Zu Bernd Neumanns Uwe Johnson-Biografie

Bernd Neumann ist ein ehrenwerter Mann. Er hat jahrelang alles Ver­öffentlichte und Unveröffentlichte von und zu Uwe Johnson durch­gearbeitet, um eine wichtige Biographie zu schreiben. Johnsons Verlag hat ihn gelassen: nie hätte er ihn gelassen, wenn Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit bestanden hätten.

Neumann ist zudem ein qualifizierter und kompetenter Mann: wie wäre er sonst Professor für deutsche Literatur. So weiß er selbstverständlich, daß Sprache dazu da ist, Gedachtes aus­zudrücken, daß ihre Anwendung verbindlich geregelt ist durch eine Grammatik und daß ein Text, der mit den Regeln der Grammatik bricht, der etwa subjektlose Sätze enthält oder Sätze ohne ein Prädikat, der beispielsweise die üblicherweise notwendigen Bezüge zwischen Haupt- und Nebensätzen verwischt oder zerstört, der Aktiv und Passiv verdreht oder sonderbare Deklinationen vorführt, daß ein solcher Text dies mit der Eigentümlichkeit eines Gedachten be­gründen muß, das nicht auf andere Art zum Ausdruck zu bringen ist.

Als jemand, der die deutsche Literatur unterrichtet, beschäftigt er sich damit, warum in einem Text welches Wort wo steht und warum da nicht ein anderes steht, das vielleicht eine ähnliche Bedeutung hat, aber eben nur eine ähnliche. Er weiß nämlich - anders als unsere Computer und ihre Wörterverwechslungsprogramme -, daß es nicht dasselbe ist, ob ich sage: X ist zu Besuch oder: X weilt zu Be­such, daß es schon gar nicht dasselbe ist, ob ich sage: X erwirbt sich Kenntnisse, oder: X erlauscht sich Kenntnisse, und daß es so­gar etwas ganz Verschiedenes ist, ob beispielsweise von einem Stalin-Porträt gesagt wird: "Der Mann ... liess sich sehen im Halbprofil, den starr glänzenden Blick abwendend auf etwas Er­heblicheres als den Betrachter" (Begleitumstände, S. 35), oder: "Mit gütigem und unbewegtem Blick schaute der Woschd in die kom­menden Jahre." (UJ, 73, s. auch 63). Auch daß der letztere Satz den davor nicht zusammenfaßt oder paraphrasiert, weiß er.

Bernd Neumann kennt darüber hinaus, und zwar als eine notwendige, wenngleich unbequeme Folge jeder Übung im gründlichen Lesen (und jeder, der Johnson liest, den wahrscheinlich genauesten deutschen Autor der letzten vierzig Jahre, kennt auch): das Erschrecken am schlechten Text, ein Erschrecken bis zur Übelkeit, wo ein Text aus grundlos überflüssigen und falschen Wörtern, peinlich verdorbenen Sätzen, distanzlosen Behauptungen, entstellten und entstellenden Zitaten halbgebildet zusammengerührt ist. Er weiß, kurz gesagt, daß Sprachschändung auf Mißachtung von Denken oder Veruntreuung von Gedachtem zurückgeht und die geistige, wenn nicht die körperliche Integrität des Lesers verletzt. Und da er dies alles weiß und ein ehrenwerter Mann ist, der eine solche Verletzung ge­wiß nicht beabsichtigt hat: wird man zu dem Schluß kommen, daß er unmöglich der Autor der im Herbst bei der Europäischen Verlags­anstalt erschienenen Biographie von Uwe Johnson sein kann: Author's Identity In Doubt.

Leider nicht ganz. Auf 900 apokryphen Seiten macht der unbekannte Autor jeden, der zum Preis von 78 Mark eine Biographie von Uwe Johnson gekauft zu haben glaubt, ungebeten zum Zeugen seines Kampfes gegen die deutschen Sprache (er muß sie hassen) sowie einer schmuddeligen Auffassung von Leben und Arbeit nicht nur des Schriftstellers Uwe Johnson, sondern schlechterdings aller Leben und Arbeiten, die offenbar in das Buch nur hineingeraten sind, um dem Autor die endlose Vorführung seiner intimen Unvertrautheit mit all dem zu erlauben, was Menschenwissen zum Ausdruck befördert, zur Form. Und es ist der betrogene Leser: der sich an seiner Statt schämt und entschuldigen möchte. Nur wo.

