"Meistens passiert ja auch nichts.

Manchmal aber doch. Plötzlich tut sich ein Abgrund auf, und dann ist man schon einen Schritt weiter, mitten im Abgrund, im Sturz, aus dem es keine Rettung gibt. Wer es erlebt hat, vergißt diesen Bruch in der Wirklichkeit nicht. Erstaunlich viele Leute trifft man, die darum wissen, die überlebt haben, was nach menschlichem Ermessen nicht zu erleben war. Ihre Lebensgeschichte hat einen tiefen Einschnitt, der das Vorher vom Seither scheidet. Sie erinnern sich nicht oft an jenen Moment, doch gelegentlich schießt die Erinnerung hoch, manchmal hilft man ihr sogar auf die Sprünge." (Johannes Groschupf, Am Tag, als ich vom Himmel fiel, in: "Die Zeit" vom 8. August)

Dieser Satz eines Mannes, der einen Hubschrauberabsturz überlebt und Jahre später darüber berichtet hat, wie das war, fiel mir während des Nachdenkens über Inge Müller in die Augen.

Inge Müller ist nicht vom Himmel gefallen. Ihr und anderen ist Berlin auf den Kopf gefallen, Sie, meine Damen und Herren, wissen das, Sie kennen die Geschichte, sonst wären Sie wohl nicht hier, und wieder anderen sind andere Städte auf den Kopf gefallen, nicht aus heiterem Himmel, sondern aus jenem, den ein anderer Zeuge, Primo Levi, am 26. Januar 1944 so gesehen hatte:

"... tausende von Metern über uns, in den Lücken zwischen den grauen Wolken, vollzogen sich die komplizierten Wunder der Luftduelle. Über uns Nackten, Ohnmächtigen, Wehrlosen suchten Menschen unserer Zeit sich mit den raffiniertesten Instrumenten gegenseitig umzubringen. Eine Fingerbewegung von ihnen konnte die Zerstörung des ganzen Lagers bewirken, konnte Tausende von Menschen vernichten, doch die Summe aller unserer Energien, all unseres Wollens hätte nicht ausgereicht, das Leben auch nur eines einzigen von uns um eine Minute zu verlängern." (Ist das ein  Mensch, 178)

 

Wer ein Jahrzehnt später in Deutschland geboren ist, in dessen Kindheit kamen lauter Menschen vor, die sich nicht oft an jenen Moment erinnerten, tatsächlich aber schoß gelegentlich die Erinnerung hoch. Manchmal kam jemand wegen solcher hochschießenden Erinnerung in die Psychiatrie, das konnte Depression genannt werden, es kamen Zustände vor, zu denen man damals endogene Psychose sagte, auch halfen sich welche mit Tabletten und Alkohol darüber oder brachte sich einer um. Es gab, mindestens im westlichen Teil Deutschlands allerdings auch andere: Kriegshelden, die erinnerten sich gern (die meisten von ihnen fuhren tagelang Straßenbahn: kaum stieg man in eine Straßenbahn, war auch schon gleich ein Kriegsheld drin, half seiner Erinnerung auf die Sprünge und und schoß damit herum). Keiner war aber bekanntlich Nazi gewesen, keiner in der Partei, und irgendwie waren sie alle arm dran gewesen und taten den Kindern leid wegen der vielen Toten, Soldaten- und zivilen Leichen und der Verstümmelungen und Kriegsgefangenschaften und des Hungers und der gestohlenen Jugend und den geklauten Kohlen, und nachdem sie den Kindern lange leid getan hatten, gingen sie ihnen auf die Nerven.

Das hatte vor allem zwei Gründe, von denen der erste hier nicht so wichtig ist, nur erwähnt soll er werden - die Erinnerungen mischten sich häufig ungut in die Leben der Nachfahren ein, nämlich vorwurfsvoll, so als sei das Erlebte, das doch Leiden, Verlust, Entbehrung und Dreck gewesen sein mußte, zugleich ein persönlicher Verdienst dessen, der das erlebt hatte, ein Verdienst, zu dem es die schwache nächste Generation, verwöhnt und wohlgenährt, wie sie war, nicht bringen würde.

Darum soll es also hier nicht gehen, es ist ja schon sehr oft darum gegangen, sondern es soll um die sonderbare Form gehen, die diese hochschießenden Erinnerungen sehr häufig annahmen.

Sie waren nämlich ein- für allemal der unveräußerliche Besitz dessen, der sie mitteilte, oft bruchstückhaft, tatsächlich nur ein Hochschießen, es gab Splitter, es gab Lückentexte, es gab Anekdoten, grausige Anekdoten waren darunter, die dem Erzähler gehörten und dennoch unbeherrschbar waren; mit den Jahren und Wiederholungen wurden sie zuweilen stereotyp, und manchmal aber auch wurde das manisch, es waren manische Monologe darunter. Kaum jemand meiner Generation wird sie nicht noch im Ohr haben. Das gemeinsame Kennzeichen all dieser Erinnerungen war jedoch: sie waren eingeschlossen, nicht zu befragen, nicht zu betreten, unveränderlich, resistent gegen später Erfahrenes, Erlebtes, zugesperrt. Sie wollten nichts an den anderen bringen, ihm mitteilen, sie waren für sich und blieben, oft unter Qualen derer, die erzählten, bei sich, bei dem Absender, ganz ohne den Adressaten, den sie sich dabei offenbar gar nicht ausgesucht hatten, sondern der es eben gerade war, weil er dabeisaß. Zugleich aber war der, der dabeisaß, doch auch angesprochen, dringlich, ja, oft flehentlich, meistens vorwurfsvoll. Das wurde aber nie ein Gespräch, denn die hochschießende Erinnerung verlangte immer ungeduldiger Erlösung, und der, der dabeisaß und sich jung und wohlgenährt und verwöhnt wußte, brauchte viel Geduld und die Einsicht, daß er keinesfalls die Instanz für Erlösung sein würde. Gelegentlich wurde aus dieser Geduld, da sie offenkundig zu keiner Erleichterung führte, eine leise entnervte Gleichgültigkeit, begleitet von schlechtem Gewissen, .

