Anton Pawlowitsch Tschechow

 

Ich möchte meine Vorlesung zu Anton Pawlowitsch Tschechow heute abend damit beginnen, daß ich Ihnen vorlese, was ein anderer Autor vor 60 Jahren seinen Studenten zu Anton Pawlowitsch Tschechow vorgelesen hat.

Dieses Verfahren hat nicht nur den Vorteil, daß wir uns dem inzwischen 100 Jahre entfernten Objekt unserer Lektüre eine sehr gute Strecke weit zeitlich nähern, sondern auch den zweiten, daß der Verfasser des Folgenden Russe war, während die meisten von uns mit ihren Kenntnissen über Osteuropa vermutlich knapp hinter Frankfurt an der Oder auf der  Strecke bleiben würden

 

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"Ein Verleger sagte mir einmal, jeder Autor trage in sich eine Zahl eingraviert, und das sei die genaue Zahl der Seiten, über die seine Bücher niemals hinausgingen. Meine Zahl war, wie ich mich erinnere, 385. Tschechow konnte nie einen guten langen Roman schreiben, er war ein Sprinter, kein Langstreckenläufer. Es scheint, als habe er sich auf das Lebensmuster, das sein Genie hier und da wahrnahm, nicht lange genug konzentrieren können: Er konnte es in seiner zusammengestückelten Lebendigkeit gerade lange genug festhalten, um eine Kurzgeschichte daraus zu machen, doch blieb es nicht lange genug hell und in Einzelheiten erkennbar, wie das nötig gewesen wäre, damit er einen langen und durchgehaltenen Roman hätte daraus machen können. Seine Qualitäten als Dramatiker sind lediglich seine Qualitäten als Verfasser von langen Kurzgeschichten: Seine Stücke weisen dieselben Mängel auf, die sich gezeigt hätten, wenn er Romane verfaßt hätte. Man hat Tschechow mit dem zweitklassigen französischen Schriftsteller Maupassant verglichen, und obwohl dieser Vergleich Tschechow auf künstlerischer Ebene nicht gerecht wird, haben beide in der Tat eines gemeinsam: ihnen fehlte der lange Atem. ...

Tschechows Bücher sind traurige Bücher für humorvolle Menschen; denn nur ein Leser mit Humor weiß die darin mitschwingende Trauer wirklich zu schätzen. Es gibt Autoren, deren Werke so halbwegs zwischen einem Kichern und einem Gähnen liegen - viele von ihnen sind beispielsweise Berufshumoristen. Bei anderen wieder liegt die Wirkung zwischen einem Schmunzeln und einem Schluchzen - zu ihnen gehörte Dickens. Es gibt aber auch jene abscheuliche Art von Humor, die ein Autor ganz bewußt einführt, um dem Leser nach einer richtig schön traurigen Szene eine rein technische Erleichterung zu verschaffen - das aber ist ein Kunstgriff, der wirklicher Literatur fern steht. Tschechows Humor gehört keiner dieser Kategorien an; er ist ganz spezifisch Tschechowsch. Für Tschechow waren die Dinge gleichzeitig lustig und traurig, aber das Traurige sah nur, wer auch das Lustige sah, weil beide miteinander zusammenhingen.

Russische Literaturwissenschaftler haben angemerkt, daß sich in Tschechows Stil, seiner Wortwahl und so weiter keine der künstlerischen Besonderheiten finde, von denen beispielsweise Gogol, Flaubert oder Henry James besessen waren. Der Wortschatz ist ärmlich, seine Wortverbindungen nahezu banal - die sentimentale Phrase, das saftige Verb, das hochgezüchtete Adjektiv, das pikante Attribut, all das auf dem  Silbertablett hereingetragen, war ihm fremd. Er war kein Worterfinder wie Gogol; sein literarischer Stil geht im Straßenanzug auf Abendgesellschaften. Somit kann Tschechow als Beispiel dafür dienen, daß ein Autor ein vollkommener Künstler sein kann, ohne in seinem Wortgebrauch besonders lebhaft zu sein oder sich in ungewöhnlichem Maße um die Art zu kümmern, in der seine Sätze dahinfließen.

Wenn Turgenjew sich hinsetzt, um eine Landschaft zu beschreiben, merkt man, daß es ihm um die Bügelfalten seiner Ausdruckweise zu tun ist; wenn er ein Bein über das andere schlägt, schielt er nach der Farbe seiner Socken. Tschechow ist das gleichgültig, nicht etwa, weil diese Dinge nicht wichtig wären - für einige Autoren, die das entsprechende Temperament haben, sind sie in natürlicher und sehr schöner Weise wichtig -, sondern weil sein Temperament der Worterfindung fremd gegenübersteht. ...

Sein Geheimnis beruht darauf, daß er über alle seine Wörter dasselbe Dämmerlicht und genau dieselbe Abschattierung von Grau ausgießt, die zwischen der Farbe eines alten Zaunes und der einer niedrighängenden Wolke liegt. Die Vielfalt seiner Stimmungen, das Aufblitzen seines bezaubernden Witzes, die im tiefsten künstlerische sparsame Charakterzeichnung, das lebhafte Detail und das langsame  Verblassen menschlichen Lebens -  lauter typisch Tschechowsche Merkmale - werden dadurch hervorgehoben, daß um sie herum ein leicht irisierender Wortdunst hängt.

Sein stiller und feinsinniger Humor durchzieht das Grau der Existenzen, die er schafft. Für die philosophischen, sozialen russischen Kritiker war er der einzige Exponent einer einzigartigen russischen Wesensausprägung. Es fällt mir recht schwer zu erklären, worin diese bestand, da sie so eng mit der psychologischen Entwicklung und der Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts in Rußland verknüpft ist. Es ist nicht ganz richtig zu sagen, Tschechow habe charmante und energielose Gestalten geschaffen. Es ist etwas richtiger zu sagen, seine Männer und Frauen seien charmant, weil sie energielos sind. Was den russischen Leser wirklich anzog, war, daß er in Tschechows Helden den Typus des russischen Intellektuellen, des russischen Idealisten wiedererkannte, ein seltsames und anrührendes Geschöpf, das im Ausland wenig bekannt ist und im Rußland der Sowjets nicht existieren kann. Tschechows Intellektueller war ein Mann, der den tiefsten menschlichen Anstand, zu dem der Mensch fähig ist, mit einer nahezu lächerlichen Unfähigkeit verbindet, seine Ideale und Grundsätze in Handlung umzusetzen; ein Mensch, der moralischer Schönheit verpflichtet ist, dem Wohlergehen seines Volkes, dem Wohlergehen des Universums, aber unfähig in seinem privaten Leben irgend etwas Nützliches zu tun; er vergeudet sein Leben in der Provinz, in einem Nebel utopischer Träume; er weiß genau, was gut ist und wofür zu leben sich lohnt, aber zugleich sinkt er immer tiefer in den Morast eines eintönigen Daseins, unglücklich in der Liebe, hoffnungslos untüchtig in allem - ein guter Mensch, der nichts zustande bringt. Diese Gestalt zieht - in der Verkleidung eines Arztes, eines Studenten, eines Dorfschullehrers und zahlreicher anderer akademischer Leute - durch sämtliche Erzählungen Tschechows.

