Nachwort zu: Heinrich Mann. Die Göttinnen

Die Göttinnen: Nun sind sie also hundert geworden. Und immer noch richtig unanständig.

Als ich sie kennenlernte, waren sie ungefähr siebzig. Ich war schockiert.

Die deutsche Literatur hat sich nur zweimal echte Ausfälle geleistet. Einmal den personifizierten Ausfall des Dichters Christian Dietrich Grabbe, das war gegen Ende der deutschen Romantik, und Grabbe hatte die zwar inhaliert, aber dann half es nichts: 1829, mit „Napoleon oder die hundert Tage“ haute er einen Affront gegen jedes Genre hin, ein unspielbares Theaterstück mit riesigem Personalaufwand, unlesbaren Monologen, epischen Eskapaden, eine geschichtspessimistische Groteske. Übrigens kommt dort auch eine Göttin vor: die Göttin der Vernunft, aber das ist eine andere Sache und hat mit der französischen Revolution zu tun, also im Grunde mit dem Abschied des 19. vom 18. Jahrhundert. „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, ein paar Jahre zuvor entstanden und ebenfalls ein unmögliches Stück, hat knapp hundert Jahre nach seiner Entstehung die Dadaisten begeistert und Hugo Ball zu folgender Hymne verleitet: „Meine Damen und Herren! Grabbe: Das heißt: sich maßlos besaufen. Weil man’s nicht ändern kann. Weil nichts zu machen ist. Weil alles umsonst ist. Grabbe: Das heißt: Vorschriften gibt es nicht. Regeln gibt es nicht. Gesetze gibt es nicht. Schule gibt es nicht. Wenn es sie aber doch gibt, dann ist das so was gottsjämmerliches, daß man sich in eine Ecke legen muß und besaupfen, restlos besaupfen.“ (Der Künstler und die Zeitkrankheit, Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main 1984)

Nach Grabbe wurde der Ton wieder maßvoll.

Bis Heinrich Mann zuschlug mit einem Buch, das ein „konträres Kunstempfinden“ nicht nur kennt, sondern über weite Strecken so lustvoll zelebriert, daß es manchem norddeutschen Protestanten und jedem seriösen Ästheten schier den Magen umgedreht hat. Das sind die, die sich nicht „besaupfen“.

„Nur nicht großartig werden, die Mittelmäßigkeit überragen und gegen den guten Geschmack verstoßen!“ (143) Der alte Dolan, der mit diesem verächtlichen Satz nicht nur den feinen Pariser Künstler Mortoeil, sondern nebenbei Martin Luther gleich noch mit verhöhnt, ist ein gräßlicher Typ, den man mögen muß, ein Kunstsammler, Hehler, Gierhals, und es dauert eine Weile, bis man die Abgefeimtheit seiner Geschäfte so recht begreift, weil der alte Dolan nur eine von den unzähligen Figuren ist, die das Buch bevölkern, eine schauderhafter als die andere, aber alle großartig, kaum eine mittelmäßig und die meisten, besonders die Damen unter ihnen: ein Verstoß gegen den guten Geschmack.

„Diese schlaffe Brunst in Permanenz, dieser fortwährende Fleischgeruch ermüden, widern an. Es ist zu viel, zu viel ‚Schenkel’, ‚Brüste’, ‚Lende’, ‚Wade’, ‚Fleisch’ und man begreift nicht, wie Du jeden Vormittag wieder davon anfangen mochtest, nachdem doch gestern bereits ein normaler, ein tribadischer und ein Päderasten-Aktus stattgefunden hatte.“ Thomas Mann hat es geschaudert, als er – nachdem schon die „Göttinnen“ für sein Gefühl „gellende Geschmacklosigkeiten“ enthalten hatten – das nachfolgende Buch seines Bruders gelesen hatte, einen schwer pornographischen Roman, der zu allem Ärgernis auch noch im damaligen Wohnort der Manns, in München, spielt, „Die Jagd nach Liebe“heißt und die Brüder zehn Jahre lang entzweien wird.