Juden übrigens kamen weder in  der deutschen Wirklichkeit noch in den hochschießenden Erinnerungen einmal vor.

 

Zwanzig Jahre später.

1986, konnte man in der Bundesrepublik eine Auswahl von Inge Müllers Gedichten unter dem Titel "Wenn ich schon sterben muß" zum ersten Mal lesen. Mich erreichte das Buch erst drei Jahre später, im Sommer 1989, und zwar auf einem sonderbaren Weg, über ein anderes Buch, die Sammlung "Todeszeichen. Freitod in Selbstzeugnissen", die Gabriele Dietze herausgegeben hatte, während ich selbst gerade daran saß, Bettel- und Brandbriefe von Schriftstellern zu sammeln und in derselben Sammlungsreihe desselben Verlags zu veröffentlichen. Mir ging es damals darum, prophylaktisch einen möglichst genauen Überblick über die Berufsrisiken zu gewinnen, die einer zu gewärtigen hat, der den Griffel in die Hand nimmt, gegen Ende dieses Jahrhunderts, wohlgemerkt, und der Verlag hatte mir freundlicherweise ein Exemplar der kurz zuvor erschienenen Anthologie zur formalen Orientierung zukommen lassen.

So machte ich mit einem Schlag und Schreck die Bekanntschaft nicht nur mit Inge Müller, sondern zugleich mit Hertha Kräftner und Anne Sexton. Sylvia Plath kannte ich schon, Unica Zürn kannte ich schon, auch jene Selbstmörder, die für Inge Müllers Arbeiten wichtig waren. Nach einem Text von Majakowski kam ein Gedicht von Marina Zwetajewa über Majakowski und anschließend jenes von Inge Müller, das auch "Majakowski" heißt und das inzwischen möglicherweise berühmt ist und den Untertitel "Nach Wolke in Hosen" hat. Und Ringelnatz. Und sehr viele andere.

 

Ich erzähle Ihnen das wegen des besonderen Umstands meiner Bekanntschaft mit Inge Müller, der etwas Beklemmendes hat, denn im Grunde ist es makaber, sich einer Gedichtsammlung von der Tatsache her anzunähern, daß die Autorin sich umgebracht hat und mit vielen anderen, die das je für sich selbst und einzeln, einsam, in ihrer je eigenen Lage und aus ihren je eigenen Gründen auch gemacht haben, in einem Buch zusammengebracht ist. Nach der Lektüre des Bandes schien mir, daß Selbstmord auch zu den Berufsrisiken eines Schriftstellers gehört. Ich kaufte mir die Gedichte von Inge Müller und fing vorne bang zu lesen an.

 

Das erste Gedicht des Bandes "Wenn ich schon sterben muß" beginnt  folgendermaßen :

"Meine Mutter wollt mich nicht haben

Sie wollte einen Sohn

Und da kam ich schon

Und mein Bruder war noch nicht begraben.

Weil in der zweiten Strophe gleich steht, "Deutschland, alte Mutter", fiel mir auf, daß die erste Strophe, jedenfalls in drei ihrer Zeilen rhythmisch (nicht inhaltlich) auf ein anderes Gedicht anspricht, das auch von Deutschland handelt. Hören Sie, wie das klingt, wenn ich beide Gedichte ineinanderschiebe:

 

"Im traurigen Monat November war's." (Heinrich Heine)

"Meine Mutter wollt mich nicht haben" (Inge Müller)

"Die Tage wurden trüber," (Heine)

"Sie wollte einen Sohn" (Müller)

 

Die letzten Zeilen der ersten Strophe laufen bis auf die erste Silbe parallel:

"Und mein Bruder war noch nicht begraben" (Müller)

"Da reist ich nach Deutschland hinüber" (Heine)

 

Ich war entzückt, daß hier ein Gedicht gewissermaßen musikalisch auf das Wintermärchen antwortete (später spricht es das an: "Unsere Denker und Dichter/Mußten immer gehn), und dann kamen die Kanonen, und ich folgte der Sache drei Strophen lang, dachte in der dritten Strophe flüchtig, nur sehr flüchtig Brecht und hätte lieber an Tucholsky gedacht, vielleicht wegen des Berliner Tons, der mich von sehr fern daran erinnerte. Sie geht so:

 

"Fritz und Krupp und Karl der Starke

Geheiligte Nation

Ja wir wissen schon

Das ist unsere Welt Weltmarke."

 

Mit der vierten Strophe war dann alles vorbei.

 

"Und die Welt ging in Scherben

Deutschland eine Scherbe davon

Die Scherbe der Nation

Favorit beim großen Sterben."

 

"Nein" steht dick mit Bleistift in meiner Ausgabe neben dieser Zeile: Die Welt ging nicht in Scherben, einfach so wie eine Tasse in Scherben geht und wie es so viele Texte der deutsch/deutschen Nachkriegsliteratur immer und immer wieder bis in den Deutschunterricht hinein glauben gemacht haben, und der Geschichtsunterricht übernahm die scheußliche Metapher sehr gern, ein griffiges, bequemes Bild.

Aber nähmen wir an, dieses Bild bezöge sich, wie vieles bei Inge Müller, allein auf das Jahr 1945, assoziieren wir Scherbe mit Trümmer, auch dann kann Deutschland nicht eine Scherbe wie die anderen sein, es sei denn, man möchte vergessen machen, wer die Sache verursacht hatte.

Und Favorit beim Sterben war Deutschland auch nicht, obwohl sich Sterben auf Scherben reimt: das waren, den grausamen Zahlen nach, die Russen. Favorit beim Töten wäre die Formulierung gewesen, es kommen ja die anderen noch dazu, die Juden, die Polen, die Jugoslawen und die Griechen und die Engländer und.

 

So begann meine Bekanntschaft mit Inge Müller. Gereizt meinerseits, weil ich an das Gefühl entnervter Gleichgültigkeit gegenüber der Kriegsgeneration erinnert war, von dem ich Ihnen oben erzählt habe, und natürlich das schlechte Gewissen.

