„Dies ist eine Möglichkeit – ich bediene mich ihrer übrigens nicht“, sagte Klee einmal am Schluß einer Vorlesungsreihe.

Ein Baum ist da. Rechts oben. Aber wo ist die Terrasse. Vielleicht auch rechts oben, vielleicht aber auch nicht. Und wenn da eine Terrasse ist, dann ist da, nach allem, was wir über Terrassen wissen, auch ein Haus. Ist womöglich ein Haus auf dem Bild, das nicht im Titel steht? Wenn da ein Haus ist, und es muß ein Haus sein, weil Terrassen ohne Häuser nicht vorkommen, wo ist dann das Haus?

Da gibt es nun mehrere Möglichkeiten, aber ich werde nicht verraten, welcher Möglichkeit ich mich bediene und ob in meiner Möglichkeit dieses Haus acht oder zwölf oder sechzehn oder noch mehr lindgrüne, ockerfarbene, bräunliche, gelbliche Fenster hat, ob spitze Giebel mit Dachfenstern oder Erker mit Erkerfenstern, und nicht einmal das werde ich verraten: ob in meiner Möglichkeit zwei Eingangstüren vorkommen, die ich mir in diesem Falle vielleicht vorstellen würde, als seien sie aus bemaltem oder farbigem Glas,  aus Butzen vielleicht, oder ob in meiner Möglichkeit am Ende gar keine Tür vorkommt, schließlich muß nicht jedes Haus eine Tür haben. Jedenfalls nicht, wenn man nur eine Fassade sieht. Eine graue Fassade mit Terrasse mit Baum drauf.

Das Haus ist interessant, weil es nicht im Titel steht, wohl aber logischer- und vor allem sichtbarerweise im Kopf entsteht, weil unsere Denkgewohnheit Terrassen mit Häusern verbindet. Und weil tatsächlich ein Haus auf dem Bild drauf ist.

 

Paul Klee übrigens hatte zu der Zeit, als er das Bild malte, ein ziemlich handfestes Hausproblem. Ob er es in dieses Bild hineingemalt hat, dafür gäbe es wieder mehrere Möglichkeiten, aber wer das Hausproblem kennt, das Klee zu der Zeit hatte, wird kaum umhinkönnen, das Haus auf dem Bild mit dem Hausproblem in Klees Leben irgendwie logisch zu verbinden, und dann wird es sonderbarerweise auf dem Bild ohne Haus im Titel alsbald sichtbar, auch wenn es nur eine Möglichkeit ist. Für den Fall, daß man sich ihrer bedienen möchte, sei es hier erzählt.

 

Das Bild ist, so steht es darunter, im Jahr 1934 entstanden. Dieser Möglichkeit möchte ich mich bedienen, obwohl auch sie nur eine Möglichkeit ist, weil Paul Klee die Angewohnheit hatte, seine Bilder gelegentlich umzudatieren oder umzutiteln. Das hatte unter anderem mit den während der dreißig Jahre seiner Produktionszeit stark schwankenden Nachfragen des Kunstmarktes nach seinen Bildern und den damit verbundenen Lieferproblemen zu tun, aber ausgerechnet Bilder aus den Jahren 1934 und 1935 dürften von dieser Praxis nicht betroffen worden sein, denn in diesen beiden Jahren hatte Paul Klee zwar ein Hausproblem, aber insofern kein Lieferproblem, als es für seine Bilder eine gegen null gehende Nachfrage gab und also ziemlich feststehen dürfte, wer wann welches der wenigen Bilder gekauft hat, die Klee in diesen Jahren malte.

 

Das Hausproblem und das mangelnde Lieferproblem hingen in gewisser Weise miteinander zusammen und beruhten auf einem dritten Problem, das nicht nur Paul Klee betraf.

Dieses Problem entstand, so steht es in den Geschichtsbüchern, am 31. Januar 1933. Im Falle Paul Klees schon etwa ein halbes Jahr vorher, als nämlich das Bauhaus in Dessau während der Sommerferien in politische Schwierigkeiten geriet, die im Herbst in der von den Nationalsozialisten angeordneten Schließung gipfelten.

Klee war 1920 von Walter Gropius ans Bauhaus berufen worden, zunächst nach Weimar, später erfolgte die Umsiedlung nach Dessau. Aus den politischen Flügelkämpfen des im übrigen notorisch finanziell bedrohten Projekts, einer „fachübergreifenden“ Unterrichtskonzeption für Architektur, Kunst und Kunstgewerbe, hielt er sich weitgehend heraus. Er unterrichtete in der Buchbinderei, in der Glasmalerei und, anfangs inoffiziell, später dann offiziell, in der Weberei. Er wollte ein bürgerliches Leben führen: die Familie Klee teilte sich nachbarschaftlich ein sogenanntes „Meisterhaus“ mit den Kandinskys, und als 1928 Gropius von dem linken, besser gesagt links-konfusen Hannes Meyer abgelöst wurde, der bis 1930 die Direktion hatte und alles mögliche am Bauhaus wichtig fand, bloß nicht die Kunst, gingen eine Menge Kollegen lieber gleich weg, und es wurde unangenehm für Klee, aber schließlich wäre er doch fast dort geblieben, nachdem Mies van der Rohe der letzte Direktor wurde und das Bauhaus halbwegs von den Wirren zu befreien suchte, die seine Fehlpolitisierung angerichtet hatte, aber zehn Jahre Unterrichten in einer Institution mit strukturellen Problemen und internen Friktionen waren genug, die Lehrtätigkeit beeinträchtigte seine künstlerische Kreativität, die trotz einer großen Ausstellung, die sein Galerist Alfred Flechtheim im Jahr 1928 in Berlin organisiert hatte, den Lebensunterhalt der Familie nicht sichern konnte: der Kunstmarkt in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise.