Seine politische orientierten Kritiker irritierte vor allem, daß der Autor die von ihm Dargestellten an keiner Stelle einer bestimmten politischen Partei zuordnete oder ihnen irgendein politisches Programm unterlegte. Aber genau das war es ja. Tschechows Idealisten, die nichts bewirkten, waren weder Terroristen, Sozialdemokraten angehende Bolschewiki noch Angehörige einer der zahllosen anderen damals in Rußland bestehenden revolutionären Gruppierungen. Gerade darauf kam es an, daß der typische tschechowsche  Held der unglückliche Träger einer nicht genau erkennbaren, aber schönen menschlichen Wahrheit war, einer Last, die er nicht zu tragen, deren er sich aber auch nicht zu entledigen vermochte. Er stolpert durch alle Erzählungen Tschechows, aber er stolpert, weil er zu den Sternen heraufstarrt. Er ist unglücklich, dieser Mann, und macht andere unglücklich; er liebt nicht seine Brüder und auch nicht seine Nächsten, sondern seine Fernsten. Die unglückliche Lage eines Schwarzen auf einem anderen Erdteil, eines chinesischen Kulis, eines Arbeiters im fernen  Ural verursacht ihm größere moralische Schmerzen als das Unglück seines Nachbarn oder der Kummer seiner Frau. Es bereitet Tschechow besonderes künstlerisches Vergnügen, all die feinen Abschattierungen jenes Vorkriegs- und vorrevolutionären Typus des rusisschen Intellektuellen festzuhalten. Jene Männer konnten träumen; sie konnten nicht herrschen. Sie zerstörten ihr eigenes Leben und das anderer, sie waren albern, schwach, hoffnungslos, hysterisch; und doch - Tschechow deutet es an - ist das Land gesegnet, das diese besonderen Menschen hervorbringen konnte. Sie verpaßten Gelegenheiten, unterließen zu handeln, verbrachten schlaflose Nächte mit dem Planen der Welten, die sie nie zu bauen vermochten; doch die bloße Tatsache, daß es Menschen voll solchen Eifers, solchen Feuers der Selbstverleugnung, Reinheit des Geistes, Höhe der Moral gab; die bloße Tatsache, daß solche Menschen lebten und wohl irgendwo und irgendwie im rücksichtslosen und unerquicklichen Rußland von heute noch leben, ist ein Versprechen, daß für die Welt im ganzen bessere Tage kommen - denn das möglicherweise bewundernswerteste unter den bewundernswerten Naturgesetzen ist das vom Überleben der Schwächsten. ...

Ich empfehle von Herzen, Tschechows Werke (selbst in den Übersetzungen, die sie über sich ergehen lassen mußten) so oft wie möglich zur Hand zu nehmen und durch sie hindurch zu träumen, wie das ein Leser soll. In einer Zeit der rauhen Goliaths ist es sehr nützlich, etwas über zarte Davids zu lesen."

 

 

Vladimir Nabokov war dreisprachig aufgewachsen und mit seiner Familie 1919 vor der Oktoberrevolution nach Westeuropa geflohen, hatte in Cambridge russische und französische Literatur studiert, lebte bis 1937 in Berlin, kam mit den Exilrussen und ihrer ideologischen Gruppen- und Grüppchenbildung nicht klar, mit Berlin sowieso nicht, schrieb unter dem Pseudonym W. Sirin, russische Romane, die in Rußland nicht gelesen werden konnten, schrieb darunter einen Roman, der zu den schönsten des 20. Jahrhunderts gehört, "die Gabe", und dessen letzte 100 Seiten mir die liebste Prosa sind, die ich kenne, weil ich jedesmal Verzweiflungstränen lache, wenn ich mir den Protagonisten vorstelle, dem am Wannsee die Klamotten geklaut worden sind und der mit zwei Berliner Wachtmeistern einen Disput über die Frage hat, ob und daß es natürlich verboten ist, nackt in der Stadt herumzulaufen, selbst wenn einem die Klamotten geklaut worden sind, und es ist das ganze dumme Berlin in der Erzählung, die Not und Freiheit, die das Fremdsein mit sich bringt, und "neben ihnen fraßen ein Eber und seine Sau, der schwarze Fingernagel des Kellners tauchte in die  Soße, und an den Goldrand meines Bierglases hatte sich gestern eine Lippe mit einer wunden Stelle gepreßt ..." (590).

1937 mußte Nabokov vor den Nazis fliehen, er ging mit seiner Frau und dem kleinen Sohn zunächst nach Frankreich, schrieb beherzt ein Buch auf englisch, "Das wahre Leben des Sebastian Knight", da er völlig richtig annahm, daß man es dort, wo er hingehen würde, auf russisch nicht würde lesen können und daß es zu seinen Lebzeiten in Rußland nicht publiziert werden würde, und schließlich gelang ihm 1940 die Überfahrt nach Amerika. Wiederum sehr vorausschauend war nun, daß er - bevor er seine verschiedenen Lehrtätigkeiten an verschiedenen amerikanischen Hochschulen antrat, einhundert Vorlesungen konzipierte, im ganzen zweitausend Seiten, in denen er die russische Literatur des 19. Jahrhunderts behandelte, später kamen noch Vorlesungen über "Meisterwerke der europäischen Literatur" hinzu, über Jane Austen, Gustave Flaubert, Proust und Joyce zum Beispiel, und er selbst sagte in den sechziger Jahren einmal, daß ihm diese Vorlesungen später zwanzig unbeschwerte akademische Berufsjahre am Wellesley College und an der Cornell University verschafft hätten.

Nabokov hat nach 1938 nie mehr russisch geschrieben und das als seine "private Tragödie" bezeichnet, "die niemanden etwas angehen kann, ja niemanden etwas angehen sollte", und sie bestand darin, "daß ich meine Muttersprache, mein natürliches Idiom aufgeben mußte, meine reiche, unendlich reiche, unendlich gefügige russische Sprache, um sie gegen eine zweitklassige Sorte Englisch einzutauschen."

