Am 28. Februar.1933 brannte der Reichstag. Kurt Tucholsky schrieb einen Brief.

"Ich freue mich sehr für Sie, lieber Max, daß Sie noch beizeiten aus dem Affenstall herausgekommen sind, und ich wünsche Ihnen für Frankreich alles Gute. Lieber Freund, ich fürchte, jetzt kommen die sieben magern Kühe und wir werden an ihren Brüsten liegen müssen und das Gift der Drachenmilch in den Zahn der Zeit beißen. In meinem Ohr rauscht es viel zu sehr, als daß ich Ihnen den fälligen politischen Leitartikel schreiben könnte. Sie wissen ja selbst, was los ist. Die in Deutschland wissens zum Teil noch nicht. Noch am Laternenpfahl zappelnd sind alle stinknational ..." (12)

 

Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Regierung kamen, war Tucholsky in Zürich. Sein Freund Walter Hasenclever, den er Max nannte und der ihn bis 1933 Adolf nannte, emigrierte nach Frankreich.

"Tucho und ich sehen düster mit unserem Vaterlande. Die Partie ist verloren. Uns droht Verbannung, Verbot, Ächtung - Auf nach Frankreich! Zusammenschluß der Heimatlosen." (586)

Diese gemeinsame Diagnose stand schon 1931 fest, als Hasenclever Tucholsky in Schweden besuchte.

Tucholsky selbst war einer der ersten, die wußten, "was los ist", und der viele Jahre lang unverdrossen, allerdings auch ohne Illusionen die "fälligen politischen Leitartikel" verfaßte, dank derer man es in Deutschland hätte auch wissen können.

Zum Beispiel bereits im Jahr 1924.

"Darauf hinzuweisen ist: eine neue geistige Bewegung, die stark genug wäre, das öffentliche und vor allem das private Leben praktisch zu beeinflussen, gibt es in Deutschland zur Zeit nicht. Die Republik hat keine Idee; sie ist schwächlich, nachgiebig, unsicher. Sie läßt alles Wichtige unangetastet, weil sie Angst hat. Unterdessen gehen die alten Gewehre auf neue Reisen."

und

" ...es ist gewiß, daß das Land in seiner jetzigen, völlig unveränderten Geistesverfassung wieder in eine Katastrophe hineintaumeln wird, genau wie im Jahre 1914: dummstolz, ahnungslos, mit flatternden Idealen und einem in den Landesfarben angestrichenen Brett vor dem Kopf. Dann gehen wieder Gewehre auf Reisen." (GW 4, 479)

 

1924 aber ging zunächst einmal Tucholsky auf Reisen. Er verließ Berlin in Richtung Frankreich und kam nur noch sehr selten für kurze Zeit und immer ungern zurück.

 

Als ich im Jahr 1992 nach Berlin ging, hatte ich vor, über Walter Benjamin nachzudenken und etwas über dessen "Berliner Kindheit" zu schreiben, die mir seit meinem Studium nicht aus dem Kopf gegangen war, aber nun, wo ich gewissermaßen "vor Ort" nach Benjamin suchte, fand ich ihn nicht. Stattdessen stand hinter jeder Ecke Tucholsky, den ich keinesfalls gerufen hatte. Er war einfach hartnäckig da, wenn ich auf den Schöneberger Markt ging oder auf den vor dem Roten Rathaus, er stand mit an der Kinokasse, und Herr Wendriner stand auch in der Schlange und erklärte uns die Welt und fand sich äußerst gelungen, und er saß neben mir, wenn ich die Elternabende in der Grundschule irgendwie hinter mich brachte oder die Diskussionen um die städtische Haushaltslage in der neuen alten deutschen Hauptstadt verfolgte.

 

Denn immer hatte Tucholsky schon. Zum Beispiel 1926.

"Der Ausschuß für die Regelung der Fürstenabfindung hat in den § 6 des vorzulegenden Gesetzes eine Bestimmung aufgenommen, wonach jeder Mißbrauch der den Fürsten zuzubilligenden Kapitalien oder Renten ausgeschlossen ist. Die Fürsten sind gehalten, sich von den an sie gezahlten Summen lediglich zu kaufen:

1. Schaukelpferde;

2. Kleinere Hausthaltungsgegenstände, soweit sie nicht als Wurfgeschosse zu verwerten sind, ...

3. Stehkragen ... und andere Objekte des kulturellen Lebensbedarfs.

Einer Verwendung der Gelder zu wohltätigen Zwecken steht nichts im Wege.