Ich floh zu Heine und las erst viel später und voller Skepsis weiter. Alles ganz schnell. Und da war, so sehe ich an meinen Anmerkungen, neben Gedichten, die mich hellauf empört haben, dann doch vieles, was ich mir merken wollte:

In dem Gedicht von dem kleinen Ich-Mädchen, das mit vier Jahren aus dem Neubau abhaut, weil - "Meine Mutter wollt mich nicht haben, ich wollt die Mutter nicht" - , ist es zum Beispiel der leise komische Schluß:

"Ich biß den Gendarm, er nahm mich auf den Arm

Da stimmte gar nichts."

Kurz darauf, in "Rendevous 44", eine Frage mit lauter Alliterationen und einem unmöglichen Passiv: "Wann wird was wir wolln gewollt?"

Ich weiß nicht, warum das so ist, aber die Alliterationen auf W sind die absurdesten, schönsten und traurigsten, die es gibt, und dann ist die ganze Frage sowieso sinnlos, eine Kinderfrage, denn es kann ja gar nicht gewollt werden, das Wollen braucht ein Subjekt, das will, ohne Subjekt gibt es kein Wollen, und der folgende Reim antwortet auf die verquere Kinderfrage sehr genau mit einem verrutschten Kinderreim:

"Als ich kam warst du geholt". "Gewollt-geholt". So reimt Inge Müller oft, es ist ihre große Fähigkeit, was wehtut, in der Sprache wehtun zu lassen.

Kurz darauf, in dem Gedicht Lebenslauf, noch einmal das W, das auch hier wieder durch die vielen weichen Laute den folgenden Schreck verstärkt: "Da war was die Welt war türlos".

Die Welt war aber nicht nur türlos, nachdem der Himmel umgefallen war, sie war hauslos. Nach dem Bombenangriff.

 

"Ein schöner Morgen! Kein Baum vorm Haus mehr

Und kein Haus steht mehr unter den Bäumen."

 

Unmittelbar nach den drei bekannten Schuttgedichten steht dieser Zweizeiler, lapidar über Kreuz gearbeitet, und er klirrt. Das Motiv "kein Haus" taucht in "Fallada 45" und in "Liebe 45" wieder auf, aber nie mehr so kalt wie in diesem knappsten Gedicht von Inge Müller, in dem kein Mensch zum Haus mehr vorkommt und kein Reim die idyllische Härte des "schönen Morgens" mildert und alles nach dem Ende stillsteht.

 

Ich überspringe in meiner Lektüre einige wichtige Gedichte, zu denen kluge Aufsätze vorliegen, und finde die nächste Anmerkung auf Seite 37.

 

"Sie hatten kein Haus. Sie hatten kein Bett.

Sie liebten sich draußen vorm Tor."

 

So beginnt "Liebe 45", und man kann gar nicht anders, man muß das kleine Gedicht einfach nach der Melodie der Ballade von der Hanna Cash pfeifen - hören Sie:

"Kein Kleid war arm, wie das ihre war

Und es gab keinen Sonntag für sie"

Auch syntakisch und überhaupt ist Brecht da: Was bei Inge Müller anfängt:

"Sie hatten kein Haus, sie hatten kein Bett", heißt dort

"Die hatte keine Schuhe und die hatte auch kein Hemd".

In der dritten Zeile allerdings, wenn in Inge Müllers Gedicht die Stadt den Bombentod stirbt, erstirbt einem auch die "Hannah Cash, mein Kind, mit ihrem lieben Mann" von den pfeifenden Lippen.

Und genau in dem Moment ist man gegen einen von beiden eingenommen (keiner läßt sich gern ein Lied von den Lippen holen). Ist man es aber gegen den Brecht'schen Gassenhauer, diesen Ohrwurm von einer Liebesschnulze, oder gegen den Vierzeiler, der sich listig, den - geben wir es zu - niedlichen und herz- wenn auch nicht weltbewegenden Schlager zu seinem eigenen Thema singt, bis er uns im Hals steckenbleibt?

Der Mond schließlich, der in der Schlußzeile rot überm Rauch hervorkommt, das ist endgültig nicht mehr der alte Bilbao-Mond nach der Melodie:

"Und der rote Mond schien durch das Dach",

obwohl auch der Berliner Mond 45 durch die Dächer schien, sofern da noch Dächer waren, aber das war nicht mehr "die Musik von damals", das Schönste, das Schönste auf der Welt. Ein eigentümliches frühes Verfahren von Inge Müller jedoch besteht darin, auf der Melodie einer "Musik von damals" einzusetzen, das alte Lied jedoch dann wie achtlos aufzugeben, genau in dem Moment, in dem es anfängt, eine Geschichte zu erzählen, und danach läßt sie ihr eigenes Gedicht abrupt stürzen. Und obwohl das, was dann kommt, oft von ganz anderem, furchtbarem Stürzen spricht, sehe ich beim Lesen, vielleicht wegen der anfänglichen "Musik von damals", wegen der dahingeträllerten Melodie, ein kleines Mädchen, das eine Hand losläßt, hinfällt und sich die Knie aufschlägt.

 

In meiner Ausgabe von "Wenn ich schon sterben muß" finde ich nach "Liebe 45" außer gelegentlichen Reimverweisen nur noch drei Anmerkungen: Das Gedicht "Freunde" ist angekreuzt, und

untendrunter steht in schrägen Buchstaben: DDR. Das muß sich auf eine Geste beziehen:

"Die Gardine zur Seite schieben."

Vielleicht auch auf den Schluß:

"Und geh und wasche für morgen

Die Teetassen ab."

Das sind wohl Bilder, die ich bei gelegentlichen Besuchen aus einer anderen Neubauwohnung in Friedrichsfelde in den Westen mitgenommen und hier wiedergefunden habe.