 

Natürlich gab er diese Sprache nicht auf, so wie er auch Rußland nie aufgab und auf Fragen nach seiner möglichen Rückkehr immer trotzig antwortete: "Ich werde nie zurückgehen, aus einem einfachen Grund, und der ist, daß ich alles Rußland, das ich brauche, immer bei mir habe: die Literatur, die Sprache, meine Kindheit in diesem Land. Ich werde nie zurückkehren. Ich werde nie kapitulieren."

 

Seine Studenten - und heute wir - profitierten davon, daß er Rußland "immer bei sich hatte" und in seinen Vorlesungen anstiftend entfaltete. Interessant dabei war, daß er sich vorstellte, amerikanische Studenten hätten von russischer Literatur noch niemals etwas gehört, und so entwickelte er seine Texte auf der gesunden Basis der Annahme hundertprozentiger Voraussetzungslosigkeit beim Gegner. Das ist insofern wunderschön, als er tut, was er in seinem Roman "Die Gabe" ausdrücklich benennt: "Gib mir deine Hand, lieber Leser, und laß uns zusammen in den Wald gehen. Schau: zuerst diese Lichtungen, mit Flicken von Disteln, Brennesseln oder Weidenröschen, zwischen denen du Gerümpel aller Art findest: manchmal sogar eine zerfetzte Matratze mit rostigen, zerbrochenen Federn; verachte sie nicht!" (538)

 

Tschechow gehörte für Nabokov nicht zu den großen Genies der russischen Literatur, er war kein Puschkin, kein Tolstoi, und Nabokov hat ihn gelegentlich als Talent bezeichnet. Aber er liebte ihn.

 

"Mr. Karlinskys "Nabokov und Tschechow", so schrieb er in den sechziger Jahren, "ist ein bemerkenswerter Essay, und ich finde es wunderbar, zusammen mit A.P. (Anton Pawlowitsch) in einem Boot zu sitzen - auf einem russischen See, bei Sonnenuntergang, er fischt, und ich beobachte die Schwärmer über dem Wasser. Mr. Karlinsky hat den Finger auf eine geheimnisvolle Sinneszelle gelegt. Er hat recht, ich liebe Tschechow innig. Dennoch will es mir nicht gelingen, mein Gefühl für ihn rational zu fassen: Bei dem größeren Künstler, Tolstoj, gelingt mir das ohne weiteres; dann fällt mir blitzartig diese oder jene unvergeßliche Stelle ein ..., denke ich aber an Tschechow aus der gleichen Distanz nach, erscheint nur ein Mischmasch aus schreklichen Prosaismen, stereotypen Epitheta, Wiederholungen, Ärzten, wenig überzeugenden Vamps und so weiter; dennoch wären es seine Werke, die ich auf die Reise zu einem anderen Planeten mitnehmen würde." (Deutliche Worte 441)

 

Ich selbst empfinde Tschechow zu lesen etwa so wie Teetrinken: eigentlich etwas langweilig, ich vergesse regelmäßig, daß man das tun kann, und wenn ich dann immer wieder einmal Tee trinke, denke ich, daß es doch etwas Besonderes und Schönes ist und man es öfter tun sollte, aber natürlich vergesse ich es wieder. Aber es kommt immer wieder einmal vor, es bleibt bei mir.

 

Aber lassen wir uns von Nabokov an die Hand nehmen und auf die Disteln, Brennesseln, Weideröschen sowie das Gerümpel achten, das sich mitsamt den rostigen Federn leicht und klug durch eine der schönsten Erzählungen von Tschechow zieht, und sehen wir uns die "Dame mit dem Hündchen" an.

 

"Tschechow tritt ohne anzuklopfen in diese Erzählung ein", so begann Nabokov seine Vorlesung. Der Ort ist da, das Personal ist da, die Geschichte ist da.

Ein Badestrand in Jalta, ein neues Gesicht ist aufgetaucht, die Dame mit dem Hündchen. Dmitritsch Gurow ist schon zwei Wochen in Jalta, das neue Gesicht interessiert ihn. Die Dame ist blond, hat ein Barrett auf, der Hund ist weiß und ein Spitz, und da sie offenbar allein in Jalta ist, hat Gurow hat nicht übel Lust, sie kennenzulernen.

Gurow seinerseits hat - das teilt uns Tschechow auf der ersten Seite mit - seit Ewigkeiten eine Frau, und zwar keine angenehme.

Diese Frau hat allerdings die Liebenswürdigkeit, im weiteren Verlauf der Erzählung nur noch einmal durch einen kurzen Satz in Erscheinung zu treten, ansonsten erfahren wir kurz und trocken, daß sie sich selbst eine "denkende Frau" nennt, eine stattliche Person mit dunklen Augenbrauen, die auf anmaßende Weise gebildet ist und durch ihre Bildung Eindruck macht, ihrem Mann aber beschränkt und furchteinflößend zugleich erscheint. Es ist wichtig, daß Gurow sich vor seiner Frau fürchtet, nicht gern zu Hause ist, ihr dauernd untreu ist und ganz allgemein von Frauen keine gute Meinung hat. Meine Übersetzung sagt, er nannte sie "Ein erbärmliches Geschlecht", bei Nabokov steht "ein minderwertiges Geschlecht". Nichts Gutes jedenfalls. Aber auch Gurows Untreue, die Tschechow gleich und schmucklos erwähnt, ist nichts Spielerisches, nichts Elegantes wie die französische Ausführung der Sache, bei der Nabokov wieder an Maupassant erinnert, sondern eine unangenehme Abhängigkeit von jenem "erbärmlichen Geschlecht", das ihm zu bitteren Erfahrungen und zu dem Recht auf jeden Schmähnamen verholfen hat und ihn doch immer wieder an sich bindet, einfach weil sich Gurow in Gesprächen mit Männern schlicht langweilt, während er sich in der Anwesenheit von Frauen unbefangen wohl fühlt. Worin das Anziehende, Ungreifbare liegen mochte, durch das Gurow auf Frauen wirkte, ist mir an dieser Stelle noch leise unklar, Tatsache ist, daß er immer wieder versucht, bei ihnen ein liebes, angenehmes Abenteuer zu erleben, um dann zu entdecken, daß sich die Affäre unvermeidliclh zu einer schwierigen Aufgabe auswächst und schließlich in eine kritische Lage mündet. Das allerdings vergißt er gern.

Und auch jetzt in Jalta nehmen die Dinge ihren Lauf.

 

Gurow macht die Dame an, indem er im Restaurant ihren Spitz zu sich lockt und ihm droht, bis er anfängt zu knurren, so daß die Dame in Verlegenheit gerät, weil ihr Hund schlecht erzogen ist, und beteuern muß, daß er nicht beißt. Es folgt eine Minikonversation.