... Für den während der Revolutionstage umsonst ausgestandenen Schreck sowie für die damals verbrauchten Fahrgelder tritt ein Aufschlag von 10 % in Kraft; läßt sich die Auszahlung mangels Bargeld aus Staatsmitteln nicht tätigen, so tritt eine Enteignung der deutschen Steuerzahler nur nach vorheriger Entscheidung des Reichspräsidenten ein. Die letzte Bestimmung kann bei Regenwetter aufgehoben werden."

 

Und immer flüsterte er mir zu, erst nur ganz leise, aber dann immer lauter und eindringlicher, wofür er Spezialist war: "refaire sa vie, refaire sa vie".

Tucholsky hat mit diesem Motto lebenslänglich gegen ein starkes Gefühl angekämpft - gegen den Ekel. Es ekelte ihn, kurz gesagt, was er schon 1920 formuliert hat: "Demokratie war den Deutschen ein leerer Begriff" (2, 359) In der Rezension zu "Macht und Mensch" bewundert er an Heinrich Mann dessen klares "Nein" zum Kaiserreich, denn schließlich "kann nur Nein sagen, wer das Ja tief in sich fühlt und dieser weiß, was das ist: Demokratie. Dieser hat begriffen, daß sie nichts ist, was nur in den politischen Kegelklubs zu Hause ist und überhaupt etwa nur in den traurigen Parlamenten - sondern daß sie eine Sache des Herzens ist. Daß sie nichts ist als das tiefe Gefühl: Es gibt etwas auch außerhalb der Berufe und der sozialen Positionen, das uns alle gleich macht, soweit Menschen gleich sein können. ... Und nur so kommen wir weiter, wenn wir das menschliche Niveau erhöhen." (2, 361)

 

Tucholsky und Heinrich Mann teilten die Liebe zu Frankreich. Tucholsky hatte am Anfang des Jahrhunderts in Berlin wie viele  jüdische Kinder das Königliche Französische Gymnasium besucht, das unter den preußisch-königlichen Schulen eine Art Hort des Humanismus gewesen sein muß. Heinrich Mann war auf dem Weg über das mediterrane Italien an Frankreich gekommen. Für beide aber galt gleichermaßen: Sie hatten die Ideale der französischen Revolution "par coeur" in sich aufgenommen. Das verstellte gelegentlich ihren Blick auf die französischen Realitäten, nicht aber den auf die deutschen.

"Warum quälen wir uns eigentlich mit dieser Republik herum?", fragte Tucholsky 1923, als er wegen eines Artikels, durch den sich die Reichswehr angegriffen fühlte, dahin kam, "wo die Geistigen dieses Landes so häufig und die politischen Mörder so selten stehen", nämlich vor Gericht. "Warum quälen wir uns eigentlich mit dieser Republik herum? Regierungsrat will keiner von uns werden, und einen Orden wollen wir auch nicht - wir haben nur Kummer, Arbeit und sonst nichts davon. Gut. Aber nun auch noch von eben dieser Republik dauernd auf den Kopf zu kriegen, weil wir uns im Endeffekt schließlich gegen ihre Feinde wenden - dieses, Verehrte fällt uns uff." (3, 239)

Ja, wofür quälten sie sich?

Beide gehörten zu den  33 Personen, die nach dem Ende dieser Republik als erste ausgebürgert wurden, die Ausbürgerungsliste wurde am 23. August 1933 unterzeichnet, am 25. August im "Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger" Nr. 198 veröffentlicht, Grundlage dafür war das am 14. Juli, also am "Quatorze Juillet", dem Tag der französischen Revolution, beschlossene "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der Deutschen Staatsangehörigkeit", auf seiner Grundlage wurden 39.006 Personen ausgebürgert, Tucholskys Freund Walter Hasenclever stand auf der Liste vom 26. September.

 

"An einer etwa einsetzenden deutschen Emigrationsliteratur" allerdings, der Entschluß stand für Tucholsky fest, "sollte man sich unter keinen Umständen beteiligen. ... Erstens wird es keine große Emigration geben, weil, anders wie damals bei der russischen, 1917, Europa nicht aufnahmefähig für solche Leute ist. Sie verhungern. Zweitens zerfallen sie, wie jede Emigration, und nun noch deutsche, in 676 kleine Grüppchen, die sich untereinander viel mehr bekämpfen werden als etwa alle zusammen Adofn (dem wir das L nun endgültig wegnehmen wollen, ... Hei Adof). Drittens sollte man es nicht tun, weil es den Charakter verdirbt, und man bekommt Falten um die Mundwinkel und wird, bei allem Respekt, eine leicht komische Figur." (14)

Als er das schrieb, hatte Tucholsky seine Entscheidung schon längst getroffen: seine letzte Publikation war ein Artikel in der "Weltbühne" am 29. September 1932 gewesen.