Dann noch steht da "Wolke in Hosen", (Majakowski Bd. II.1), und in Inge Müllers Gedicht "Nach Wolke in Hosen" habe ich einen Satz unterstrichen:

"Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang",

der, obwohl oder weil seinerseits eine "Musik von damals", eine Leihgabe von Georg Heym, für mich seither die ganze Inge Müller bedeutet: "Tot ist stumm", und da sitzen nun ihre Toten, Tote, die nicht mit ihr sprechen, sie nicht halten, nicht aufheben, die der von Unruhe gepeinigten Überlebenden nur stumm bedeuten, ruhig zu sein, geduldig, so viel Geduld zu haben, wie man zum Stricken braucht, zum Zuhören, Warten, zum Arbeiten, zum Schreiben oder zum Herstellen von etwas, das wärmt. Aber für wen?

Und dann höre ich aber auch noch: Immer an der Wand lang (wieder gepfiffen), spüre ihre Lust am Gassenlied, an der schrägen Berliner Melodie.

Wenn es  bei Majakowski heißt:

"Ach, ihr Sohn, Mutter,

ist wundervoll krank",

so wird bei Inge Müller daraus die universalisierte Formulierung:

"Die Welt ist wundervoll krank", die Toten sitzen (hier setzt die Melodie ein) ... immer an der Wand lang, der Reim "krank/entlang" ist müllerhaft schief, wie ja auch die gepfiffene Zeile nicht zur Krankheitsdiagnose und den strickenden Toten stimmt, wie ja auch die gegen die wundervoll kranke Welt gewendete Aufforderung "Dagegen neu gewinnen (beginnen)" ganz unverhohlen das "Auferstanden aus Ruinen" mit einem ebenfalls schiefen Reim: "gewinnen/beginnen/ Ruinen" parodiert, und nun lese ich Ihnen den Schluß des Gedichts noch einmal im Ganzen vor, aber zunächst einmal Majakowski:

"Ich fühl:

daß mein "Ich"

mich klemmt und beengt;

daß irgendwer ausbricht, beharrlich es sprengt."

Dagegen Inge Müller:

"Ich fühl es:

Mein Ich ist zu klein für mich

Jemand sprengt es von innen

Mutter, dein Sohn ...

Die Welt ist wundervoll krank

Dagegen neu gewinnen (beginnen)

Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang.

Außen wird innen

Am Berggipfel Kreuz und Bank."

Das "Ich", das bei Majakowski "klemmt und beengt", so daß irgendwer vom  Innen zum Außen, zum Ausbruch gedrängt wird, so daß ihm schon wenige Zeilen später "Flammen aus allen Sinnen schlagen", ist bei Inge Müller "zu klein für mich", und daß es gesprengt wird, führt - "Die Toten sitzen strickend an der Wand entlang" - ganz genau nicht von innen nach außen, sondern zur entgegengesetzten Bewegung, "Außen wird innen", und schließlich sind da "Am Berggipfel Kreuz und Bank". Still wird es da sein, während Majakowskis Gedicht viele Seiten lang tobt, bevor es gegen die "Flügeltragenden Galgenbrüder" da oben noch einmal die Fäuste schüttelt - "ihr werdet nie mich ruhiger sehn", und dann erst, noch darin voller Hohn, diese villon-artige Bewegung vollzieht:

 

"He, ihr!

Himmel!

lüftet den Hut!

ich komme!! -

 

Stumm wie die Toten."

 

Aber da ihm die Bewegung vom Außen ins Innen ganz fern ist, schließt es nicht am Berggipfel und  nicht mit Kreuz und Bank, sondern keck, sozusagen mit allem Zack und Zeck:

"Das Universum ruht;

sein mit sternzackigen Zecken bestecktes

Riesen-Ohr auf den Pfoten."

 

Eine letzte Lektürenotiz aus dem Jahr 89 steht am Rand des folgenden Gedichts:

 

"Ich hab sie gesehen: Menschen.

Ohne Gott. Ausgeliefert

Und still.

Sein werd ich nicht mehr.

Es ist viel

Wenn sie sich erinnern.

Und keine Literatur."

 

Benn, habe ich daneben geschrieben, und heute, wenn ich das überprüfe, weiß ich nicht, ob ich mich damals geirrt habe, als ich eines meiner frühen Lieblingsgedichte meinte wiedererkannt zu haben, ein spätes Benn-Gedicht, es ist 1955 entstanden und heißt: "Menschen getroffen". Am besten, ich lese Ihnen die Teile des Gedichts vor, an die ich erinnert war, es sind der Anfang und der Schluß:

 

"Ich habe Menschen getroffen, die

wenn man sie nach ihrem Namen fragte,

schüchtern - als ob sie garnicht beanspruchen könnten,

auch noch eine Benennung zu haben -

"Fräulein Christian" antworteten

      ...

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,

woher das Sanfte und das Gute kommt,

weiß es auch heute nicht und muß nun gehn."

 

Daß es nicht einfach ist, einen Namen und mit dem Namen ein Recht auf das Da-Sein zu haben, davon hat die Literatur schon immer, aber in unserem  Jahrhundert noch etwas öfter und etwas anders als immer gehandelt, ich erinnere mich - ohne das jetzt zur Hand zu haben, daran, noch in der siebziger Jahren gelesen zu haben, daß es eine sehr große Kunst von Patricia Highsmith sei, ihren Figuren Niemandsnamen zu geben, ich glaube, war Handke, der das an ihr bewunderte, und viele Jahre zuvor hatte Ingeborg Bachmann ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen "Der Umgang mit Namen" mit dem wunderbaren Schlußsatz zu der Fähigkeit Marcel Prousts beendet:

... "er  hat sie (die Namen) mit Bedeutung erfüllt, aufgeladen, und hat zugleich ihre Leere bewiesen, sie als leere Hülsen weggeworfen, als Anmaßung eines Eigentums gebrandmarkt." (Bd.4, 254)

Nur wenige Jahre vor dieser Vorlesung war da also Benns schüchternes "Fräulein Christian" mit ihrem Zweifel am Anspruch auf einen Namen, und um die Zeit etwa muß das folgende Gedicht von Inge Müller entstanden sein - "Meine Liebe":

"Sie war immer ganz

Sie hat mich zerrissen

Sie hat mir Namen gegeben

Ich hab die Namen vergessen." (38)

