommt, wünsche ich ihm, was nach seiner und nach meiner Erfahrung hilft: den langen Blick übers Meer.

 

PS: Denn, lieber Wilhelm Genazino, das Meer - vielleicht nicht so sehr das Moos - ist groß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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