Nabokov findet, daß Gurow in anziehender und gewinnender Weise scherzt, und tatsächlich lacht die Dame über seinen Satz.

"Die Zeit vergeht rasch", hatte sie gesagt, als Gurow wissen wollte, wie lange sie schon in Jalta sei, "und doch ist es hier so langweilig!"

Spätestens hier stellt sich heraus, daß zwischen Nabokovs Vorlesung und meiner Lektüre der Erzählung Jahrzehnte liegen.

Nabokov wundert sich nämlich nicht über Gurows Antwort: "Es ist üblich zu sagen, daß es hier langweilig sei. Der Spießbürger lebt irgendwo in einem Nest - und dort langweilt er sich nicht; wenn er aber hierher kommt, heißt es 'Ach wie langweilig!"

 

Ich aber wundere mich über Tschechow und male mir das Gespräch aus, das ich mit meinem Lektor führen müßte, wenn ich ihm eine Erzählung auf den Tisch legen würde, die zum Beispiel den Titel "Eine langweilige Geschichte" trüge und eine langweilige Geschichte enthielte, eine besonders schöne und traurige langweilige Geschichte zwar, aber doch auch eine langweilige, die übrigens ein grausames Mittel anwendet, um diesen Umstand nicht etwa zu vertuschen, sondern geradewegs noch zu betonen, denn Nikolaj Stepanytsch, der uns seine Geschichte erzählt, erzählt nicht etwa eine Geschichte, sondern "Mein Tag beginnt damit, daß meine Frau hereinkommt. Sie kommt im Unterrock, aber schon gewaschen, nach Eau de Cologne duftend, und macht eine Miene, als ob sie ohne besondere Absicht hereinträte, und sagt jedesmal ein- und dasselbe: 'Entschuldige, ich komme nur auf eine Minute ... Du hast wieder nicht geschlafen?' Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt zu sprechen. Ich bin kein Prophet, weiß aber schon im voraus, wovon die Rede sein wird. Jeden Morgen ist es dasselbe."

Es ist ein dauernder quälender Präsens, in dem das Immerdasgleiche sich abspielt bis zum Tod des Nikolaj Stepanytsch, und mein Lektor würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ich ihm zwei Seiten dieses Dauerpräsens anbieten würde, weil Langeweile etwas ist, das man keinem Leser heute zumuten darf, aber das ist eine andere Geschichte, die mit dem Fernsehen zu tun hat, aber nichts mit dem Jalta, in dem Tschechow aus gesundheitlichen Gründen seit Ende der achtziger Jahre lebte und das ihm gelegentlich wundervoll war. "Das Wetter ist heute wundervoll: ist ist warm, klar und trocken und still - wie im Sommer. Es blühen sowohl die Rosen als auch die Nelken als auch die Chrysanthemen und noch irgendwelche gelben Blumen. Heute habe ich lange im Garten gesessen und darüber nachgedacht, wie herrlich das Wetter hier ist, daß es aber noch viel schöner wäre, jetzt im Schlitten zu fahren." (Brief vom 9.11.01) Aber es ist nicht nur schön. Als Olga Knipper darüber nachdenkt, ihren Schauspielerberuf aufzugeben, um mit ihrem Mann in Jalta leben zu können, schreibt Tschechow ihr nach Moskau: "Für das langweilige Leben, das hier in Jalta herrscht, lohnt es sich nicht, die Bühne aufzugeben. Es regnet, der Regen hämmert aufs Dach. Es regnet schon eine Weile, das Pochen der Regentropfen ist eintönig und einschläfernd." (11.11.01)

Gurow jedenfalls geht mit der Dame nach dem Essen in Tschechows Jalta spazieren, die beiden sprechen über die fliederfarbene Tönung des warmen Wassers, über das der Mond einen goldenen Streifen warf, sie sprechen über Moskau und Petersburg, über die philologische Ausbildung von Gurow, seine verfehlte Opernlaufbahn, seine heutigen Bankanstellung, ein sehr schönes Detail ist, daß die Dame mit dem Hündchen im Gegenzug partout nicht weiß, wo ihr Mann arbeitet, ist es die Gouvernementsverwaltung Provinzstadt S. oder das Landratsamt, wir indessen ahnen an dieser Stelle, daß auch ihre Ehe, selbst wenn die Frau wüßte, wo ihr Mann angestellt ist, nicht zu den interessantesten gehört; und schließlich bekommt sie einen Namen und heißt fortan Anna Ssergejewna.

Dies alles ist unaufgeregt und unaufregend und ein bißchen langweilig. Aber Gurow, als er wieder in seinem Hotelzimmer ist, denkt an die Frau, an ihre Jugend, ihre Unerfahrenheit, ihre Schüchternheit. Und er sieht sie vor sich. "'Sie hat etwas Rührendes an sich', dachte er und schlief ein."

Und mir will scheinen, als ob Gurow, den ich bis dahin nicht für überwältigend charmant gehalten habe, durch seine Wehrlosigkeit dem Bild der Frau gegenüber und diese Bemerkung vor dem Einschlafen selbst etwas Rührendes erhält, worauf Tschechow später zurückkommt.

Dies war das erste von vier kurzen Kapiteln, und das nächste beginnt eine Woche später mit dem Wetter, über das Tschechow viel Gelegenheit hatte nachzudenken: Es ist schwül in den Zimmern und windig auf den Straßen, die Hüte fliegen den Leuten von den Köpfen und alle haben dauernd Durst. Das ist ungefähr die antiromanzenhafteste Stimmung, die man sich ausdenken kann, und obwohl Gurow Anna Ssergejewna ständig was zu trinken anbietet, wird es nicht besser. "Man wußte nicht, wo man bleiben sollte." Dieser Satz begeistert  mich: Prosaischer kann man nicht dagegen anschreiben, daß die Dinge sich zu einer Liebesgeschichte entwickeln.