„Nur Affen und andere Südländer können die Moral überhaupt ignoriren“, schreibt Thomas Mann seinem Bruder also zwei Jahre nach Erscheinen der „Göttinnen“, und die Wut wird schon eine geraume Weile in ihm gekocht haben, bis sie in diesem bösen Satz gerann, denn nicht „Die Jagd nach Liebe“ ist ein südländisches Buch, sondern der Vorgänger. Aber der Reihe nach.

 

Die sechziger Jahre im Deutschland des zwanzigsten Jahrhunderts waren – je nachdem, wie und wo einer darin aufwuchs – entweder bloß verklemmt oder sogar auf muffige Weise prüde. Manche, die damals jung waren, wichen auf Jazz aus. Die Politik kam erst später.

In meinem Leben hat es zu der Zeit eine Fixierung gegeben, die mich kurz darauf dem mediterran träumenden Heinrich Mann geradewegs in die Arme getrieben hat.

Einmal im Jahr war Kirmes. Natürlich mit Lotterie. Gewinnen konnte man überlebensgroße Teddybären, die mich nicht interessierten, oder, und das habe ich zäh und über Jahre hinweg versucht: spanische Flamencotänzerinnen mit prächtigen schwarzen Haaren, opulenten roten Kleidern, knallroten Lippen, riesigen Ohrringen und zierlichen Riemchenschuhen. Martin Luther hätte das streng mißbilligt. Meine Mutter auch, und also lag über der Lotterie eine Tragik. Denn schon beim Losekaufen wußte ich, daß die Flamencopuppe, sollte ich sie denn je gewinnen, eiskalt konfisziert werden würde. Wegen des guten Geschmacks, den sie ganz ohne Frage verletzte. Aber jedesmal wieder: habe ich die Lose gekauft. Und schließlich einmal eine Tüte Kakao gewonnen. Und von Ländern geträumt, in denen man keine Schottenröcke mit messingfarbenen Sicherheitsnadeln und Wanderschuhe trägt, sondern alle Tage nach Herzenslust Pracht entfaltet. Solche Länder hatte ich im übrigen bereits lektüreweise kennengelernt, allerdings in einer anderen Ausführung als mit Flamenco, aber wer fünfzig Bände Karl May gelesen hat, kennt sich jedenfalls mit so prächtigen und verlockenden Delikatessen wie Büffellende vom Grill und angefaulten Bärentatzen hinlänglich aus; dem sind die Geheimnisse, die jenseits des 14. Lebensjahrs auf ihn warten, üppige Versprechen, und der findet sie auch.

Ich fand die „Göttinnen“ im elterlichen Bücherregal, und zwar in einer Gegend, in der lauter Bücher standen, die damals nicht als jugendfrei betrachtet wurden: vorwiegend Eheberater sowie Bücher aus dem Buchclub, auf denen Bäume ihre mächtigen Arme in den rotglühenden Sonnenuntergang reckten und die verschämt als Urlaubslektüre umschrieben waren.

Meine erste Lektüre der „Göttinnen“ war noch sehr an Karl May geschult. Das heißt im Klartext: knallhart die Landschaftsbeschreibungen überspringen. Angenehmerweise wird gleich auf den ersten Seiten das Thema Christentum, das bekanntlich eine etwas penetrante Rolle bei Karl May spielt und deshalb beim Lesen auch konsequent übersprungen werden mußte, elegant abgehakt und erledigt: Die kleine Violante von Assy, spätere Herzogin und dreifache Göttin, ist zu der Zeit noch ein Kind und wird in ihrem Schloß in Dalmatien, das sie praktisch elternlos und nur mit ihrer Dienerschaft allein bewohnt, von einem ironisch-atheistischen Monsieur Henry unterrichtet, und schon auf Seite 22 ist klar, daß sie von allem, was man ihr sagt, höchstens die Hälfte glauben soll, „und die nur bis auf weiteres“.