Das ist immerhin ein ungewöhnlicher Vorgang, daß da jemand seinen Namen nicht von einem anderen empfängt oder sein Name ihm durch einen anderen verweigert wird oder er die Rechtmäßigkeit seines Namens bezweifelt, sondern daß er, kurzum, möchte ich sagen, seine eigene Liebe (zu wem? wohin? Ist Liebe nicht eine Bewegung von innen nach außen, vom Ich zum Du, vom Absender zum Adressaten) zur namensgebenden Instanz für sich selbst ernennt, sozusagen paternalisiert oder gar sakralisiert, denn das war ja der Ursprung des Nennens einmal. Und damit nicht genug, nach diesem eigentümlichen, hochmütig-authistischen Vorgang, daß eine Liebe nicht dem Geliebten, sondern sich selbst Namen gibt, vergißt der so Selbstbenannte die Namen wieder, offensichtlich hat ihn der Name nicht erfüllt, kein Du kommt vor, er wirft den Namen weg und begibt sich, anders als das an seinem Namen nur zweifelnde Fräulein Christian, selbst in die Namenlosigkeit.

"Sein werd ich nicht mehr", heißt es danach knapp in dem Gedicht der dreißigjährigen Inge Müller, das ich Ihnen oben vorgelesen habe und das mich an Benn erinnert hat, während in der Schlußzeile des alten Mannes "Weiß es auch heute nicht und muß nun gehn" nicht die Rede vom Erinnertwerden eines Ich nach dem Tode ist ("Es ist viel/Wenn sie sich erinnern", heißt es bei Inge Müller), sondern der, der nun gehen muß, im Gehenmüssen bedauert, auf seine Frage, die Frage nach der Herkunft des Sanften und Guten, keine Antwort gefunden zu haben.

Es gibt bei Sappho viele Verse, die vom Vergessen- oder Erinnertwerden handeln; hier zwei, die die Spanne wiedergeben:

"Wenn gestorben du liegst: nimmermehr wird jemand

          gedenken dein

noch sich sehnen dereinst ..." (29)

Und dann dieser:

"Sich erinnern wird, sage ich, manch einer noch an uns." (62)

 

1989, als ich Inge Müller zuerst las, wußte ich nicht, daß sie sich mit Sappho beschäftigte, die Gedichte in dem Band sind unkommentiert.

 

Eine Verlegenheit, nein, das war doch mehr als eine Verlegenheit, ich sprach oben im Zusammenhang mit der Sammlung "Todeszeichen" davon, entstand bei der Lektüre des Nachwortes von Richard Pietraß: Diesem Nachwort sind zwei Zeilen von Paul Celan vorangestellt, und kurz darauf folgt dieser Satz, der, gewiß in bester Absicht geschrieben, gleich drei Unstatthaftigkeiten enthält, die alle drei von späteren Kommentatoren Inge Müllers unverzüglich nachgemacht worden sind: "Wer wissen möchte, was Inge Müller ertrug, dem wird wie bei Paul Celan oder dem ihr wahlverwandten Wladimir Majakowski eine bündige, weitere Fragen abschneidende Antwort nicht zu geben sein."

Der Satz müßte nicht kommentiert werden, wenn seine Irrtümer nicht bis heute unwidersprochen geblieben wären. In meinem Buch steht ein doppeltes Fragezeichen an dem Rand der Zeile, die den Vergleich enthält: "wie Celan". Womit ich mich, nicht ohne Fassungslosigkeit, fragen wollte, wie dieser unanständige Vergleich zustandekommen konnte, dieses frivol identisierende "Wie". Weder will ich wissen, was Inge Müller ertrug, noch was Paul Celan ertrug, aber ohne es wissen zu wollen, weiß ich doch, daß das, was der Jude Celan zu ertragen hatte, durch kein "Wie" der Welt an das zu koppeln ist, was etwa die Lebensnot von Inge Müller ausmachen mochte.

Unter der Hand legt dieses vergleichende "Wie" aber nicht nur nahe, daß unvergleichbare Lebensnot "eigentlich" gleich sei; auf diese Weise wird Inge Müllers Not - ohne jeglichen Anlaß, aber zu einem leicht begreifbaren Zweck - zu einem jüdischen Leiden stilisiert; sondern das "Wie" suggeriert, und so ist das auch aufgefaßt und herausgefischt worden, daß es womöglich etwas Vergleichbares in den Texten gäbe. Das ist, wie jeder leicht sieht, der lesen kann, blanker Unfug, und zwar ein Unfug, der Celans Texten natürlich nichts anhaben kann, wohl aber denen von Inge Müller, die auf der Stelle schlechter werden, als sie sind, wenn ihnen ein Rang zugeschrieben wird, den sie nicht haben.

Inge Müller selbst hat der Versuchung, ihre Not zu judaisieren, nicht widerstanden. Hören Sie das folgende Gedicht, eines der letzten des Bandes "Wenn ich schon sterben muß":

 

"Vielleicht werde ich plötzlich

   verschwinden

Weil die Luft nicht mehr reicht

Und nicht aufzufinden

Ist die Leich." (115)

 

Anders als die vielen Millionen Leichen, auf die dieses Gedicht mit einer unzulässigen, unerträglich identifikatorischen Geste weist, ist die Leiche von Inge Müller gefunden worden, Heiner Müllers Text über die Umstände lag lange vor, aber 1989 wußte ich nichts davon.