Nabokov hat an einem anderen Detail sein Entzücken. Gurow und Anna Ssergejewna gehen nämlich später an die Mole, um zuzusehen, wie der Dampfer mit den neuen Gästen ankommt, durch die Lorgnetten kann beobachtet werden, daß die alten Damen in Jalta sich anziehen wie die jungen und daß es viele Generäle gab, Anna Ssergejewna ist ein bißchen außer sich, ihre Augen glänzen,

 und sie ist konversationsmäßig nicht ganz bei der Sache, und dann verliert sie ihre Lorgnette in der Menge; einfach so, Ungeschickt läßt grüßen, die Leute verteilen sich langsam, es steigen aus dem Dampfer auch keine mehr aus, Gurow küßt die Dame, schaut sich dabei aber ängstlich um, weil ihn ja jemand beim Küssen hätte sehen und erkennen können, und schließlich landen sie in ihrem schwülen, parfümduftenden Hotelzimmer. Gurow fallen etliche Frauen ein, mit denen er schon in solcher Situation war, uns fällt bei der Gelegenheit sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen ein, offenbar fürchtet er sich vor "sehr schönen, kalten Frauen," mit dem raubtierartigen Ausdruck von Menschen, die sich wünschen, "dem Leben mehr zu entreißen, als es zu geben vermag", vor herrschüchtigen Frauen, die nicht klug waren und deren Schönheit in ihm Haß auslöst. "Die Spitzen an ihrer Wäsche kamen ihm dann wie Schuppen vor ..."

Nabokov, der schon die verlorene Lorgnette so mochte, fällt auf, daß auf dem Tisch in Annas Hotelzimmer eine Melone lag, Tschechow liebt es, realistische Details über seine Geschichten und Tische zu verteilen, Anna Ssergejewna ist nach dem Vollzug elend. "Das war nicht gut', sagte sie. 'Sie sind der erste, der mich jetzt nicht achten wird.'"

Und nun kommt eine meiner Lieblingspassagen, die Nabokov allerdings in seinem Kommentar unterschlägt, weil er noch eine Weile über die Melone nachdenkt, während Anna Ssergejewna in ein reuevolles Lamento über die Ehe, ihre Sünde und das Böse ausbricht, über ihren Fehltritt vollkommen aufgelöst und zerknirscht ist und Gurow, der nach dem One-Night-Stand einstweilen lieber nicht mit Grundsätzlichem und vor allem nicht mit Tränen überschüttet werden möchte, damit ernsthaft langweilt, und nur ihre Tränen überzeugen ihn halbwegs davon, daß sie ihm nichts vorspielt. Unangebracht findet er die Beichte aber in hohem Maße; und mir gefällt nichts besser, als wenn Menschen nach halbherzigen Gelegenheit-macht-Liebe-Akten den kompletten Ausfall jeglicher Kommunikation erfahren und die Situation erst so beiläufig wie mühsam wieder sortieren müssen. Auch darin ist Tschechow Realist, ebenso wie mit der Melone auf dem Tisch. Und ganz offenbar hatte Nabokov recht, als er schon zu Beginn der Erzählung anmerkt, so ein Seitensprung sei wohl für die anständigen, unentschlossenen Moskauer schwerfällig, kompliziert und im ganzen eine rechte Belastenung.

Gurow - dem nicht entgangen ist, daß Anna keineswegs mehr lieblich anzusehen ist, "ihre Züge verblichen und verwelkten, das lange Haar hing ihr traurig ins Gesicht", und sie war in Trauerpose versunken - muß nun natürlich dem Elend ein Ende setzen, und das macht er mit einer Verve, die mich davon überzeugt, daß eigentlich er der Rührende von den beiden ist:

"'Genug, genug ...', murmelte er."

Sodann bringt er so viel Fassung zusammen, um Anna zu küssen und "still und freundlich" mit ihr zu sprechen, bis sie sich beruhigt und beide schließlich aus dem Hotelzimmer raus und an den Strand finden. Während sie im Hotel noch auf eine Droschke warten, entdeckt Gurow auf einer Tafel rasch und geistesgegenwärtig Annas Nachnamen, von Diederitz, aber dann erfaßt beide der Zauber des Morgens, eine Ruhe, das ewige Rauschen des Meers, die eigene Relativität, und von jetzt her, von rückwärts also, aus dem nachhinein, aus einer ganz anderen Szenerie als der des parfümbelasteten Hotelzimmers, kommt Gurow eine Ahnung davon, daß "alles in dieser Welt schön sei, alles, mit Ausnahme dessen, was wir selbst denken und tun, wenn wir die höheren Ziele des Daseins, wenn wir unsere menschliche Würde vergessen." Und jetzt also, mit diesem Gedanken im Kopf und deutlich verzögert, erscheint ihm die Frau in der Dämmerung (Nabokov sagt, "im Morgenrot") schön, beruhigt und bezaubert, also nicht "bezaubernd", sondern selbst bezaubert inmitten der märchenhaften Kulisse des Meeres, der Berge, der Wolken und des weiten Himmels.

 

 

Einmal tritt irgendein Mensch an die beiden heran, sieht sie an und geht wieder fort. Gurow erscheint dieses belanglose Detail geheimnisvoll und schön wie alles. Nabokov weist darauf hin, daß solche losen Fäden in Tschechows Erzählungen zu seinem Realismus gehören. Und nachdem sie lange geschwiegen haben, kehren sie in die Stadt zurück.

 

Das war ungefähr alles: die beiden treffen sich noch eine Weile, Anna Ssergejewna wird mit der Zeit übrigens nicht attraktiver oder als Liebhaberin souveräner: sie klagt über schlechten Schlaf und Herzstolpern, hat weiterhin Angst, daß Gurow sie nicht achte, ist eifersüchtig, Gurow küßt sie öffentlich und voller Furcht, daß jemand ihn dabei sehen könnte, und eigentlich könnte diese Episode im Leben zweier verheirateter Leute aus verschiedenen Städten jetzt ausplempern, wenn da nicht etwas wäre, das Nabokov übergeht - ein ganz kleiner Satz nur: Abend für Abend nämlich machen die beiden Ausflüge, und diese Ausflüge - Zitat - "gelangen immer gut". Tschechow erzählt uns nicht, wie sie es hinkriegen, daß diese Ausflüge gelingen, aber nach allem, was wir wissen, kann es eigentlich nur sein, daß sie dabei nicht so sehr viel sprechen, sondern es stillschweigend schön und großartig sein lassen, was es nämlich immer dann nicht ist, wenn sie den Mund aufmachen, wobei ich mir ihr Schweigen nicht so als gemeinsames vorstelle, sondern eher als ein Jeder-schweigt-für-sich-allein, streckenweise bestimmt verlegen.

Schließlich soll irgendwann Annas Mann in Jalta eintreffen, ist aber krank geworden und kommt nicht, sondern bittet sie brieflich, nach Hause zu kommen.

Düster sagt Anna: "'Es ist gut, daß ich abreise. Das ist ein Wink des Schicksals." Und am Tag darauf, als Gurow sie zum Zug gebracht hat (eine Tagesreise in der Kutsche übrigens), kommt wieder so ein Satz: "'wir hätten uns nie begegnen dürfen'".