Allerdings hörte er damit nicht auf, ein Schriftsteller zu sein.

Immer noch am 28. Februar in seinem Brief an Hasenclever:

"Vorgestern haben wir hier einen Radio installiert und Adof gehört. Lieber Max, das war sehr merkwürdig. Also erst Göring, ein böses, altes blutrünstiges Weib, das kreischte und die Leute richtig zum Mord aufstachelte. Sehr erschreckend und ekelhaft. Dann Göbbeles mit den loichtenden Augen, der zum Vollik sprach, dann Heil und Gebrüll, Kommandos und Musik, riesige Pause, der Führer hat das Wort. Immerhin, da sollte nun also der sprechen, welcher ... ich ging ein paar Meter vom Apparat weg, und ich gestehe, ich hörte mit dem ganzen Körper hin. Und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges.

Dann war nämlich gar nichts. Die Stimme ist nicht gar so unsympathisch wie man denken sollte - sie riecht nur etwas nach Hosenboden, nach Mann, unappetitlich, aber sonst gehts. Manchmal überbrüllt er sich, dann kotzt er. Aber sonst: nichts, nichts, nichts. Keine Spannung, keine Höhepunkte, er packt mich nicht, ich bin doch schließlich viel zu sehr Artist, um nicht noch selbst in solchem Burschen das Künstlerische zu bewundern, wenn es da wäre. Nichts. Kein Humor, keine Wärme, kein Feuer, - nichts. Er sagt auch nichts als die dümmsten Banalitäten, Konklusionen, die gar keine sind - nichts.

Ceterum censeo: ich habe damit nichts zu tun." (15)

"Unsere Bücher sind also verbrannt", schreibt er am 17. Mai seinem Freund Hasenclever, und weil das so ist, denn: "Lieber Freund, uns haben sie falsch geboren", fährt er fort: "Nun aber zu ernsthafterem."

Denn das wußte er längst: "Natürlich kommt der Krieg."

 

Für diesen Fall schien ihm Zürich kein guter Aufenthaltsort. Zu nah dran an den "boches", wie er sagte. Allerdings wohnte Hedwig Müller in Zürich, und er wohnte bei Hedwig Müller. Er hatte die Ärztin im Sommer 1932 kennengelernt und schrieb ihr, weil er nämlich ein Schriftsteller blieb, auch wenn er nun nicht mehr publizierte, viele Briefe.

Der erste stammt von der "KLAVIERERZEUGUNG A. PECHSTEIN", ist in Zürich/a.d. Züre verfaßt und geht so:

"Wir haben gehört, daß Sie sich für die Erwerbung eines Piano-Flügels interessieren, da der Ihre bereits ganz hin ist, weil ausländisches schweizer Erzeugnis.

Wir empfehlen Ihnen unser Liliput-Super-Extra-Gala-Kammer-Flügel mit selbsttätiger Fugen-Vorrichtung, eigenhändigem Blasbalg und Wasser-Spülung sowie elektrischem Wecker für längere Symphonien.

Der Preis eines solchen stellt sich auf netto tara brutto frcs. 32.500- zuzüglich 45 % Erbschaftssteuer.

Unser Pianino-Fügel kann auch als Eierkiste sowie als trockner Aufbewahrungsort für schmutzige oder auch saubere Wäsche Verwendung finden. Er ist vornehm im Ton und hat Beine wie manche Züricherin.

Indem wir hoffen, daß Sie sich zum Ankauf unseres Instrumentes entschließen, wie Sie sich schon zum Ankauf so mancher Idiotie entschlossen haben, zeichnen wir mit musikalischen Grüßen von Cis zu Des Ihre ergebenste KLAVIER-ERZEUGEREI A. PECHSTEIN

P.S. Sollte ihnen die kaufweise Erwerbung eines Instrumentes zur Erzeugung musikalischer Töne nicht genehm sein, so empfehlen wir Ihnen unsere ff. Trakehner Hengste zur Anlegung einer kleinen Pferdezucht im Tessinischen. Unsere Pferde sind sämtlich regenfest, dieselben werden von 1 Bein vis zu vier Beinen geliefert. Verheiratete Pferde (sog. Wallache) berechnen wir  Ihnen im Hinblick auf die gehemmte Zeugungskraft billixt." (51f.)