 

Nach und nach, nachdem die Mauer weg war und nachdem - in den ersten Jahren danach - manchmal die einen mit den anderen sprachen, kam bei einer jungen Autorin im Westen schließlich mit Verspätung an, was als "Raunen" schon viel früher im Osten losgegangen war und was - wiederum - sonderbare Formen hatte, oder eher war es wohl die gedämpfte Stimme, das Raunen selbst, so lange nach Inge Müllers Tod, was mich aufhorchen ließ. Über Hertha Kräftner und ihre Gedichte sprach gerade kein Mensch, Sylvia Plath wurde gelesen, gelegentliche Gespräche über ihre Arbeit und Biographie fanden in  Zimmerlautstärke statt. Nicht ein einziges Mal jedoch, in keinem der Gespräche, die ich nach 89 über Inge Müller geführt habe, kam eines ihrer Gedichte vor, was mir überraschend war, denn überall war die Kenntnis ihrer Biographie, die mir aus sonderbar dürren Daten zu bestehen schien, so verbreitet wie die Bewunderung ihrer Gedichte conditio sine qua non war. Was überwog, war die unselige Frage, über die ich oben schon gestolpert war: "Wer wissen will, was Inge Müller ertrug...". Das Halblaute an diesen Gesprächen immerhin deutete auf eine gewisse Verlegenheit, vielleicht Scham, aber eben auch nur halb.

Und so kam mir vor, als sei Inge Müller nach ihrem Tod etwas sehr Schlimmes widerfahren. Denn selbstverständlich verbietet es sich, wissen zu wollen, was jemand ertrug, der gestorben ist: Einfühlung hat den Lebenden zu gelten, jegliche Einfühlung in das Leiden von Menschen, die nicht mehr leben, ist nicht nur unmöglich, sondern schändet das, was Tote nicht nur verdienen, sondern brauchen, nämlich Gedenken. Während also das Noli-Me-Tangere dieser Toten - es ist nicht die einzige - nach ihrem Tod nicht respektiert und sie von aller Welt unbefugt berührt, geradezu angefaßt wurde, umgab ihre Arbeiten die Aura der Unberührbarkeit. Dies nennt man mit einem vorsichtigen Wort Kult. Es gibt noch bösere Wörter, und aus irgendeinem Grund, über den ich nicht nachdenken möchte, ist es etwas sehr Verbreitetes, geradezu Beliebtes, es sind ja viele Tote, und sehr gern auch tote Dichterinnen auf diese Art erotisiert, ihre Arbeiten dagegen tabuisiert worden.

 

1992 erschien das autobiographische Gesprächsbuch "Krieg ohne Schlachten" von Heiner Müller. Auf die Frage, wie er seine erste Frau kennengelernt habe, sagt Müller:

"Der eigentliche Anfang unsrer Beziehung war, daß wir in eine Kneipe in der Zetkinstraße gingen, sie hatte eine grüne, gestreifte Bluse an,  der oberste Knopf dieser schönen, teuren Bluse war auf, sie erzählte von zu Haus, und ich erfuhr, daß sie zu den oberen Zehntausenden gehörte, und ich weiß noch diesen Moment, als meine proletarische Gier auf die Oberschicht sich regte." (139 f.)

Und ich weiß noch, welche außerordentliche Verblüffung dieser Satz bei mir ausgelöst hat, und zwar eine zweifache Verblüffung. Einmal war es die "grüne gestreifte Bluse", die, indem sie grün und gestreift, schön und teuer war, der grauen Beklemmung, die der Gedanke an Inge Müller jahrelang mit sich gebracht hatte, mit  einem Mal ein Ende setzte, und daß diese farbige Bluse und ihre Trägerin gar in einer Kneipe gesessen haben sollten, war regelrecht eine Befreiung.

Aber dann kam die Sache mit der Oberschicht, und das war mir nun sehr verwirrend. Ich muß Ihnen den dazugehörigen Gedankengang darlegen, obwohl mich meine Dummheit geniert, aber es ist eine Variante jener Dummheit, von der sich inzwischen gezeigt hat, daß sie nicht allein meine ist und daß sie so schnell nicht kurierbar sein wird, sondern wohl lange noch um Nachsicht wird bitten müssen. Ich stutzte also bei den oberen Zehntausend, einmal weil ich weder nach der Lektüre von Inge Müllers Gedichten, die so oft vom Stolpern, Stürzen, Fallen, Untensein, Nicht-Hochkommen sprechen, noch nach all dem Geraune sie je so weit oben gesehen hatte, und zum anderen, weil ich - 1961 fünfjährig vom Osten in den Westen gekommen - ein ganz klares Geschichtsbild hatte, und das ging in seiner Schlichtheit so: Wer in den 20er Jahren geboren war und es 53 noch nicht kapiert hatte, der hatte 56 seine letzte Chance, und wenn da nicht, war er selbst dran schuld oder mit dran schuld, außer er war mehr oder weniger stillschweigend dagegen, aber dann war er nicht in der Partei oder spätestens 56 aus der Partei rausgegangen, besser noch -geflogen und jedenfalls nicht "Oberschicht", und der hatte jedenfalls keine Preise zu kriegen, weder 59 noch im Jahr des Mauerbaus, wenn auch nur einen in Bronze.

 

Nun also war diese Weisheit, eine spätgeborene Naseweisheit, erschüttert, und dann vergingen abermals vier Jahre, und es erschien eine weitere, um 19 Gedichte sowie um Prosa-Texte und Tagebucheinträgen erweiterte und von Beiträgen zu ihrem Werk begleitete Ausgabe der Arbeiten von Inge Müller unter dem Titel "Irgendwo; einmal noch möcht ich sehn" im Aufbau-Verlag.

Das Getöse, das dem Erscheinen des Buches unangenehm vorausging, ist bis nach Frankreich gedrungen, also haben Sie es hier in Berlin wohl noch lauter gehört, und deshalb gehe ich gleich an die Lektüre, diesmal noch banger als 1989.

Folglich geraden Wegs zu Adolf Endler, dem eines der schönsten Gedichte von Inge Müller gilt und der auch in seinem hier abgedruckten Aufsatz von 1978, den ich, wohl aus ostwestlichen Gründen, bisher nicht kenne, "leise pfeift gegen falsch und laut", so heißt eine Zeile aus dem Porträt, das Sie kennen, aber weil es so schön ist, will ich Ihnen ganz ohne Analysieren den Anfang noch einmal vorlesen:

 

"Ich kenne ihn nicht

Mich interessiert wie einer ist der

Auf den  Haaren laufen kann und Mickel

So ein Gedicht abzwingt

(Und seine Frau, die einen Mantel will, durchs Zimmer schwingt)

Und trinkt

Und andern seinen ausgebrochnen Zahn aufhebt

Kurz: lebt." (135)

 

Und zu der unerläuterbaren Freude an diesem Gedicht kommt sofort die stille Dankbarkeit für den Aufsatz von Endler hinzu, der sehr genau die literarische Bedeutung Inge Müllers erkannt hat: "Inge Müller war der erste wichtige weibliche Autor lyrischer Texte in der DDR." (289)

Ja.

