„Ja kann man denn davon leben?“

Als ich im Jahr 1989 beschloß, Schriftstellerin zu werden, war ich immerhin schon 34 Jahre alt, hatte einen fünfjährigen Sohn und wußte bereits, daß Leben Geld kostet. Die obige Frage habe ich inzwischen wohl tausend Mal gehört, damals stellte ich sie mir sozusagen im stillen Kämmerlein selbst und begab mich auf der Suche nach Antworten in die Vergangenheit, zu meinen Vorgängern, von denen ich mir natürlich ein herzliches „Klar doch“ erhoffte. Was ich fand, war nicht gerade ermutigend: Die Korrespondenz beinah aller Schriftsteller, denen ich meine Frage vorlegte, ist voller Dokumente, die mir zu einem verzagten „Lieber nicht“ raten wollten – es wimmelt von Notlagen, regelmäßigen finanziellen Engpässen, notorischen Dauerschulden, Publikationsschwierigkeiten, Zensurproblemen, tragischen, teils auch hochkomischen Bedrängnissen, kurz: Ich entdeckte ein eigenständiges, in eingeweihten Kreisen nicht völlig unbekanntes, aber doch sehr unterschätztes literarisches Genre – den Bettelbrief, und ich kam zu dem Schluß: „Quer durch die Jahrhunderte scheint es eine quasi naturgesetzliche Konstante zu sein, daß kaum einer je aus eigener (Schreib-)Kraft durch- und ausgekommen ist.“

Also wurde ich Schriftstellerin.

Und kann die Eingangsfrage nach siebzehn Berufsjahren klar beantworten: „Eher nicht, aber irgendwie doch.“

Dies belegen im übrigen die Zahlen, die von der Künstlersozialkasse für das Jahr 2003 für die 140.000 bei ihr versicherten Künstler ermittelt worden sind. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines freien Autors beträgt 15.749 Euro, das einer Autorin 11.372, macht im Schnitt 13.643, also ein „Eher nicht“.

Womit wir beherzt zum „Irgendwie doch“ schreiten wollen.

Während ich also Bettelbriefe sammelte und Kommentare dazu verfaßte, die später von der wunderbaren Christiane Gieselmann für den Luchterhand Taschenbuchverlag lektoriert wurden, schrieb ich ein zweites Buch. Eine Erzählung.

Aus Gründen, die mir heute nicht mehr erinnerlich sind, wollte der Luchterhand Verlag die nicht haben. Der Fischer Verlag auch nicht, ebenso wenig der Rowohlt Verlag und alle anderen großen und mittelgroßen literarischen Verlage. Frau Gieselmann indes, der die Erzählung gefiel, schickte sie listig an die aus Wohngemeinschaftszeiten befreundete Lektorin des Rotbuch Verlags, der damals noch aus „wirklichen Menschen“ bestand. „Wirkliche Menschen“ nennt Robert Gernhardt in seinem schönen und jedem angehenden Schriftsteller dringend zu empfehlenden Buch „Wege zum Ruhm“ jene, die einem Verlag mit Herz und Blut vorstehen, und nicht allein als Geschäftsführer. Gleichzeitig schickte sie, ohne mir davon etwas zu sagen, die Erzählung einer weiteren Bekannten, die in jenem Jahr – einmalig – Mitglied der Jury in Klagenfurt war. Das tat auch der Rotbuch Verlag, nachdem er beschlossen hatte, aus der Erzählung ein Buch zu machen. Von den beiden Klagenfurt-Bewerbungen erfuhr ich erst, als ich die Einladung erhielt, am Bachmann-Wettbewerb teilzunehmen. Ich war entrüstet und lehnte die Reise nach Klagenfurt ab. Der Kleinverlag wiederum war entrüstet, daß ich die Gelegenheit nicht wahrnehmen wollte, für ihn werbewirksam ins Rennen zu gehen; die damalige Lektorin wies mich energisch darauf hin, daß Veröffentlichungen etwas mit Öffentlichkeit zu tun haben und daß von dieser Öffentlichkeit keinesfalls nur Texte, sondern Ende des 20. Jahrhunderts unbedingt auch deren Urheber betroffen seien.