Gurow versucht, sobald er die Lichter des Zuges nicht mehr sieht, für sich selbst ein Resümé dieser Ferienbekanntschaft, es ist ihm klar, daß dies nur ein weiteres Erlebnis war, er die Frau nicht wieder sieht, alles jetzt schon beginnt, in Erinnerung überzugehen, und überdies macht er sich keine Illusionen darüber, daß es nicht einmal ein besonders geglücktes Erlebnis war - er selbst hatte Vorbehalte gehabt, er selbst hatte Anna zuweilen spöttisch, überlegen, hochmütig behandelt, sie war nicht froh mit ihm gewesen, und mit einem Satz - "Es ist Zeit" beschließt er, nach Moskau zurückzukehren und Jalta damit zu streichen. Ende des zweiten Kapitels.

 

Schnitt. Moskau. Großstadt. Jalta ist gestrichen. Es werden Zeitungen gelesen, Restaurants besucht, Verabredungen getroffen, wir kennen das aus Filmen, in denen sich New Yorker Geschäftsleute zu Greta Garbo in die Berge verlieben, aber die Berge sind natürlich nicht so ganz ernst gemeint, das Geschäft erwischt sie, kaum sind sie zurück, mit vollem Fieber wieder, auch bei Gurow löscht die kalte Heimatstadt alsbald jeglichen Reiz der soeben getanen Reise.

Aber je länger er in Moskau ist, um so schlechter geht diese geschäftige Rechnung auf, denn leider verschwindet Anna Ssergejewnas Bild nicht, sondern fängt an, sich aus der Erinnerungsschublade zu befreien, in die es mitsamt den Bildern anderer Frauen anständig eingemottet worden ist, es verblaßt nicht zum Traumbild, sondern steht auf und folgt ihm. Und es beobachtet ihn. Es wird - obwohl vergangen und in die Vergangenheit eingesperrt - nicht nur zur Gegenwart, sondern will auch schon in Gurows Zukunft, und zwar in einer Variante, die schöner, jünger, zärtlicher ist als, die, die er in Jalta gekannt hatte, und eigentlich müßte er mit jemandem über dieses sonderbare Phänomen reden, aber in Moskau redet niemand über so was. Hier tritt nun Gurows Frau einmal auf, die aus den unbestimmten Reden ihres Mannes über die Liebe oder die Frauen im allgemeinen ihre besonderen Schlußfolgerungen zieht und streng ihre dunklen Augenbrauen bewegt bei dem unfreundlichen Satz: "Dimitrij, dir liegt die Rolle eines Don Juan durchaus nicht."

Dimitrij hängt also mit seiner abwesenden und doch anwesenden Anna Ssergejewna ziemlich in der kalten  Moskauer Luft und entschließt sich irgendwann, einem seiner Klubfreunde nach dem Kartenspielen ziemlich unvermittelt den Satz um die Ohren zu werfen: "Wenn Sie wüßten, was für eine bezaubernde Frau ich in Jalta kennengelernt habe!" Und sowohl Nabokov als auch ich sind überaus froh, daß er diesem Beamten nun nicht sein Herz ausschüttet, sondern der offenbar meint, nicht recht gehört zu haben, vielleicht hat er auch einfach nicht hingehört, das soll vorkommen zwischen Menschen und Bekannten, sogar zwischen Freunden kommt das vor, jedenfalls steigt dieser Beamte in seinen Schlitten und fährt los, es gibt einen kleinen retardierenden Moment, als er nämlich anhält und Dmitrij noch einmal ruft; der denkt, jetzt sagt er was zu dieser bezaubernden Frau, die Gurow in Jalta kennengelernt hatte, aber er sagt den unvergeßlichen Satz: "Heute abend hatten Sie recht: der Stör hatte einen kleinen Stich."

Und mit diesem katalytischen Satz, diesem durchaus abstoßenden, nämlich Gurow ab-stoßenden Satz nimmt die Erzählung eine Wende, die sich schon in Jalta im Morgenrot angekündigt hatte und die den besonderen Zauber dieser Erzählung ausmacht. Denn dieser durchaus ausgekochte, vielleicht auch abgebrühte moskauer Bürger mittleren Alters greift nach der Sache mit dem Stör zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr zu dem geläufigen Mittel, eine vielleicht nicht gerade verkrachte, aber doch ein wenig fade und jedenfalls beendete Liaison aus dem Leben wegzuverbannen, abzulegen, wie das jede Gesellschaft den angesehenen Bürgern im besten Alter nahelegt und geradezu wohlwollend erlaubt, Hauptsache er kehrt danach unverändert ins geschäftige Zentrum seines Ehe-, Familien- und Geschäftslebens zurück, sondern Gurows Phantasie, die sich seiner Welt nicht mitteilen konnte, ohne von schlechtem Stör kontaminiert zu werden, wehrt sich.

"Die unnützen Geschäfte und die Gespräche über ein und dasselbe nehmen den besten Teil der Zeit, unsere besten Kräfte für sich in  Anspruch, und zu guter Letzt bleibt ein schwanz- und flügelloses Leben zurück, ein reines Larifari; wir können ihm nicht entgehen und nicht entfliehen, so als säßen wir im Narrenhaus oder Gefängnis."

Der Stör also löst bei Gurow einen inneren Sturm aus, den Protest gegen seine eigene und eigentliche Existenz zwischen Essen, Trinken, Kartenspielen und den Gesprächen über immer dasselbe. Seine Kinder öden ihn an, er kriegt Kopfschmerzen, er mag nicht mehr in die Bank, kurz: er wird verreisen, und zwar in die Provinzstadt S. zu Anna Ssergejewna.

Das alles kostet Tschechow mal gerade knappe zwanzig Zeilen, ganz nebenbei verdreht er dabei die Vorzeichen im Leben seines bisher nicht so wahnsinnig interessanten Protagonisten, und von eben auf jetzt wird es allerdings interessant, denn wenn ihm die Liebelei auf Jalta jetzt als das eigentlich Wahre, sein Leben in Moskau indessen als verlogen, vertan, verkümmert erscheint, dann können wir gespannt sein, wie das weitergeht, weil uns Anna Ssergejewna jedenfalls nicht als die pathetische russische Verführerin vorgekommen ist, deretwegen sich einer mit Anlauf ins Verderben stürzen möchte, sondern eher wie ein verlorenes Huhn.

Und wunderbarerweise bleibt sie das auch; Gurow grübelt nicht eine Sekunde über die existenzielle Volte, die seine Psyche gerade schlägt, sondern lügt seiner Frau etwas von einer Reise nach Petersburg vor, fährt aber geradenwegs nach S.. Ein Held ist er also gottseidank nicht gerade geworden, die Übung in ehelichen Schwindeleien kommt ihm auch bei seinem neuen Leben zupaß.