 

1930 also sah sich Klee nach einer neuen Stelle um. Zu der Zeit kämpfte bereits der Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie, Walter Kaesbach, einen ziemlichen Windmühlenkampf. Er plante, seine Akademie zu modernisieren, und befand sich dabei offenbar in dem Irrglauben, die in Berlin regierenden Sozialdemokraten blieben ewig am Ruder und seine guten Beziehungen zum Preussischen Kultusministerium könnten ihn nach Herzenslust schalten und walten lassen. Jener Walter Kaesbach also wollte um jeden Preis Paul Klee. Und an dieser Stelle nun entstand Klees Hausproblem. Kaesbach wollte Klee nämlich nach Düsseldorf geradezu ködern: Er versprach, ihm ein eigenes Haus bauen zu lassen.

Er hatte sich verkalkuliert, und als Klee am 1. April 1931 in Dessau kündigte und seine Stelle in Düsseldorf – gegen erhebliche Widerstände in Westfalen – antrat, hatte der Staatsstreich in Berlin Kaesbachs gute Beziehungen mitsamt den Sozialdemokraten hinweggefegt: von einem eigenen Haus, konnte nicht mehr die Rede sein, Kaesbachs Stuhl wackelte noch ein paar Jahre vor sich hin, bis er im Mai 1933 zusammenkrachte.

Klee haßte es, zur Miete zu wohnen. Er pendelte zwei Jahre lang zwischen Düsseldorf und Dessau, wo er schließlich das besagte Meisterhaus hatte.

 

Dort wohnte er, während die Lage um das Bauhaus ernst wurde, dort wohnte er auch, als das Bauhaus geschlossen wurde und alle bereits nach Berlin umgezogen waren.

Dort wohnte er auch am 31. Januar 1933.

Dort wohnte er, bis ihn schließlich die neue preußische Administration darauf aufmerksam machte, daß er als Mitglied der Düsseldorfer Kunstakademie seinen Wohnsitz in Düsseldorf zu haben verpflichtet war.

Zu der Zeit war ein großer Teil seiner Kollegen bereits auf dem Weg in die Emigration.

 

Es gibt eine Möglichkeit, zu erklären, was nun passierte. Klee könnte seine Lage einfach deshalb falsch eingeschätzt haben, weil er nirgends mehr dazu gehörte: aus dem Bauhaus war er raus, und in Düsseldorf kam er nie an, seine Meisterklasse dort war winzig, und so nahm er als Lehrer und als Maler einen irrationalen bis mystischen Gestus an, mit dem er vor den erlesenen Schülern abgehobene Privatzirkel pflegte. Als die Nationalsozialisten das Land übernahmen, könnte er gehofft haben, seine dezidiert unpolitischen Aussagen sowie die Vorlage eines Ariernachweises könnten die Nazis seine Ex-Mitgliedschaft in der „Brutstätte des Kulturbolschewismus“ vergessen machen. Man kann sich dieser Möglichkeit bedienen, dann käme man zu dem Schluß, sein Hausproblem war eine Folge dieser Fehleinschätzung.

Im Mai 1933 verließ er jedenfalls sein Meisterhaus und zog mit seiner Frau nach Düsseldorf.

Dort hatte man Kaesbach bereits entlassen und ihn selbst suspendiert, und er haßte es, in Mietwohnungen zu wohnen.

Er haßte es auch, ohne akademische Anstellung zu sein, also beantragte er eine weniger gut besoldete Stelle und bekam sie natürlich nicht.

Danach versuchte er es als freier Maler.

Das klappte natürlich nicht.

Das konnte schon deshalb nicht klappen, weil nicht wenige Galeristen, darunter sein eigener, Juden waren.

Nachdem Alfred Flechtheim seine Galerie aufgeben mußte, gelang es Lily Klee, ihren Mann zu überzeugen, daß es besser sei, nicht in Deutschland zu bleiben.

 

Und so gingen sie endlich, im Oktober 1933, in die Schweiz, zunächst behelfsmäßig in Klees berner Elternhaus, dann fanden sie eine winzige Wohnung, danach zogen sie in eine nur kleine Wohnung. Klee haßte es, in Mietwohnungen zu wohnen, und in dieser mußte er auch noch das Schlafzimmer zum Malen nutzen. 1934 und 1935 malte er sehr wenig, und keiner wollte seine Bilder, weil er in der Schweiz nicht den bürgerlichen Tritt faßte, den er zum Bilderverkaufen brauchte, und sein neuer Galerist Kahnweiler versuchte es in Paris vergeblich. Erst 1938, wohl infolge der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“, auf der die Nazis auch Bilder von Klee zeigten, wurde er entdeckt, von Leuten, die in die USA emigriert waren.

 

1934 also malte Paul Klee im Schlafzimmer einer Mietwohnung in Bern das Bild „Baum auf der Terrasse“.

Ein Baum ist da. Rechts oben.

Eine andere Möglichkeit wäre, sich an die Weberei im Bauhaus zu erinnern und einen pastellfarbenen Wandteppich vor sich zu sehen. Kein Haus und keine Terrasse.

 

 

 

 

 

 

 

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