Kurz darauf ist die Herzogin einundzwanzig; man kennt unversehens schon eine Menge Leute mit so phantastischen Namen wie Tintinovitsch und Paliojoulai, einen Prinzen Phili, Beate Schnaken, den Baron Ruschtschuk, den Major von Hinnerich oder den Baron Percossini sowie den Marchese San Bacco und den Volkstribun Pavic und viele mehr. Man weiß, daß die junge Frau ein Faible für die Freiheit, Gerechtigkeit, Aufklärung und Wohlstand hat und kein großes Vergnügen an feudaler Ökonomie, daß sie sich aber total verkalkuliert, als sie erstere per Federstrich einführen und letztere auf eben dem Wege abschaffen will: das führt zu einer kleineren Revolte, weil „das Volk“, vor allem aber die Ökonomie anders funktioniert, als die Herzogin weiß und im übrigen auch zu wissen wünscht.

Sie ist also nun einundzwanzig, und jetzt erst bekommen wir sie zu sehen. Sie ist natürlich sehr schön. „Von der Wölbung des schwarzen Haars, das in schwerer Welle zurückgeschlagen war, fiel auf ihre Stirn ein bläulicher Schatten. Im Nacken bogen sich die vollen Flechten. Die Brauen zogen schwache Linien, der Mund lag unbestimmt da, mit seinen aufeinandergeschmiegten, blaß gefärbten Lippen. Aber das Kinn und die Biegung der feinen großen Nase sagten entschiedene Dinge. Der Kopf war farbenarm, doch reich vom Silberzauber des Lichts.“ (91)

Sie war ganz eindeutig eine nahe Verwandte einer anderen Person, deren langes, blauschwarzes Haar in einen helmartigen Schopf geordnet war, schmucklos, stolz, und die sofort erkennbar etwas Besonderes war, schon weil „der Schnitt ihres ernsten, schönen Gesichts römisch genannt werden konnte. Die Backenknochen standen kaum merklich vor; die Lippen waren voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen  Bronzehauch.“ (Winnetou II, 41)

Ob Silber oder Bronze, jedenfalls waren die beiden im weiteren Sinne Geschwister, und im Wilden Westen war die klassische römische Form der Renaissance-Mode am Fin de siècle also ebenso durchgesetzt, wie in die sich nun entfaltende „hysterische Renaissance“, von der in den „Göttinnen“ gelegentlich die Rede ist, ein guter Schuß Wilder Westen sich mischt, allerdings nicht der Wilde Westen mit den guten Roten, sondern eher der von dem Macky Messer mit den Haifischzähnen, einer, in dem aufs fröhlichste betrogen, bestochen, gehurt, intrigiert, konspiriert, verraten und gemordet wird und der beispielsweise so klingt: „Ruschtschuk hatte eine Mätresse vom Theater, und diese hegte den Wunsch, ihren rechtmäßigen Gatten, einen beliebten Schauspieler, im Irrenhaus zu sehen. Der Finanzmann wußte dies den Ärzten einleuchtend zu machen.“ (85)

Die Herzogin von Assy nun – auch darin ihrem großen Bruder verwandt – spielt  in diesem munteren Treiben um sie herum eine etwas außenstehende Rolle, obwohl sie drei Bücher lang auch gewissermaßen der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens ist, das sich in ihren Palästen und Salons und Villen irgendwo vage im Mittelmeerbereich, auch schon mal in Venedig oder Neapel, entfaltet.

Als Diana entfacht sie im ersten Band der Trilogie einen Freiheitstaumel, obwohl sie selbst im Grunde nur Anarchistin aus Laune und Langeweile ist, weil das Geschwätz am königlichen Hofe Koburg sie anödet. Diesen Hof Koburg gibt es natürlich nicht, weder in Wien, noch in Paris, noch gar in Dalmatien, und er ist auch nicht eigentlich königlich; das Geschwätz erinnert in seiner leeren Langweiligkeit allerdings an die dekadenten Salontreffen in Paris, zum Beispiel der Brüder Goncourt, bei denen es ausgesprochen exklusiv und boshaft zugegangen sein muß.