So leise pfeifen muß man erst mal können. Aber dann wird auf 353 Seiten nicht mehr nur geraunt, was schlimm genug wäre, sondern so laut und falsch gepfiffen, daß die Gedichte von Inge Müller, die schönen, die, die selbst nur anfangs und nur leise pfeifen, fast nicht mehr zu hören sind. Und es ist ein altes Lied, das da gepfiffen wird, eines, von dem sich die Kinder in den sechziger Jahren, nachdem ihnen die Geduld ausging, entnervt gleichgültig abwendeten: es ist das Lied vom Krieg. Lückentext, stereotyp, unzugänglich für Fragen, heiliges Elend. Von den zwei totalitären Staaten, vom Opfersein, von Herz und Schmerz, vom Aus-der-Welt-Gefallensein und Nicht-mehr-Hochkommen, von Hautlosigkeit und Kindheit mit Schlägen im Hinterhaus und der Suche, die "unendliche Komplexität eines Ereignisses in Sprache zu bringen", und immer wieder der Finger mit dem Ring - nochmal und nochmal.

Und wieder - diesmal war es Biermann: Inge Müller in einem Satz mit Paul Celan - diesmal nicht mit "Wie" sondern mit "Und": "Solche wie die (Müller) und Celan machten es klug, sie lebten das Leben nicht zu Tode wie unsereins."

Und da mich das Raunen schon betreten gemacht hat, das falsche Küchenlied-Gepfeife nun aber endgültig quält, und da ich glaube, daß Inge Müller einige sehr besondere Gedichte geschrieben hat, die bekannten, Unterm Schutt, die Freunde-Gedichte, Liebesgedichte, eines, das mit der Seeräuber-Jenny anfängt: "Und dann sag ich Hoppla", und da geht es dann um "Mein Fuß", oder hören Sie diese Zeilen nach Goethes "Über allen Wipfeln ist Ruh":

 

"Und wenn ich dich einst wiederseh

Ich seh dich sicher wieder

Sitz ich, ein Vogel, überm Wald

Und sing dir meine Lieder

Von allen Bäumen singts wie ich:

Da sind wir wieder."

und auch weniger bekannte, - da ich also glaube, daß da Gedichte sind, die für sich sprechen, möchte ich mir anschauen, was das für eine Biographie war, aus der noch 1996 Küchenlieder gemacht werden.

Und nun gibt es zu staunen: Inge Müller wurde 1925 geboren, der Vater war keinesfalls Zwiebelverkäufer, wie ich bisher glaubte, das war er 1894 gewesen, sondern Angestellter des Ullstein-Verlags, warum  eigentlich heißt es immer, ihre Mutter, eine Offizierstochter, habe "nach unten" geheiratet, der Mann hat schließlich Karriere gemacht; das bis heute im Kondolenzton erwähnte Hinterhaus, in dem Inge Müller aufgewachsen sein soll (nebenbei gesagt: na und?), wurde in ihrem vierten Lebensjahr eine Neubauwohnung, da war der Vater Abteilungsleiter, und das blieb er auch in der Zeit, als anderer Leute Bücher brannten, und die Frau bekam da auch eine Stelle und später die Tochter einen Englischkurs, man denke, mitten im Krieg, nämlich im Jahr 41. Die Fotos vom Reichsarbeitsdienst in Österreich, alle mit solchen Unterschriften in ein Fotoalbum geklebt wie "Die Rübenkolonne", "In voller Fahrt", "Wir haben's geschafft, "Mal herschaun" zeigen ein dralles junges Mädchen, und man kann dem Bild nicht glauben, was eine Gedichtzeile sagt: "Erwachsen wurde ich 39". Daß die Frau nicht 38 erwachsen wurde, am 9. November zum Beispiel, glaubt man. Sie verbrachte ein sechsmonatiges Pflichtjahr in einer Offiziersfamilie zu absolvieren, ich habe von unangenehmeren Arten gehört, wie diese Zeit verbracht wurde, in den Jahren 43/44 war Inge Müller Stenotypistin und zuletzt Direktionssekretärin. Nach dem Krieg hat sie bei der Seuchenbekämpfung gearbeitet, höre ich es raunen, und das ist natürlich schaurig. Celans Vater ist nach der Deportation im Herbst 1942 in einem Lager an Typhus gestorben. Aber dann bin ich erleichtert: Seuchenbekämpfung, Altenbetreuung, Organisation der Kinderspeisung, das alles hat sie zum Glück im Amt ausgeführt: sie arbeitete in der Bürgermeisterei und war gleich 1946 Volkskorrespondentin und Kulturreferentin (das mit einem Baby, das geheimnisvollerweise auf dem Weg von der ersten zur zweiten Ehe aus ihrer offiziellen Biographie verschwindet, und zwar in einer Zeit, in der, so gingen die Geschichten und alten Lieder früher immer, es nichts zu fressen gab und die Kinder ja satt werden mußten; dieses Kind hatte offensichtlich die wunderbare Gabe, weder nachts zu schreien noch seine Mutter daran zu erinnern, daß 46 ein Hungerjahr war), und schließlich war Ingeborg Schwenkner durch eine entschlossene Heirat nach oben 1948 auf dem Weg in die DDR-High-Society und in eine Villa nach Lehnitz, in die sich dann 1953 ihr dritter Mann seinerseits entschlossen nach oben einheiratete. Zu keiner Zeit hatte Inge Müller Publikationsschwierigkeiten in der DDR, und es gibt in ihren Gedichten, den verzweifelten wie denen, in denen sie streng, unnachsichtig gelegentlich, mit anderen umgeht, weder ein Indiz dafür, daß sie unter dem Faschismus noch daß sie unter dem Stalinismus und den anschließenden DDR-Winden gelitten habe. 1961 flog nicht sie, sondern ihr Mann aus dem Schriftstellerverband, und nach den folgenden schwierigen Jahren erhielt sie 1965 eine Westreise-Genehmigung, nach Frankfurt, immerhin.