 

Um die selbe Zeit etwa verwandelt er die Freundin Hedwig in die "Nuna", als die er sie bis 1935 anschreibt, allerdings nicht nur einfach eine "Nuna", sondern eine "Nurnalte Nuuna", "Obergeneralsnuuna", "Allerweltsnuuna", "Julklappnuuna", "Humpelpumpelnuuna", "Schrumpelnuuna", "Regennuuna", "Kassenversicherungsnuuna", "Zuckernuuna" "Fünfzehngradunternullnuuna", "Schnupfennuuna", "Apfelsinennuuna", "Herzensnuuna", alles in allem also "Liebstes Nuunchen". "Ich habe Dich Deines lieben u. traulichen Wesens wegen lieb gewonnen zwecks baldiger Heirat und Bridge of Promise, das ist eine Brücke in L ondon, wo viele rauf gehn und manche wieder runter. Wer sitzt nachher als alte Jungfer da? Ich. Und bin Dein ewig guter und Dir sogleich nach Ankunft schreibender                   Hasenfritzli (354)

 

Bis es aber so weit gekommen ist, daß Nuna Nuna und der Briefschreiber das Hasenfritzli ist, verabschiedet Tucholsky sich endgültig von seinen Pseudonymen, unter denen er viele Jahre lang seine literarischen und journalistischen Arbeiten veröffentlicht hatte. Noch ist er in Zürich, es ist das Jahr 1933:

"Liebe Hedwig!

Bitte habe doch die Freundlichkeit, für heute abend, wo Du angeblich bei Thonemanns bist, eine gewisse Vera Plüsch-Renard einzuladen, ich wäre Dir dankbar.                     Mit schönen Grüßen

                                    Dein lieber                 Peter.

PS Eben fällt mir ein, daß ich heute nicht rasiert bin und große Wäsche habe - lade sie lieber nicht ein.                                 Theobald

N.B. So allein abends ist auch nicht schön - lade sie nur ein!                       d.O.

X.Y.Z. Daß Du nicht tun kannst, was man Dir sagt: lade sie ein, damit ich endlich mal abends meine Ruhe habe. Also sie soll nicht kommen.      Ignaz

Oder doch? Oder nüt?  Weißt Du was: lade sie nicht ein.                      Kaspar

Doch, doch, lade sie ein. Was wird da sein - sie wird absagen, und dann kommt sie.                                                                                                            Kurtchen

Nuna, lade sie nicht ein - man mag diese großen Rezeptionen nicht. Unter keinen Umständen. Kommen kann sie. Aber nicht einladen.

Oder doch? Oder nüt? Jein."

Und hier fehlt jetzt die Unterschrift. Denn der Hasenfritz wird erst geboren, als Tucholsky Zürich verläßt, nämlich am 7. September 1933.

Er fährt nach Schweden, wo er seit 1929 ein Haus gemietet hat. Aber er fährt über Paris, und er wäre mit Sicherheit dort geblieben, wenn er Frankreich nicht - ebenso wie die Schweiz - auch für ein gefährdetes Land gehalten hätte. Im Zug hatte er einen Schweizer im Abteil, von dem er gleich am nächsten Tag in seinem ersten Brief berichtet, "ein Schnörreschweizer, aber doch ein netter Abschied von dem gottverfluchten Zürich, in dem Du der einzige Lichtblick warst. Denn:

Es gibt natürlich nur eine Stadt, die Stadt, diese Stadt. Ich war gestern vollkommen betrunken, wie das erste Mal. ... Auf einmal verstehe ich wieder alles. Die Frauen haben richtige Gesichter, und nicht diese fahlen Eierkuchen; ich verstehe den Rhythmus, in dem die Autos angeschwirrt kommen, den brin de causette mit der Frau im Tabac, und die weiß, was das soll: nichts. Es sind richtige Menschen. Schaufenster-Revue. Die Schweizer sind vollkommen wahnwitzig mit ihren Preisen. Hier kostet natürlich die erstklassige Ware genau so viel, wenn nicht mehr - aber die Mitte und das, was knapp unter der Mitte liegt - das kostet beinah alles ein Drittel. ... Und eine Auswahl - und eine Fülle - und nicht diese grauenvolle Prätention, die einem in Zürich das Leben so sauer macht. Du solltest unbedingt jedes Jahr hier einkaufen - Du hast einen Vogel, Dein Geld da zu lassen. Du wirst bestohlen, es ist überhaupt gar kein Vergleich."