Zu allen Zeiten haben Künstler und Intellektuelle ebenso wie Geheimdienste haupt- und nebenberuflich wesentlich Klatsch betrieben, aber gegen Ende eines Jahrhunderts scheint diese berufsbedingte Unart sich immer nochmal ins Unappetitliche und Zynische hin zu steigern, Heinrich Mann liefert gleich zu Beginn des ersten Bandes eine hervorragende Karikatur der mediokren Vorgänge, und die stolze Herzogin von Assy läßt sich gelegentlich davon einmal amüsieren, zieht im übrigen aber die Augenbrauen hoch und ist dem Geschehen sehr fremd und fern: „‚Immer den Kopf ab’, sagte achselzuckend die Herzogin, und verabschiedete sich.“ (I 99)

Angezogen wird sie vom „Pittoresken“, wie sie selbst sagt, aber man wird wohl die Fürstin Cucuru, eine geldgeile Verkupplerin ihrer eigenen Töchter, weniger pittoresk als eher monströs finden: „ihr Fett hatte die Neigung, in gewellten Klumpen herabzurutschen, von den Wangen auf den Hals, vom Hals auf den Busen, vom Busen auf den Bauch und vom Bauch auf die Beine. Den Stock entlang, an dem die Alte sich aufrecht erhielt, wollte es scheinbar herabfließen, um auf dem Boden einen Brei zu bilden. So stand die Fürstin, schnaufend und heiter äugelnd, vor ihren hohen blonden Töchtern.“ (149) Ausgerechnet an dieser Fürstin Cucuru scheitert die Revolution gegen das Haus Koburg, vielleicht aber auch daran, daß die Herzogin selbst nicht weiß, ob sie Feste gab, um eine Revolution anzuzetteln, oder ob sie durch Verschöwrung und Umsturz ihre Geselligkeit beleben wollte. (104) Eine klitzekleine Denunziation, geschmackvollerweise in französischer Sprache verfaßt, und der ganze Fasching platzt. Und zwar nach einem System, das wir hundert Jahre danach Lebenden kurz vor dem diesmal Millenium getauften Fin de siècle zehn Jahre lang ausgiebig studieren konnten, wenn wir die Börsennachrichten verfolgt und beobachtet haben, wie – nach einer Art hysterischer Renaissance des Kapitals – die nachlassende Euphorie so manche Luftblase durch schlichte Investitionszurückhaltung erledigt hat. Die Herzogin, von dem lügnerischen und unersättlichen Kirchenfürsten Tamburini scheinheilig darauf hingewiesen, daß der Aufstand Opfer gefordert hat, „Tausende, die für Sie geblutet haben, die Tausende, denen Knechtschaft bevorsteht“, erteilt eine kühle Antwort, die auch aus dem Vorstand eines heutigen Konzerns stammen könnte, der über notwendige Entlassungen im Rahmen einer Betriebsfusionierung spricht: „Das Leben von einigen tausend Menschen ohne Sinn und Schicksal ist uns beiden – seien wir doch ehrlich! – völlig gleichgültig.“

Fortan wird sie nichts mehr in die Freiheit des ohnehin unverständlich halbtierhaften Volkes investieren, das zudem übel riecht, sondern in die Kunst. Überhaupt war es ihr eigentlich die ganze Zeit nur ein Schauspiel gewesen, und nicht einmal unbedingt ein angenehmes, wenn sie gesehen hat, wie ihr Agitator, der Volkstribun Pavic, seine populistischen Auftritte hatte, und dann: „Wohin er sich wendete, dahin taumelten die weich gewordenen, willenlosen Leiber all dieser Geschöpfe“, und er, der „entschieden von der Darlegung der eigenen Persönlichkeit nicht abzulenken war“, stand dann in einem „Qualm von Seelen“ (72), während seinen leersten Worten ein Duft entströmte, „fade und berauschend“, „ein ihr peinlicher Duft; aber er wirkte auf sie“ (42).

So ist das mit den Opiaten: der Rausch, den sie erzeugen, ist ein wenig peinlich, aber er wirkt. Und dann hört er irgendwann auf zu wirken.