Wundersamerweise gewann ich den Bachmannpreis und war von eben auf jetzt eine Schriftstellerin, welcher Senkrechtstart mir im damaligen Branchenjargon die Bezeichnung „acid“ eintrug und tatsächlich eine Ausnahme ist. Meine Erzählung erschien kurz darauf unter dem Titel „Das Muschelessen“, wurde von allen namhaften Zeitungen komplett verrissen und ist heute Schullektüre.

Mein zweites literarisches Buch überlebte ich dank des Preisgeldes für das erste, das dritte dank eines neunmonatigen Stipendiums der Stadt Berlin, das vierte war eine glatte Mogelpackung: Ich bewarb mich beim Literaturfonds mit dem Anfang einer Erzählung, die ich dann aber nicht gleich schrieb, sondern erst ein paar Jahre später, als ich wieder einmal den Verlag wechselte.

Denn in den neunziger Jahren trat etwas Fatales ein und betraf nicht nur den Rotbuch Verlag, der im Jahr 1993 vor der Omnipräsenz übermächtiger Medienkonzerne und Buchhandelsketten kapitulierte wie viele andere Kleinverlage um diese Zeit auch. Mein Verlag ging zwar nicht pleite, aber er verkaufte sich, seinen Namen und seine Autoren sowie die Rechte an deren Büchern und war hinfort nicht mehr der alte.

Nach meinem fünften Buch erhielt ich eine Jahresabrechnung über etwas mehr als dreitausend Mark und gab mich kaum mehr der Hoffnung hin, „davon leben zu können“; erschöpft fing ich 1997 mit dem alten Erzählungsanfang von 1995 mein sechstes Buch an und suchte wieder einmal einen Verlag.

Um die Zeit geisterten durch die deutschen Kultur zwei merkwürdige Phänomene: die „neue deutsche Literatur“ und der Drang nach Berlin. Dort gründeten etliche große Verlage kleine Ableger, wohl um einen Fuß in der Hauptstadt zu haben. Inzwischen gibt es die meisten nicht mehr, so auch den, der mit mir und mit dem ich das zweite Wunder meiner Berufslaufbahn erlebte, denn literarisch ist absolut unerklärlich, warum ausgerechnet dieses sechste Buch zu einem Riesenerfolg wurde und mich auf eine äußerst schlichte Weise sanierte: Das erste, was ich tat, als ich realisierte, daß ich wirklich Geld verdiente, war etwas ganz Profanes – ich rangierte die alten, etwas verschlissenen Frotteehandtücher und große Teile der Bettwäsche aus und kaufte einen Satz neue. Der Erfolg dieses Buches indes war ein höchst gefährlicher, denn es war eines der wenigen Male, daß sich die Literaturkritik einmütig für ein Buch aussprach, das zugleich eine richtig große Leserschaft hatte. Die Kritik in Deutschland liebt normalerweise keine Bücher, die die Leser lieben, sondern eher Bücher, deren Autoren mangels Lesern eher geheim als ein Tip sind und die folglich im Gestrüpp der mageren und immer weiter schrumpfenden staatlichen Kulturförderung ein unteralimentiertes Dauerdasein fristen, indem sie die zuständigen Institutionen gelegentlich mit der Information versorgen, daß sie keinen Kühlschrank besitzen und sich von selbst gesammelten Holunderbeeren ernähren. Um die Zeit bekam ich also etliche Literaturpreise und wurde in etliche Literaturpreis-Jurys gebeten, so daß ich gegen Eitelkeit gefeit war: „Es ist nicht alles Schwindel, aber doch das meiste“, sagte Fontane nach der Verleihung des Schillerpreises.