Jetzt ist Nabokov unglaublich erleichtert und geradezu überschwenglich dankbar, daß Tschechow ihm das erspart, was seine  zeitgenössischen Kritiker immer wieder und oft ziemlich penetrant von ihm verlangt haben, nämlich einen sozialkritischen Diskurs über die Frage der bürgerlichen Ehe, eine Stellungnahme, fortschrittliche Lösungsansätze undsoweiter. Nabokov haßt mit aller Kraft pschologische, didaktische, politische, ideologische, sozialkritische Literatur, alles Dogmatische, also das, was die Stalinisten als "fortschrittlich", "gesellschaftlich nützlich" verordneten und womit sie der russischen Literatur zu Nabokovs Lebzeiten gewalttätig den Garaus machten, wobei sie bekanntlich die unbotmäßigen Autoren ums Leben brachten. Nabokov selbst hat eine seiner Romanfiguren einmal bizarr ihre Abneigungen formulieren lassen und dazu gesagt, daß er das unterschriebe, was John Shade in "Fahles Feuer" so ausdrückte: "Ich verabscheue Dinge wie Jazz; den weißbestrumpften Schwachkopf,, der einen schwarzen, rotgestreiften Bullen quält; abstrakten Krimskrams; primitivistische Masken; progressive Schulen; Musik in Supermärkten; Swimmingpools; Brutalos, Langweiler, klassenbewußte Spießer, Freud, Marx, Pseude-Denker, aufgeplusterte Dichter, Schwindler und Haie." (Deutliche Worte 41) und folglich schwelgt er geradezu in den kleinen Einzelheiten und Leichtigkeiten, die uns Tschechow nun statt Welterklärung anbietet, als Gurow nämlich kurzerhand in S. ankommt, ein Hotelzimmer nimmt, in dem ein grauer Soldatenteppich liegt, ein Tintenfaß in Gestalt eines Reiters auf dem Tisch steht, den Hut in der Hand, aber ohne Kopf, alles in allem ein schäbiges provinzielles Dekor, in dem auch der Portier so sorgfältig ist, auf Gurows Nachfrage nach Annas Adresse deren Nachnamen falsch auszusprechen (er sagt Drydryitz statt Diederitz).

Schließlich geht Gurow in die Straße, in der Anna wohnt, und hier muß ich nun zugeben, daß Nabokov uns zu Recht bedauert, da wir Tschechow nur in den Übersetzungen lesen können, die er über sich ergehen lassen mußte, denn jetzt haben wir ein ernsthaftes Problem: Annas Ssergejewnas Haus gegenüber nämlich zieht sich ein langer mit Nägeln gespickter Zaun.

Wir erinnern uns, daß Gurow wenige Wochen vorher sein eigenes Leben als Narrenhaus oder Gefängnis empfunden hat. Diesen Zaun nun empfindet er auch, aber in drei Übersetzungen leider als dreierlei ziemlich verschiedenes:

Nabokov sagt: "Gurow denkt bei sich, diesem Zaun könne man schwerlich entkommen."

Meine Reclam-Ausgabe bemerkt ziemlich das Gegenteil von dieser Überlegung: "Vor so einem Zaun kann man auch davonlaufen', dachte Gurow."

Und so - allerdings unbestimmter - sieht das auch meine Insel-Ausgabe: "'Vor einem solchen Zaun kann man fliehen', dachte Gurow.

Ich finde es nicht ganz unwichtig, ob Gurow an dieser Stelle findet, daß man vor solchem Zaun fliehen oder nicht fliehen kann, und bitte hier etwa Anwesende, die der russischen Sprache mächtig sind, zu diesem Punkt um Auskunft.

Es erscheint, während Gurow vor dem Haus auf und ab wandert und natürlich keine Nachricht von seiner Anwesenheit ins Haus schicken kann, weil die ja womöglich Anna Ssergejewnas Mann in die Finger fallen könnte, ein Bettler, der zum Tor hineingeht, und dann fallen Hunde über ihn her (wieder so ein loses realistisches Detail, ein Beispiel für einen nicht vernähten Faden in Tschechows Geschichten), es ertönt undeutlich Klavierspiel, von dem Gurow vermutet und wir wegen der Undeutlichkeit keinen Zweifel haben, daß Anna Ssergejewna die Urheberin ist, und zuletzt geht die Tür auf, eine alte Frau kommt aus dem Haus, und das Hündchen der Dame mit dem Hündchen folgt, Gurow will es rufen, aber vor Aufregung und Schreck über den  Anblick fällt ihm nicht mehr ein, wie der Hund heißt. Anna Ssergejewna ist der Beruf ihres Mannes schließlich auch gerade nicht eingefallen, als sie Gurow davon erzählen wollte; die Aufregung, das Herzklopfen, und je länger er so aufgeregt hin und her wandert, um so wütender wird er auf den grauen Zaun und sogar auf Anna Ssergejewna, die ihn bestimmt inzwischen vergessen habe und sich mit einem anderen vergnüge, weil das genau das ist, was eine junge Frau geradezu tun muß, die so einen Zaun den ganzen Tag lang anstarren muß.

Sie sehen, es wäre schon besser, wir wüßten, was das für ein Zaun für Gurow ist. Nach einer ganzen Zeit gibt er seine Wanderungen auf, kehrt zurück und macht etwas, wofür ich ihn liebe. "Er aß zu Mittg und schlief lange."

Und noch schöner finde ich, was er zu sich selbst sagt, als er am Abend wieder aufwacht: "'Wie dumm und beunruhigend ist das alles', dachte er ... 'Da habe ich mich nun auch noch ausgeschlafen.'" Und er verhöhnt sich selbst. "'Da hast du die Dame mit dem Hündchen ... Da hast du nun das Abenteuer ... Nun kannst du hier sitzen."

Am nächsten Tag - offenbar will er doch nicht mehr hier sitzen, sondern abreisen, denn es ist am Bahnhof - sieht er die Ankündigung einer Theaterpremiere, genauer gesagt, einer Operettenpremiere, und er macht einen letzten Versuch, Anna Ssergejewna vielleicht dort zu treffen. Nabokov erzählt uns das so: "In fünfundsiebzig Wörtern liefert Tschechow eine vollständige Beschreibung eines Provinztheaters und vergißt dabei auch den Gouverneur nicht, der sich in seiner Loge so bescheiden hinter der Portiere verbirgt, daß nur seine Hände zu sehen sind. Dann tritt die Dame ein."