Dreimal führt Heinrich Mann den Rausch mitsamt der Ernüchterung vor, die schon in seinem Anfang mitschwingt: Nachdem gleich von Anfang an die Religion opiummäßig nicht mehr besonders wirksam war, spielt er einen Band lang die Freiheit durch, dann stößt ihn die Vorstellung ab, die Proletarier aller Länder könnten sich vereinigen, was ja im Freiheitsfalle durchaus passieren und zu einem Zustand führen könnte, der als Sozialismus zu der Zeit anfängt, sich ins zwanzigste Jahrhundert hinein auszudehnen, und der ihm allerdings damals noch äußerst verhaßt ist. Und er geht schleunigst weiter zur Kunst und der Göttin Minerva. Und danach findet er über Botticelli den Weg zum Eros. Die Freiheitsidee nimmt er kurzerhand mit und läßt im zweiten Band eine seiner Lieblingsfiguren, den jungen Nino, erklären, wie das zu denken sei. Nino ist einerseits eine ephebenhafte Engelsfigur und zum anderen so eine Art ästhetizistischer Garibaldianer, und Nino hat eine Theorie: „Wir sind entschlossen, der Freiheit und dem Rechte der Persönlichkeit unser Leben darzubringen und rufen zum Kampfe auf gegen den Sozialismus, der sie beide vergewaltigt.“ (III 162)

 

Wir selbst waren vor einigen Jahren aus dem Osten abgehauen, und was Nino da sagte, klang mir ziemlich vertraut. Aber Nino ging noch etwas weiter und baute sich eine eigene anarchistische Konstruktion: er will nämlich, „daß das ärmliche, aller Schönheit ferne Gefängnis des Sozialismus sich wieder öffnen solle“ (III 163). Auch das leuchtete mir ein, weil es im Osten grottenhäßliche Monumente  und überdimensional scheußliche Bilder von viereckigen Landmännern oder Fabrikarbeitern gab und die DDR schließlich ein Gefängnis war, aus dem man nur per Flucht raus konnte. Aber dann kommen die Herzogin und ihr junger Freund zu dem folgenden Kurzschluß: frei sein heißt schön sein. Dieser Idee, so schwärmerisch wie stürmisch vorgebracht, steht natürlich jegliche Institution, wie etwa der Staat, als Verwaltungszentrale der Freiheit ziemlich lästig im Wege herum, also gehört sie rausgeworfen: „Solange ein Staat da ist, wird er uns zu knechten versuchen“. Das Volk hingegen, das der Herzogin in ihrer Jugend immer wieder unbegreiflich und verwunderlich erschienen ist, wird en passant mit einem einzigen Satz etwas lapidar emanzipiert: „Ein freies Volk gehorcht sich selbst.“ Die Herzogin staunt, als sie diesen Satz hört, der ihr irgendwie bekannt vorkommt, aber es ist inzwischen Jahre her, daß sie ihn selbst gesagt hat (I 65), und sie assoziiert solche Gedanken inzwischen mit der Jugend, die ihr ein „großes Möwengefieder“ ist. Sie schließlich ist jetzt fast alt, irgendwo in der Nähe der Wechseljahre, sie ist inzwischen dem Maler Jakobus begegnet, der sie als Botticelli-Venus zu malen versucht hat, aber dann ist nur das klägliche Abbild des armen Siebelind dabei herausgekommen, desselben Siebelind, der sich auch noch mit einer ziemlich mißglückten Travestie lächerlich gemacht hat; und sie hat die große Bildhauerin Properzia kennengelernt und bewundert, deren Marmorgestalten allerdings von so erlesener Entsetzlichkeit gewesen sein müssen, daß sie es mit jedem sozialistischen Realismus gelassen hätten aufnehmen können: „Der Sturm der verrenkten, brünstigen und hoffnungslosen Leiber wirbelte immer schneller, schauerlich und ohne Atem. Semiramis strotzte, Dido klagte berauschend, Kleopatra, von Lüsten entfleischt, drückte ihre Fingerspitzen auf die harten Knospen ihrer Brüste. Helena wehte dahin, weiß, kalt, unschuldig. Achill, nur der Liebe unterlegen, bäumte sich, und ihm nach sausten Paris und Tristan und mehrere noch und immer mehrere ...“ (II 77)