"...  man möchte sich auf den Asphalt hinknien und ihn küssen - so ist das hier, schreibt er. "Es ist eine Landschaft. Ein Meer. Ich bin besoffen wie im ersten Mai 24. Und eben nicht der Frauen wegen - ich habe hier keine, die Urren interessieren mich gar nicht - es ist die Stadt. Welche Stadt -! Hier möchte man jedes Jahr drei Monate leben."

So viel Liebe. Aber auch Hedwig Müller bekommt etwas davon ab: "Daher habe ich Dich außerordentlich lieb und kuschele mich ohne Gequatsche in Dich hinein und erzähle nichts von meiner Nase. Und das ist Liebe. Die Nase ... ach so. Zoll, Paß - alles in Butter. Ich schreie immer vorher, dann geht es gut. Schade, das ich nie mehr Geld verdienen werde." (84)

Die Nase. Ach so. Die war schon länger nicht so und wurde auch trotz etlicher Kuren und qualvoller Operationen nicht wieder, und die meisten Briefe enthalten denn auch einen Nasenbericht. "Meine Nase hat 1 (einen) Katarrh. Jeder Katarrh geht weg, nur der erste nicht." (9.9.) "Meiner Nase geht es besser. Wie geht es Deiner Nase. Meiner Nase geht es gut. Danke, es geht ihr gut. Hoffentlich geht es auch Deiner Nase gut." (Der zweite Brief vom 9.9.) "Was macht Deine Nase -?", fragt er tags darauf, "Du sprichst etwas viel von ihr. Finde ich. Meiner Nase geht es gut. Danke. Nein, es geht ihr leider nicht gut. Ich habe dafür den anderen Sommeranzug bestellt." Am 12. September muß man sich die Nase dazudenken: "Es geht Dir hopfentlich besser denn mir, denn mir gehet es nicht gut, sondern es geht mir nicht gut. Es ist so ein Druck ... also das wird wohl nicht mehr besser." (90) Zwei Tage später ist ein Brief von Hedwig Müller in Paris eingetroffen. Tucholsky antwortet.

"Du schreibst da so feierlich, wie wenn ich in Zürich mein Leben vertrauert hätte. Mitnichten. Es ist mir hier bereits genau so erbärmlich gegangen wie dortselbst - geradezu schauerlich. Ich bin nochmal bei meinem hiesigen Viehoktor gewesen - er sagt exactement dasselbe wie Klingelsfuß, er schwört allerdings auf seine Schwefelbäder, sagt, ich hätte viel mehr trinken sollen - und im übrigen:cela dépasse le rayon du nez. Sicher. Davon wird es nicht besser. Gestern bin ich etwa 17 Mal gestorben, es war sehr schön. Du siehst: an Zürich liegt das nicht." (93)

Natürlich ist es mehr als die Nase. Es ist Verzweiflung. Kein "refaire sa vie" mehr, im Gegenteil, und der letzte Brief aus Paris sagt es. "Es ergehet mir sonst säuisch. Ich weiß nichts mehr darüber zu sagen. Es ist etwas kaputt." Und so ist das Paris-Resümee traurig: "Viel habe ich von diesem Aufenthalt nicht gehabt - den ersten Tag war es gut, nachher habe ich an kaum etwas irgend welchen Anteil genommen. Mir ist alles egal." (101)

In Schweden wird es nicht besser. Es wird nie mehr besser. Als erstes lädt Tucholsky in einem orthographisch nicht ganz korrekten Schreiben Hedwig Müller hoch offiziell ein:

"Liebe Nuna!

Mit Erlaubnis meiner Liben Eltern lade ich dich durch Dizen Briev zu Weihnachten ein Wir werden herich sehr schön spieln du mußd haber deine Spielsache mitbringen. Ich tue dasszelbe. Hier ist es kalt hofentlich ist es Dort auch kalt. Mir geht es gut. Hofentlich get es dir Auch gut."

