Turmspringen

 

Wie es den Schlag getan hat und das durch die Bäume geschlagen kam, war der Kerschensteiner am nächsten daran. Die Schmulinsky war vorne, weil sie der Schmulinsky gesagt hatten, daß sie vor­gehen soll und die beiden Kinder da vorne nicht aus den Augen ver­lieren, und dann kam der Kerschensteiner, und hinten erst kam der Schwarz. So etwa muß es gewesen sein, der Kerschensteiner nämlich hat, weil er am nächsten daran war, am meisten gehört, er hat ja nicht sehen können, was  durch den Baum auf den Boden schlug, er hat gedacht, so ein Schlag, irgendwas hat sich vom Turm gelöst, ein Stein, ein Brett, aber sehen hat er nichts können, weil er praktisch darunter stand, während der Schwarz nicht so viel gehört hat aus dem Grund, daß er alles gesehen und damit sofort gewußt hat, daß das kein Stein und kein Brett sein kann, er hat den Schlag natürlich auch gehört, wie das durch die Bäume geschlagen ist und gleich darauf auf den Boden, aber weil er zugleich noch hat sehen können, kam ihm der Schlag nicht so laut vor. Der Ker­schensteiner also den Schlag hören und vorwärts rennen in Richtung der beiden Kinder, die offenbar nichts gehört hatten, warum bloß, sie standen direkt darunter, sie hätten es hören müssen, aber nein, und der Kerschensteiner also hinter den Kindern her, um sie vorwärts zu scheuchen, macht, daß ihr unter den Turmvorsprung kommt, die Schmulinsky muß was gehört haben und dreht sich halb um, sieht den Kerschensteiner die Handbewegung machen, mit der der die Kinder scheucht, und da sieht sie aber auch gleich etwas durch die Bäume krachen, die halbe Drehung nach hinten dem Kerschen­steiner entgegen war schon zu viel, und was sie sieht, da rennt sie dann, nimmt im Rennen die beiden Kinder und keucht nur noch, weg hier, da vorne hinter der Biegung ist eine Bank, auf die Bank. Der Kerschensteiner hat dann gebremst, als das geschafft war, die Kinder weg von der Stelle, und gleich darauf, das Ganze natürlich nur Bruchteile von Sekunden, hat er gewußt, was da durch die Bäume gekracht ist, er hat nur nicht begreifen können, wie das einen solchen Schlag tun kann, dem Kerschensteiner ist das direkt um die Ohren geflogen, während der Schwarz, so war es wohl, von hinten alles genauestens hat betrachten können, der Schwarz mit dem Rest der Kinder, die alle stehengeblieben waren, und als es dann wieder still wurde nach dem Schlag, da war es dann plötzlich gleich sehr still, keiner hat glauben können, daß es so still werden könnte nach so einem Schlag, da wollten die Kinder gleich hin, der Schwarz hat das aber natürlich nicht zugelassen, er hat sich davor gestellt und gesagt, ihr bleibt hier, verstanden, und seine Stimme hat ziemlich belegt geklungen, was die Kinder nicht kannten so an dem Schwarz, der gewöhnlich keine belegte Stimme hat, sondern eine klare, hohe Lateinlehrerstimme, mit der er die Klassenräume durch­schneidet, gar nicht mal laut, aber klar, und das Belegte an Schwarzens Stimme hat die Kinder sofort zurückgehalten, die gleichwohl vor gewollt haben, und ähnlich wie dem Schwarz ist es auch der Schmulinsky gegangen, auch ihre beiden Kinder da vorn waren keineswegs einverstanden, aus dem Blickfeld hinaus und auf Bank zuzurennen mit ihrer keuchenden Lehrerin, immer wieder drehen die Kinder beim Laufen sich um und gucken über die Schulter zur Stelle hin, aber wie die hinteren Kinder durch das Belegte an Schwarzens Stimme, so sind die Kinder vorne durch das Keuchende an der üblicherweise nur dünnen Schmulinsky-Stimme zurück- und also vorne gehalten worden, und Kinder jedenfalls sind an die Stelle nicht ran. Der Kerschensteiner, dem das zunächst um die Ohren und dann sofort vor die Füße geschlagen war, hat sich hinterher nicht mehr erinnern können, was dann, aber das haben die beiden anderen doch gehört, weil die Stelle nach diesem Schlag wirklich sehr still war und man deshalb genauestens hören konnte, wie der Ker­schensteiner zwischen den beiden, also mit zehn, zwölf Metern vielleicht, das ist nichts, wenn nach so einem Schlag erstmal Stille ist, in diese Stille hinein: Scheiße, gesagt hat, mit sei­ner ganz normalen Biologielehrerstimme, die er nicht einmal hoch erhoben hat, nur: Scheiße, hat der Kerschensteiner gesagt, und die hinteren Kinder beim Schwarz sowie der Schwarz auch haben sehen können, wie der Kerschensteiner dazu, als er Scheiße sagte, den rechten Fuß so nach hinten geschwungen hat, daß man dachte, er schwingt ihn jetzt auch noch nach vorn, aber er hat ihn dann mittendrin angehalten und doch nicht zugetreten, was die Kinder zum Teil bedauert haben, aber der Schwarz hat doch aufgeatmet, daß der Kerschensteiner nur Scheiße gesagt, nicht aber zugetreten hat, die Schmulinsky hat das nicht so genau verfolgen können, weil sie nur über die Schultern nach hinten