Das siebte Buch schwamm auf dem Erfolg des sechsten mit, und etwa zu der Zeit kannte ich „die Branche“ gut genug, um zu wissen, daß das beim achten nicht noch einmal gut gehen könnte. Ich hatte nach erheblichen Konflikten, die unter die Kategorie Super-GAU fallen und von denen ich heute bedaure, sie nicht vor den Kadi gebracht zu haben, den Ableger verlassen und um Asyl im Mutterhaus gebeten, wo man mir nicht glauben mochte, daß das deutsche Büchergewerbe drei aufeinanderfolgende Bestseller deutscher Autoren nicht duldet, und ganz sicher dann nicht duldet, wenn der Autor nach einem lebensgefährlichen Unfall vom aufstrebenden jungen dynamischen Ableger ins vermeintlich sicher gepolsterte Mutterhaus gewechselt ist, in dem allerdings zu der Zeit die Mitarbeiter des weltweit führenden Unternehmensberatungs-Konzerns McKinsey praktisch auf den Fluren ihr Lager aufgeschlagen hatten, um es durch drastische Dezimierung der Belegschaft schlank und fit ins globale Zeitalter zu bringen.

In diesem Zeitalter nun begegnet der Autor keinem Verleger mehr und dem Geschäftsführer oder seinem Lektor nur höchst selten, weil beide durch Dauerkonferenzen mit der Konzernführung oder „dem Marketing“ so vollzeitig in Anspruch genommen werden, daß sie nicht einmal mehr dazu kommen, die Klassiker zu lesen. Dafür begegnet er allerlei neuartigen Kollegen, die sich eher nebenberuflich in seinem Gewerbe betätigen, wie emeritierten Bundeskanzlern, pensionierten oder noch amtierenden Feuilletonisten, Fernsehkommissaren, ergrauten oder auch just erst dazu ernannten Schlagersängern, Diät- oder  Wohlfühlspezialisten, Profikickern, Gesundheitsaposteln oder hauptberuflichen Silicon-Busenwundern, denen man auf den ersten Blick alles mögliche ansieht, nur nicht unbedingt, daß sie den Griffel halten können, und mancher Schriftsteller, der mit seinem sechzehnten Roman oder dem zwölften Gedichtband ringt, mag bitter und ein wenig neidisch auf die gewaltigen Auflagen dieser Kollegen blicken, auf die geradezu unglaublichen Honorare, die ihnen für öffentliche Auftritte in Stadthallen oder gar Opernhäusern gezahlt werden, während er selbst Einladungen von jenen klammen kleinen Buchhandlungen erhält, die er liebt, die ihm die Treue halten, die zu seiner Lesung Klappstühle aus dem Keller holen und die wie das Kaninchen auf die Schlange nur auf den Tag blicken, an dem auch bei ihnen gegenüber die Buchhandelskette Sowieso das Bücherkaufhaus eröffnet, das ihr sicheres Ende bedeutet. Er mag sich vielleicht über die Schamlosigkeit grämen, mit der diese „zweite“ bis drittklassige Literatur behauptet, die „erste“ zu sein, nur weil auch sie ein „Ich“ erfindet oder von professionellen Ghostwritern erfinden läßt; wer allerdings einen solchen Groll hegt, verkennt, daß gerade diese Literatur vielleicht der letzte Schutz seines aussterbenden Berufszweigs ist, denn nur durch sie und den Gewinn, den sie seinem Verlag einträgt, kann er einer Tendenz entgehen, der inzwischen allerdings schon viele Autoren, insbesondere der viel gelobten „neuen“ deutschen Literatur der neunziger Jahre, ob Fräulein oder nicht, aus Gründen dauernder und sich damit zu ihren Ungunsten beschleunigender Neuheit längst zum Opfer gefallen sind.

Diese Tendenz will keine literarischen Werke mehr, sie verlangt den praktischen Eintagsautor fürs Weihnachtsgeschäft, den mit dem Henkel zum Wegwerfen dran.

Und davon kann man eher nicht leben.

 

 

 

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