Inge Müller ging durch zwei Diktaturen, und diesen Gang bezeugen ihre Texte, aber um all derer willen, die von diesen Diktaturen zerstört worden sind, muß gesagt werden, daß sie privilegiert hindurchging. Ich will nicht wissen, was sie ertrug, aber was sie nicht ertrug, sollte unzweifelhaft sein.

Unglücklicherweise war es ihr selbst nicht immer unzweifelhaft, ich habe das oben schon angedeutet am Beispiel des Gedichts, das mit dem Gastod kokettiert ("und nicht aufzufinden ist die Leich") und das macht die Lektüre dieser "problematischen Inge Müller" (so Adolf Endler) -  weit jenseits aller Küchenlieder - tatsächlich zu einem Dilemma, das durch die neuerliche Publikation unveröffentlichter Texte nicht entschärft wird.

Dieses Dilemma kann ich ihnen nur erzählen, weil ich ihm längst noch nicht so weit entronnen bin, daß ich es bündiger fassen kann.

Vor drei Wochen war ich in Berlin. Die Arbeit für den heutigen Abend war bis zu einem Punkt gediehen, an dem ich dringend Rat brauchte. Ich stand vor der Frage, ob ich das Gedicht "Europa" heute abend erwähnen sollte oder nicht. Ich tippte es also ab, nahm es nach Berlin mit und zeigte es allen, mit denen ich sprach, und das waren lauter kluge und kompetente Leute, die als Autoren, Verleger, Lektoren oder Literaturkritiker mit Texten zu tun haben und Inge Müller natürlich kennen. Der erste Teil des Gedichts:

 

"Europa

 

In Gaskammern

Erdacht von Männern

Die alte Hierarchie

Am Boden Kinder

Die Frauen drauf

Und oben sie

Die starken Männer:

Freiheit und democracy."

 

Das Gedicht zitiert in der letzten Zeile Brecht: ein - wie Wolf Biermann, der auch darüber nachdenkt, sehre vorsichtig sagt - "biederes" Gedicht von ihm, und Heiner Müller seinerseits zitiert dieses Gedicht von Inge Müller in den achtziger Jahren, und Annett Gröschner zitiert dieses Gedicht in der Inge Müller-Ausgabe mit der Angabe, daß es Bezug auf die Vorgänge in den Gaskammern habe und sich auf Peter Weiss' Stück "Die Ermittlung" beziehe, das Zeugenaussagen aus dem Auschwitz-Prozeß wiedergibt: das Gas stieg nur langsam von unten nach oben. Oben war anfangs noch Luft.

 

Sie werden gehört haben, daß dies ein Gedicht ist, das nicht hätte geschrieben werden dürfen.

Mit einer Ausnahme haben alle die es auch gehört, die ich in  Berlin gefragt habe.

Und so klang das:

Herr A (West; er bildet die Ausnahme): Das Gedicht ist tatsächlich besser, als ich es in Erinnerung habe.

(Auf die Bitte um weitere Erläuterung erlischt das Gespräch)

Herr B (West): Das ist natürlich ganz abscheulich, fragen Sie aber mal Herrn C, der kennt sich mit Inge Müller aus.

Herr C: Ist schon gegangen.

Frau D (West): Wie ekelhaft, erinnert an diesen peinlichen Feminismus anfangs der siebziger Jahre, aber ob man darüber reden soll?

Frau E (West): So was haben die doch alle geschrieben, erinnert mich an Eich, und schau dir doch bloß den Brecht an.

Herr F (Ost): Vergisses, da hat einer vom Amt ihr die Pistole in den Rücken gehalten, daß sie das schreibt.

(Auf den Hinweis, daß Inge Müller die Gedichte niemandem gezeigt hat, erfolgt eine vage Schulterbewegung und ungläubiges Gesicht)

Frau G (West): Ich würde das nicht erwähnen - wegen der zehn schönen Gedichte, die's von ihr gibt.

Herr H (Ost): Schon wahr, schon wahr, aber sag' mal ehrlich: ich würde über was anderes schreiben, wenn's ginge.

 

Sie sehen, ich konnte es nicht vermeiden - vielleicht aus dem Wunsch heraus, daß das Raunen um Inge Müller nun langsam verebben und ihre Texte genau gelesen werden mögen, so kritisch wie möglich und nötig.

Der Vorteil der neuen Inge Müller-Ausgabe ist, daß es jetzt mehr von Inge Müller zu lesen gibt. Ich möchte es Ihnen überlassen, die 19 Gedichte zu lesen, die neu aufgenommen worden sind.

 

Literatur

 

Bachmann,  Ingeborg; Werke Bd. 4, München 1982

Benn, Gottfried; Gedichte in der Fassung der Erstdrucke, Frankfurt am Main 1986

Biermann, Wolf. Brief; in: Inge Müller, Irgendwo; noch einmal möcht ich sehen

Brecht, Bertolt. Gedichte in einem Band, Frankfurt am Main ???

Endler, Adolf. Fragt mich nicht wie. Zur Lyrik Inge Müllers; in: Inge Müller, Irgendwo ...

Levi, Primo; Ist das ein Mensch, Frankfurt am Main ???

Majakowski, Wladimir; Werkausgabe Bd. 3, Frankfurt am Main 1980

Müller, Heiner; Todesanzeige, u.a. in: Inge Müller, Irgendwo ...

ders., Krieg ohne Schlacht. Lehen in zwei Diktaturen, Köln 1992

Müller, Inge; Wenn ich schon sterben muß, Darmstadt und Neuwied 1976

dies.; Irgendwo; noch einmal möcht ich sehen, Berlin 1996

Sappho; Strophen und Verse, Frankfurt am Main 1978

 

 

 

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