Und ganz und gar ohne sich etwas vorzumachen, sondern vollkommen schlicht und einfach weiß Gurow plötzlich, daß ihm kein Mensch jetzt auf der ganzen Welt lieber und wichtiger ist als diese "durch nichts bemerkenswerte Frau", die sich in der provinziellen Menge verlor, mit einer ganz gewöhnlichen Lorgnette in der Hand (Nabokov behauptet, Tschechow würde niemals Motive wiederholen, aber das ist schon das zweite Mal, daß er wiederlegt wird). Das "Nichts-Weiter-Als" der Frau hat Gurow erfaßt, und das ist der Moment, von dem an er sich überhaupt erst Anna Ssergejewna zuwenden kann, mitten in einem drittklassigen Theater, umgeben von schlechter Musik und elenden, gewöhnlichen Geigen, die ihn indes nicht abhalten werden, sich dieser "durch nichts bemerkenswerten" Frau zuzuwenden.

Als Anna Ssergejewnas Mann, denn natürlich ist sie mit ihrem Mann im Theater, in der Pause rausgeht, um zu rauchen, nähert sich Gurow der Dame und sagt originell, wie wir ihn schon kennen: "Guten Tag", worauf sie fast in Ohnmacht fällt. Nach einem starren Moment, kommt Bewegung in die beiden, sie steht auf und verläßt den Publikumssaal, er hinterher, und dann immer durch die Theatergänge, immer durch das Theaterpublikum hindurch, die Dekoration aus Pelzen, Uniformen, Abzeichen, Zigarren und Zigarrenqualm, und schließlich wird das Ambiente doch auch eine Belastung. Gurow, dessen Herz heftig klopfte, dachte: "'Oh mein Gott! Wozu sind diese Menschen, ist dieses Orchester da ...'"

Aber seine Neigung zu Anna Ssergejewna ficht diese Belästigung schon nicht mehr an, denn gerade, als er das Orchester verwünscht, fällt ihm ein, daß eben zwischen ihm und Anna Ssergejewna nicht, wie er in Jalta gedacht hatte, alles zu Ende sei (auch diese Formulierung nimmt Tschechow später noch einmal auf), sondern daß es bis zum Ende noch weit sein würde. Dieser Gedanke hat nicht mit ihm und der Dame zu tun, es ist allein sein eigener. Anna Ssergejewna nämlich ist ziemlich genau diejenige, die wir in Jalta kennengelernt haben und die Gurow damals leicht gelangweilt hat: Sie fürchtet sich, sie leidet, sie schickt ihn fort. "'Sie müssen abreisen ...! Hören Sie, Dmitrij, Dmitritsch? Ich werde zu Ihnen nach Moskau kommen. Ich bin niemals glücklich gewesen, jetzt bin ich unglücklich, und ich werde niemals glücklich sein, niemals! Lassen Sie mich nicht noch meher leiden! Ich schwöre, daß ich nach Moskau komme. Und jetzt wollen wir uns trennen! Mein Lieber, Guter, Teurer, trennen wir uns!'"

 

Das tun sie, aber nur um sich von nun an im vierten Kapitel alle paar Monate in Moskau zu treffen, wo Anna Ssergejewna, unglücklich wie eh und je, häufig weinend und natürlich heimlich unter dem Vorwand eines Frauenleidens hinfährt. In gewisser Weise hat sie ja auch ein Frauenleiden, und es ist der Arzt Tschechow, der hier mit dieser Diagnose ein Spiel treibt.

Gurow gewöhnt sich an die durch die Störbemerkung ausgelöste Erkenntnis, daß die Teile seines Lebens, die alle Leute in Moskau sehen können, also die Teile seines sichtbaren, öffentlichen Lebens, nur dazu dienen, die geheimnisvolle zweite Existenz zu verbergen, die ihm immer mehr als der wichtige, interessante, notwendige, aufrichtige Kern seines Lebens erscheint, und kommt auf den Zauber des Geheimnisses und des Doppellebens. "Jede persönliche Existenz ruht auf dem Grunde des Geheimnisses, und vielleicht bemüht sich der Kulturmensch zum Teil nur deswegen so nervös darum, daß das persönliche Geheimnis geachtet werde."

Es wird eine unspektakuläre, zärtliche Liebe, Gurow fällt nebenbei auf, daß er graue Haare kriegt und auch Anna Sergejewna zwar jetzt noch jung und schön, aber womöglich später nicht mehr so jung und so schön wäre, aber das erschreckt ihn nicht, denn zum ersten Mal in seinem Leben liebt er jemand. Eine Lösung für ihre Lage gibt es nicht, und wenn Anna Ssergejewna mit der niederschmetternden Erkenntnis ringt, daß sich ihr Leben so traurig entwickelt und zerschlagen hat und sie jetzt so würdelos in einem niederschmetternden  Hotelzimmer sitzen, sagt er irgendwann "'Nun, höre auf!" oder "Hör auf, meine Liebe, du hast geweint - und nun ist's genug ... Jetzt wollen wir uns besprechen und irgend etwas ausdenken!'"

Aber so ist das bei  Tschechow: die Lösung liefert er nicht mit, und so kommt es in einem schwebenden letzten Satz zu der zaghaften Einsicht, "daß es bis zum Ende noch weit, sehr weit sei, und das das Komplizierteste und Schwerste jetzt erst beginne."

Ich schließe mit Nabokov: "In dieser wundervollen Kurzgeschichte von rund zwanzig Seiten hat der Autor mit allen herkömmlichen Regeln des Erzählens gebrochen. Es gibt kein Problem, keinen normalen Höhepunkt, keine Pointe am Ende. Und sie ist eine der größten Geschichten, die je geschrieben wurde."

Und Nabokov benennt jetzt die Merkmale, die für Tschechows Erzählungen kennzeichnend sind.

Es sind sieben. Drei davon halte ich für fragwürdig.

Tschechow hat auch einmal eine Liste mit Bedingungen des Kunstwerks erstellt.

Es waren sechs.

  1. Abwesenheit langgezogener Wortergüsse politisch-sozial-ökonomischen Charakters

  2. absolute Objektivität (Tschechow war Arzt in einem finsteren, wissenschaftsfernen Land)

  3. Wahrhaftigkeit in der Beschreibung der handelnden Personen und Gegenstände

  4. äußerste Kürze (ein Kriterium, über das Nabokov und ich sicherlich unterschiedlicher Meinung sind)

  5. Kühnheit und Originalität; meide das Klischee

  6. Herzlichkeit.

Nach allem, was wir über Literatur wissen, mag es uns wundern, aber da steht es: Sechstens: Herzlichkeit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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