Und längst hat auch die Kunst aufgehört, berauschend zu wirken, Violante von Assy hat ihr zügig entsagt, die Göttinnen Diana und Minerva hinter sich gelassen und fühlt sich nun außerordentlich stark „zu der bewußten Sache hingezogen“ (II 215), von der das Vollblutweib Lady Olympia ihr vorhergesagt hatte, daß sie sie noch einmal ereilen würde. Und inzwischen, nach zwei Bänden, wundert es nicht mehr, daß die zur Venus gewordene Protagonistin – und ihr Autor – auch die „bewußte Sache“, äußerst ernst nehmen und zu einer Angelegenheit allergründlichster und gewissenhafter Hingabe machen. Und beide nehmen also keinen Anstoß an dem gesellschaftlichen und politischen Zwischenbefund, den San Bacco, der treue Freund der Herzogin von Assy, irgendwo unterwegs, in Band II, abgegeben hat, als er über seine Parlamentskollegen sagte: „Sie haben Unterdrückung und Ausbeutung so fest an Freiheit und Gerechtigkeit gekoppelt, daß man die einen nicht mehr treffen kann, ohne die anderen zu töten.“ (II 164)

Man wird diesen Satz bis vor kurzem, ebenso wie die Herzogin von Assy und ihr Autor, überhört oder überlesen haben, weil er in den diversen Schubladen der diversen Parteizentralen in diesem vernagelten ideologischen Jahrhundert, das wir gerade verabschiedet haben, streng verschlossen im Dunklen lag und sich erst seit kurzem, gerade jetzt anläßlich eines hundertsten Geburtstags einmal regt, als wolle er aus diesen Schubladen raus und ans Licht, aber vermutlich lag er gar nicht im Dornröschenschlaf, weil das schließlich ein Märchen wäre, vermutlich lag er im Koma, und die Welt widmet sich möglicherweise inzwischen längst ebenfalls der „bewußten Sache“, die als fleischige Einschübe ab dem frühen Nachmittag und bis tief durch die Nacht optisch über die global gewordenen Fernsehschirme in zu Wohnzimmern gewordenen Salons einbricht und sich in akustische Sachen verwandelt, sobald man die Telefonnummer wählt, mit der das jeweilige Fleisch ausgezeichnet ist.

Was meine Erstlektüre betrifft, so fand die in einer Zeit statt, in der das Werbefernsehen praktisch aseptisch war und es selbst die Zeitschriften mit den Nackten nur in Dänemark gab, und bei aller Neugier auf die von der Gesellschaft fugendicht gehüteten Geheimnisse jenseits des vierzehnten Lebensjahres wurde mir der dritte Band der „Göttinnen“ zu einer schweren Mutprobe, was nur bedingt mit der Illegalität des nächtlichen Lesevorgangs mittels Taschenlampe zu tun hatte, sondern schlicht damit, daß meine damaligen knapp 45 Kilogramm Lebendgewicht der Wucht der zahllos heranwogenden, anstürmenden und mich komplett erdrückenden weiblichen Körper und der Flut der dazugehörigen ziemlich exaltierten Adjektiven nicht standhalten konnten. Dagegen war die Prachtentfaltung der Flamencopuppe auf dem Jahrmarkt die reinste Askese. Heinrich Mann scheint seinerseits auch hier und da Zweifel gehabt zu haben, ob er nicht ein bißchen zu dick aufgetragen hat: „Zum Teufel mit all den Fleischhackerstudien!“ (I 267), läßt er schon im ersten Band Jakobus Halm ausrufen, und der bringt die Sache eigentlich, noch bevor sie richtig in Gang gekommen ist, genauer auf den Punkt als der brunstkritische Bruder des Autors. Und auch Prinz Phili, der irgendwie in einen der Vorgänge hineingeraten ist, die man damals natürlich noch nicht Swinger-Party nannte, sondern Orgie, kommt an den Punkt, wo er feststellt: „Es kommt nur drauf an, ob man’s aushalten kann. ... Mir is zuviel.“ Immerhin: Heinrich Mann war weder verklemmt noch prüde, und ich wußte zwar nicht, daß da einer einen Vorstoß riskiert hatte in ein Gelände, das den damaligen Zeitgenossen rätselhaft war – Sigmund Freud nannte es den „dunklen Kontinent“ und ging beherzt daran, es zu erforschen – , aber es war mir klar, daß sich im Autor dieses kuriosen und beunruhigenden Befreiungsschlags einiges angesammelt haben mußte, bevor er derartig zuschlug, daß es „aus schweren Bildern eines keuchenden Glücks verfleischt und mit Getaumel über ihn (und den Leser) hereinbrach“ (II 252).

