Melusine Huss in memoriam und der Jastram-Buchhandlung zum 10. Geburtstag

Melusine Huss war Geschäftsführerin in der Uni-Buchhandlung in Frankfurt. Sie hatte vermutlich jedes Buch, das sie verkaufte, gelesen. Jedenfalls die, die ich kaufte. Eines Tages flog sie raus. Seitdem setzte ich keinen Fuß mehr in den Laden. Die Uni wußte, was sie an ihr hatte, und bestellte von da an woanders. Frau Huss fehlte fürchterlich, und schließlich brachte man sie auf die Idee, einen eigenen Laden zu gründen, damit die Uni die durch ihre Abwesenheit entstandene Bildungslücke nicht selber schließen musste und fortan ihre Bücher wieder bei ihr bestellen konnte. Die Huss’sche Universitätsbuchhandlung wurde nach ihrem Tod unter Lesern zur Legende. Sie war ein Sesam-Öffne-Dich zu allem, was ich liebte, brauchte, wollte, und jedes mal wenn ich den Laden verließ, wußte ich noch mehr davon, was ich liebte, brauchte und wollte, weil der Trick von Frau Huss darin bestand, dass sie von jedem, der durch die Tür trat, genau erriet, was er liebte, wollte und brauchte, ganz gleich ob es die Dialektik der Aufklärung oder Geschenkpapier war. Sie wußte auch, dass Studenten nicht für alles, was sie lieben, brauchen und wollen, das nötige Bargeld haben. Die setzte sie mit einem Buch und einem Kaffee in eine kleine Sofanische und ließ sie einfach da sitzen. Kleine Kinder durften auf den Leitern hoch turnen, während die Mütter in Jane Austen blätterten und davon träumten, weiter studieren zu können, wenn die Kinder größer wären. Bis es so weit war, hatte Melusine Huss die Kleinen längst an den Stoff gebracht.

Sie starb plötzlich. Von einem Tag auf den anderen. Und sie war unersetzlich.

Ein Jahr später, als ich den Bachmann-Preis bekam, war mein erster Gedanke: Sie wäre schrecklich stolz auf mich gewesen und hätte es keineswegs gezeigt, sondern nur so komisch an ihrer Brille herum geruckelt. Das machte sie immer, wenn sie gerührt war.

Das ist bald zwanzig Jahre her, und danach kam eine Zeit der Diaspora. Vor zwölf Jahren entstand in Meldorf die Buchhandlung Peter Panter. Meldorf ist eine sehr kleine Stadt oben links am Rand von Deutschland, und kein Mensch hatte bis dahin einen Bedarf an Peter Panter, aber Jan und Alexander hatten eben auch einen Trick, und heute wissen die Leute in Meldorf und bis weit um Meldorf herum, was sie lieben, brauchen und wollen, und manche kommen von Kiel herüber, um auf dem alten Sofa mit der uralten Häkeldecke zu sitzen, Kaffee zu trinken, die Lage in Dithmarschen und der Welt zu besprechen und Bücher zu kaufen, und Autoren erstaunen ihre Verlage, wenn sie sagen, sie möchten die Einladung nach Meldorf jedenfalls annehmen, obwohl die Bahnstrecke dorthin noch immer nicht elektrifiziert ist und man im Herbst dort mit dem Duft der Sauerkrautfabrik zu kämpfen hat. Dann lesen sie in der alten Holländerei, in die kaum vierzig Leute reinpassen und die aussieht wie ein Gemeindehaus, und wahrscheinlich ist sie auch ein Gemeindehaus, aber jeder von ihnen würde am nächsten Tag wieder dort lesen, lieber als im schönsten Literaturhaus der Welt.

Peter Panter in Meldorf habe ich 1995 kennengelernt, im selben Jahr wie meine dritte und jüngste Lieblingsbuchhandlung, die man zu ihrem 10. Geburtstag gehörig feiern und mit Glückwünschen überschütten soll. Da passen auch kaum vierzig Leute rein, aber Samy Wiltschek hat einen ganz speziellen Trick. Der schafft es, alle Bücher, die man immer schon mal lesen wollte, auf kaum 100 Quadratmetern einfach ganz lässig da stehen zu haben, also praktisch die ganze Bibliothek von Babel. Das könnte einen in Versuchung bringen, in Ulm wohnen zu wollen, seine Vormittage bei Jastrams zuzubringen, von Kaffee auf Tee umzusteigen und allem Fleische zu entsagen, jedenfalls dem auf dem Teller. Muss man aber gar nicht, weil Samy noch einen zweiten und meines Wissens in der Branche einzigartigen Trick auf Lager hat: er hat seit Jahren schon gewusst, dass die Kombination aus Internet und der guten alten Post mit ihren gnädigen Büchertarifen sogar Leute, die in Südfrankreich leben, zu Stoff kommen lässt, eine Idee, von der man auf den ersten und sehr oberflächlichen Blick meinen könnte, es sei ungefähr die von Amazon oder Bol, aber das ist ein gewaltiger Irrtum. Samy Wiltschek weiß nämlich sogar von Leuten, die nicht täglich durch die Tür seines Ladens treten können, was sie lieben, brauchen und wollen, und also freue mich seit Jahren darüber, dass ich hierbleiben kann, wo der Briefträger die Pakete der Buchhandlung Jastram mit einem dreifachen Hupen schon von weitem ankündigt, und uns nicht ausgerechnet in dem Augenblick nach Ulm ummelden musste, als mein Sohn die französische Sprache gerade draufhatte.

Samy und dem Laden alles Gute!

 

 

 

 

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