Etwa bei Alice Hensan, die Uwe Johnson, nicht aber einem Unbekann­ten erlaubt hat, sie "Eule" zu nennen, bei ihrer englischen Mut­ter, die nicht zur "Granny" gemacht werden darf, bei - auch "sie ist inzwischen verstorben" (in diesem Buch wird sich verehelicht, wird in Gefangenschaft verbracht, es wird gespeist, und zuletzt verstorben; der fürnehmen Attitüde folgt regelmäßig: Jo­vialität, das Schulterklopfen) - bei Lieselott Prey für "Blondes Gift" und "Bettinchen", bei einer Frau - "sie besaß zwei Brüder" ("besessen" werden außerdem: eine Chance, ein Ursprung, ein deli­kates Verhältnis, eine Nasenscheidewand, eine Zukunft, u.v.m.) -, die für die Tatsache, daß Johnson Anfang der fünfziger Jahre in sie verliebt war, impertinente siebenunddreißigmal hintereinander als "das Waldgesicht" (Neutrum: "es"), zweimal als "Deerie", einmal als "Göre" und einmal als "norddeutsche Aphro­dite" vorgeführt wird. Bei allen, die in diesem Buch ihren Namen lassen müssen, weil der Verfasser sie für Figuren hält.

Sollen aber die Besucher eines tschechischen Restaurants im New York des Jahres 1967 verzeihen, daß sie zu Material neutralisiert werden: "Im Restaurant 'Vasata' traf man, ..., was an die deutsche Vergangenheit und die Vernichtung der Juden erinnerte: einen Pro­fessor Kreslil oder Dimitri Weiszand beispielsweise." (585)? Auch ihre typisierende Verschmelzung zu "einem" Professor Kreslil oder Dimitri Weiszand im Singular, zwei (pluralen) fiktiven Personen aus den "Jahrestagen", wird sich durch Schlamperei nicht erklären lassen.

Mit Bedenken gegen das Ich-Sagen begründet Johnson, warum er, wenn er als "Medium der Arbeit" spricht, "er" sagt, "jemand" oder: "einer". Wenn aber ein anonymer Autor hergeht und ohne Begründung Mimikry an Johnsons Stil betreibt, ist ihm alles eins (das stän­dige "wie auch immer" ist nur eine Formel dafür), auch Heiner Mül­ler und Uwe Johnson werden "einer": "Heiner Müller, auch er einer, der ein Leben in zwei Diktaturen geführt hat, stellt die Faszina­tion des Horst Wessel-Liedes direkt neben die der 'Internatio­nale'." So weit so gut. Und weiter: "Auf diese Weise vermochte einer durch beide deutsche Diktaturen hindurchzugehen." Auf welche Weise? Wer? Ah, natürlich Heiner Müller. Ja. Aber weiter: "Niemand wird glauben, solche Feststellung mache dem Mecklenburger 'die Biographie kaputt'." (64) Ist Müller nicht Sachse? Und Johnson ist nicht auf die Weise von Müller durch beide deutsche Diktaturen hindurchgegangen. Nein.

Daß im übrigen Faschismus und Stalinismus auch eins, auch glei­chermaßen lüstern phantasiert werden ("Im Unterwerfungsritual stand das Schauspiel der Gewalt mit seiner archaischen, wortwört­lich bluttriefenden Attraktion im Mittelpunkt"/37/; "Auftrat der Marschall Jossif Wissarionowitsch Stalin, Sieger im 'Grossen Va­terländischen Krieg', auch 'Vater aller Völker' geheißen" /63/) - da­für wird unentwegt der Geist von Hannah Arendts Totalitarismus­theorie gerufen. Er kommt aber nicht. Bei Hannah Arendt möchte man sich entschuldigen für mehr als ein Kapitel, bei Walter Benjamin (Johnsons "finanzielle Mittel waren begrenzt. Dennoch bevorzugte er, das eigene Schriftbild ausschließlich in schwarzer Tinte zu erblicken, ungeachtet aller Mehrkosten. Eine Fülle solcher schriftstellerischer Utensilien wird Walter Benjamin fordern - als unerläßlich für die Inspiration."/126/) immerzu für wütende Theoriever­stümmelung, bei Adorno, bei Ingeborg Bachmann ("Aufschlußreich für diesen Zusammenhang ist auch das Gedicht "Undine geht", ins­besondere in der von der Dichterin selbst gelesenen Version", /683/), bei Döblin und nochmal bei Benjamin ("Döblin schrieb über sein Epos:" - es folgt ein Zitat von Benjamin /836/, das Zitat in: Krisis des Romans). Bei allen.

Der Text ist eine Mortifikation. Wie alle Texte liefert er seine Voraussetzungen mit. Eine davon ist: Er glaubt nicht an die Hilfs­verben. Er hätte es gern unbestimmter. Besonders verdächtig ist ihm das "Sein", das er am liebsten durch "scheinen" und "erschei­nen" ersetzt. Keiner ist, jeder fungiert als, scheint zu sein, gibt (beispielsweise einen politischen Gefangenen) ab, stellt bloß dar, ist Pappkamerad im Zirkus des kleinen Moritz.

Bernd Neumann, der ein ehrenwerter Mann ist, hat dieses Buch nicht geschrieben. Er wird Gründe haben, warum er den Autor dafür ab­gibt.

 

 

                       St. Quentin la Poterie, am 1. Dezember 1994

                                                 Birgit Vanderbeke

 

 

 

 

 

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