 

Mir war’s, bei allem Schrecken, offenbar nicht zuviel. Als ich später studierte, war es ein Studium der Romanistik, hängengeblieben bin ich bei Stendhal und Flaubert, und am Ende kam es auf die Literatur des Ästhetizismus heraus, auf den drastischen Theophile Gautier, der Heinrich Mann gefesselt hat, und auf Stéphane Mallarmé, den er während der Arbeit an den „Göttinnen“ jedenfalls nicht gekannt haben dürfte, sonst hätte er sich vermutlich kaum an das Unterfangen gemacht, den „dunklen Kontinent“, auf dem Mallarmé längst still und leise gelandet war, mit schwerer Artillerie zu bombardieren: „Man ruhte, die Halle entlang und bei goldenen Schalen, zwischen deren Rand der Wein eine samtene Decke breitete, auf purpurnen Polstern in der Tiefe der weiten Marmorbänke. Am Boden, auf den spiegelnden Quadern, sammelten sich Rosenblätter zu roten Lachen. Die schlanken Füße von Knaben strichen darüber hin. An Eminas und Faridas spitzen Brüsten klirrten Tamburine. Ihre kleinen Handflächen röteten sich vom Schlagen. Große Früchte, die barsten, irgendwo unter den Fingern eines Gastes, sandten ihnen ins Gesicht ihren Saft.“ (III 187) „Die Marchesa Trontola, die die mächtigen Rundungen ihres Leibes über zwei Bänke verbreitete, hetzte gemächlich und lüstern zwei arme und schöne Burschen aufeinander. Sie brachten sich mit silbernen Obstmessern viele kleine Wunden bei und lagen am Ende, die Haut voll dünner, roter Rinnsale, quer übereinander auf den Fliesen. Die schwarze Gardine ihrer Wimpern war fest zugezogen über ihrer tiefen Blässe.“ (III 187) Mallarmé, der wie Heinrich Mann den Umgang mit dem Jugendstil und dem dazugehörigen ornamentalen Dekor pflegte und sich nebenbei ebenfalls auf Faune, Nymphen, antike Götter und einen guten Schuß Exotik verstand, hat – mit einem Würfelwurf quasi – die Grenzen dieser ästhetischen Völlerei sehr genau gesehen und, was ihn betraf, das 19. Jahrhundert mit strengem literarischem Minimalismus und seinem Tod im Jahre 1898 beendet, 56jährig. Heinrich Mann fing da gerade erst an, er sollte weit ins 20. Jahrhundert hineingelangen, und die „Göttinnen“ sind ein Abschied mit Pauken und Trompeten und allem Pomp, den so eine Beerdigung mit sich bringt.

Und danach kommt etwas Neues.

Dieses Neue steht aber schon drin. „Sie spazierte viele Stunden lang in dem gespreizten Garten voll theatralischer Hydraulik. Aber der bockbeinige Liebhaber stand der formenreiche Nymphe ohnmächtig gegenüber: das Wasser sprang nicht mehr.“ ( III 104)