Es geht ihm aber nicht gut, und die Vorfreude auf den Weihnachtsbesuch ist ungefähr das einzige, was seine Stimmung aufhellen kann. Seine Lage ist katastrophal. Er hat kein Einkommen mehr, die Nazis hatten die in Deutschland verbliebenen Vermögen der ausgebürgerten Autoren beschlagnahmt, Tucholsky löste seine Lebensversicherung bei einer Basler Bank auf, es ist "vier Minuten" vor dem Krieg, die Verhältnisse in Schweden bedrücken ihn. "Die Bürger hier wissen noch weniger als eure - sie sind allerdings weniger prätentiös; wenn sie satt sind, tun sie nichts. Das kann aber gefährlich werden. In dubio glaube ich, daß sie die Verdienerrolle in dem kommenden Kriege vorziehen." (138) Kurz: es ist die reinste "Depremerie". "Von außen höre ich wenig, ich will auch nicht mehr." (146)

Am 24. November ist es schon bald Weihnachten.

"Vier Wochen trennen mich noch von dem ungebet'nen Gast, der segnet, was Du uns bescheret hast. Paßt gar nicht her. Nuunchen, nun komm man an - ich habe den Stationsvorsteher schon auf Deine dicken Beine vorbereitet - er sagt, seine Frau hätte einen Kropf und vollkommen wäre eben (mit Ausnahme von mir) keiner. Und da hat er ja auch recht.

Ich bin etwas miede. Wie bistu-?" (147)

Am Tag darauf aber ist es wieder November.

"Ob diese Epoche unsere Enkel so sehr amüsieren wird, erscheint mir zweifelhaft. Erstens hieße das voraussetzen, daß jene vernünftiger sind, und das ist wohl nicht das ganz das richtige. Und zweitens können sie die pikanten Einzelheiten nicht so nachschmecken - was sagt uns der Gesinnungsumfall eines Künstlers ... aus der Zeit des Seconde Empire? Nicht viel.

Ergel:

Ich weiß nicht, ob ich das lange mitmachen werde. Ich verspreche Dir feierlich, keine Torheiten zu machen, bevor Du kommst - aber ich glaube, ein gutes Empfinden dafür zu haben, wann meine Zeit gekommen ist. Dies ist nicht meine Zeit. Bei Keyserling (nein, dem andern, dem guten) kommt eine Figur vor, eine junge Adlige, die ertränkt sich im Schloßteich. Als man sie herauszieht, zeigt ihr Gesicht jenen Ausdruck, den sie so oft im Leben gehabt hat, und der sagt: "Nein danke. Nicht für mich." So ungefähr sehe ich das. Man kann doch nicht, in keiner Form, paktieren - es ist gar keine Sache des Charakters, es ist eine Sache des Seins. Und da ich nicht aus dem Tessin stamme und also nicht auch anders kann, wie eine uns bekannte Dame, so wird man ganz einsam, was ja noch auszuhalten wäre - aber wovon? An Geld verdienen glaube ich nicht. Vielleicht ist das Schwäche - meinetwegen. Aber mich freut es nicht mehr. Wenn diese Art, zu leben, richtig ist, dann habe ich unrecht - die Zeit hat immer "recht", nämlich für eben diese Zeit selber. Das ist kein Trost, sondern eine Erkenntnis. Und mit der könnte man leben - aber nicht von ihr, und wovon sollte man? Im Dreck quälen mag ich mich nicht, es lohnt doch gar nicht. Item."

Nein. Tucholsky ist gegen Paktieren. Am 28. November:

"Liebe Nuuna, sie machen ein Judenstatut in Deutschland, wonach also die deutsche Judenschaft neuen Gesetzen als Minorität unterworfen wird. Ich bin ja vom Dorf. Aber wenn das die vielgerühmte Zähigkeit der Juden ist, wenn das das Mittel ist, durch das sie sich jahrhundertelang gehalten haben, dann wünschte ich, daß sie lieber untergehen sollten. ... Warum sagen nicht die ältesten Rabbiner: 'Wir fordern jeden anständigen Juden auf, auszuwandern! Wer nach dem 1. Januar 1935 noch in Deutschland ist, ist kein anständiger Jude - den verdienen die Deutschen, wir andern gehen in Massen, als Demonstration, zum Protest heraus!' Warum sagen sie es nicht?"

Am 10. Dezember :

"Uns bleibt nichts übrig als Konsequenz. Mir fällt sie leicht; es käme mir gar nicht in den Sinn, ... mit solchen Menschen zusammenzusein, es ist völlig aus. Mit jedem Tag verschwindete das alles mehr hinter dem Horizont. Daß das keine Lösung ist, weiß ich alleine - die gibt es für uns im Augenblick wohl gar nicht. Haß? Es ist bei mir viel schlimmer. "Blick hin und geh vorüber", steht bei Dante." (163)

Und er wird konsequent bleiben. Und das heißt:

"Nur schweigen - nur schweigen. Es kann nichts anderes geben."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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