Die Gärten werden geschlossen. Aus Salons sind schon Wohnzimmer geworden. Die Fackeln gehen aus und ein anderes Licht springt an: „Ich habe mich erst in Paris, dann in Rom auf einer Bühne ausgestellt, in Trikot und in elektrischer Beleuchtung.“ (III, 68), erzählt Lilian Cucuru selbstbewußt, und sie ist schon nicht mehr das Cancan-Mädchen eines Jacques Offenbach, sondern ein blauer Engel. Raphael Kalender, auch er wie viele Figuren der Familie Mann, mit sprechendem Namen, ist ihr Manager, er macht die Termine, es geht um Prozente, Künstler und Studenten bekommen Rabatt, Sex ist Geschäft und die Vorführung wird demnächst Striptease genannt. Aus großem Theater ist schon eine Weile vor Karl Valentin Varieté geworden: „Der Komiker schwitzte Abgefeimtheit ... und biß sich dabei auf die heraushängende Zunge, während er fürchterlich nach seiner Nasenspitze schielte, die rot gefärbt war.“ (215)  Im Publikum sitzen Bürger, die in Wahrheit längst Kleinbürger sind, der Untertan ist unerkannt schon dabei, und selbst die Geliebte des Königs ist bloß „eine kleine Schauspielerin, die ... niemand fand, der gern ihre Schulden bezahlt hätte.“ Die Prinzessin Friederike von Schweden hat ganz handfest konservative Ansichten in der Frauenfrage, sie äußert nämlich die Absicht, „auf die Frauen einzuwirken, daß sie nicht mehr aufs Rad steigen, sondern Kompott einmachen“, und macht sich ihrerseits damit hübsch lächerlich, und bei genauerem Hinsehen wimmelt es hinter all den malerisch aristokratischen Namen und Masken bereits von schrägen Typen, die eigentlich aussehen wie ein rohes Beefsteak (117), von lauter superlativer Mediokrität, von kleinen Leuten, Lumpen, Feiglingen, Angestellten, Bankrotteuren, Huren und ihren Zuhältern, Raffgeiern, Prokuristen, Ehebrechern, Erbschleichern und Börsenspekulanten, die so gar nicht ins südländische Genre passen wollen, weil sie nicht der hysterischen Renaissance des 19. Jahrhunderts angehören, auch nicht dem 18. Jahrhundert mit seinen lockeren Sitten und all seiner Frivolität, sondern der Zukunft in einem Land, das Heinrich Mann besser kannte als Italien, auch wenn er glaubte, daß dort seine Heimat sei. War sie aber nicht. „Lübecker Gotik und ein Schuß Latinität“, diese Mischung bescheinigte Thomas Mann seinem Bruder 1931 in der Rede zu seinem 60. Geburtstag.

Und selbst seine dreifache Göttin, seine Violante, da kann er sich noch solche Mühe geben und sie mit Hochmut, Einsamkeit, Schönheit und Winnetou-Mähne ausstatten, fährt ihm wunderbarerweise immer wieder in die Idealisierung hinein mit einer durchaus derben und irdischen Eigenschaft, die ich erst spät an ihr entdeckt habe und – ebenso wie ihre Freundin Blà, die dazu leider keine Begabung hat und daher schon am Ende des ersten Bandes an Liebeselend sterben muß – sehr liebe: Sie lacht sich eins. Und wenn ich mich nicht irre, ist es nicht das Lachen eines Zeus, überhaupt nichts Göttliches, sondern das ganz irdische Lachen einer Frau, die einiges durchschaut: es ist mal laut (I 138), mal schallend und unerschöpflich (98), manchmal verächtlich (263) oder herzhaft (II 48); über ihren mafiosen Diener Muzio und seine Machenschaften lacht sie bis zum Ersticken (113), und sie kann herrlich spotten über die vielen Kleinbürgerparodien, die ihr der Autor mit seiner ungeheurlichen satirischen Begabung auf den Lebensweg mitgibt, ausgesprochen lakonisch, wenn er nicht gerade Ekstase gestaltet. Und weil aber auch er einiges durchschaut, läßt er den Maler Jakobus sogar die tiefe Ungeheuerlichkeit der bewußten Sache erfassen und formulieren, und so gesehen, ist sie dann weniger ein göttliches als vielmehr ein sehr männliches Problem: „Ich hocke auf ihrer Leidenschaft wie ein Äffchen auf einem Kriegselefanten.“

Wie Prinz Phili zusammenfassend bemerkt: „Dös san Gschichten.“ (III 117)

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