gesehen hat beim Rennen, als sie den Kerschensteiner hat Scheiße sagen hören. Wie gesagt, hat sich der Kerschensteiner nachher aber nicht gleich besinnen kön­nen, daran aber hat er sich sofort erinnern können, daß er, so hat  er es auch gesagt, eine Sauwut gehabt hätte, während die Schmu­linsky sich nur erinnern konnte, daß sie in Panik gewesen war we­gen der Kinder, denn allen ist unmittelbar nach dem Schlag und der dem Schlag folgenden Stille klar geworden, daß das die beiden vor­deren Kindern um ein Haar erschlagen hätte, ja, der Kerschen­steiner ist sich sogar fast sicher gewesen, daß es nur darum ge­gangen war, die beiden vorderen Kinder zu treffen und zu erschla­gen, deshalb auch die Wut vom Kerschensteiner, und daß er versucht gewesen ist, zuzutreten, was er aber dann unterlassen hat, später ist ihm auch eingefallen, daß er es nur unterlassen hat, weil in dem Augenblick das Röcheln eingesetzt hätte, und der Kerschen­steiner, der sich nicht vorstellen konnte, daß das nach so einem krachenden Schlag vom Turm herab und durch die Bäume noch lebt, hat vor Erstaunen über das Röcheln den Fuß angehalten und hin­geschaut, und da hat er gesehen, daß während des Röchelns Blut herauskam, weshalb er nicht habe zutreten können trotz der Sauwut, die er gehabt hat, während der Schwarz bei den hinteren Kindern weder die Wut noch die Panik gehabt hat, weil er beschäftigt war, diese Kinder vom Glotzen womöglich abzuhalten, wovon sich die Kin­der keinesfalls haben abhalten lassen wollen, wann hat man schon mal die Gelegenheit, aber justament die Gelegenheit wollte der Schwarz den Kindern auf keinen Fall geben, und so hat er reichlich zu tun, aber nicht viel zu denken oder gar fühlen gehabt, außerdem hat er ja vorher schon alles gesehen gehabt, weil er hinten stand und also den Überblick hatte. Der Kerschensteiner, wie er da stand, war nicht nur erstaunt, sondern schließlich entsetzt von dem Röcheln und hat dann sofort gedacht, das fasse ich aber nicht an, weil das Röcheln ihm klar gemacht hat, daß er möglicherweise jetzt etwas zu unternehmen hätte, im gleichen Moment aber war er auch schon entschlossen, um keinen Preis etwa anzufassen, sondern hat, weil er nicht gut sich entfernen konnte von diesem Röcheln, nur unschlüssig da herumgestanden, ohne näher heranzugehen, hin­schauen hat er auch nicht gut können, also hat er zuerst in die eine Richtung geschaut, wo die Schmulinsky mit den zwei vorderen Kindern jetzt schon verschwunden gewesen ist, und dann hat er sich umgedreht nach dem Schwarz und hat dem Schwarz, der mit den Kin­dern nicht weitergekonnt und folglich hat wissen wollen, wohin, einen unentschiedenen Eindruck gemacht, wie er da stand und nicht hin-, aber auch nicht wegging, und da ist dem Schwarz in den Sinn gekommen, daß das mit Kerschensteiners Gefühl für die Pietät und die Ethik zu tun haben mußte, daß er nicht hin-, zugleich aber auch nicht weggehen konnte, und sofort ist dem Schwarz auch noch durch den Sinn, daß das ein Fall für die erste Hilfe und Nächsten­liebe sein könnte, weshalb er dem Kerschensteiner mit seiner be­legten Stimme dann zugerufen hat, er solle ihn oder sie, denn das hat der Schwarz auch nicht wissen können, ob ihn oder sie, ebenso­wenig wie der Kerschensteiner, wenn möglich doch in die Seiten­lage. Der Kerschensteiner hat sofort auf der Stelle all seine Fas­sung verloren, wie er das von der Seitenlage vom Schwarz sich hat anhören müssen, worauf er nicht übel Lust gehabt hat zu lachen, woran aber seine Pietät und Ethik ihn schließlich gehindert haben, weil das Röcheln ja unterdes weiterging, also hat der Kerschen­steiner nach hinten zum Schwarz nicht gerufen, von Seite kann gar nicht die Rede sein, wie er ursprünglich vorgehabt hatte, sondern, weil er auch geahnt und gehofft haben muß, daß der Schwarz ihn wo­möglich aus seinem Daherumstehen erlösen könnte: ich kann es nicht, was unbedingt gestimmt hat, wenn es auch nur die halbe Wahrheit gewesen ist, daß nämlich Kerschensteiner entschlossen war, das in keinem Fall anzufassen, während die andere Hälfte der Wahrheit von Kerschensteiner verschwiegen wurde, daß nämlich von Seite und also von Seitenlage gar nicht die Rede sein konnte, wie Kerschensteiner, der näher daran stand, besser beurteilen konnte als Schwarz, der sofort, als er hörte, daß der Kerschensteiner es nicht könnte, sich zur Nächstenliebe entschlossen fand und, indem er tief durchgeatmet hat, gemessenen Schrittes voran- an die Stelle gegangen ist, wobei ihm die Kinder gefolgt wären, wenn nicht der Kerschensteiner rasch zurück- und also auf die Kinder zugegangen wäre und allein durch sein Aussehen die Kinder in Schach gehalten hätte, weshalb sie dann murrend stehengeblieben sind und nur wie vorher die Hälse nach vorne gereckt haben und auf die Stelle zu, wo jetzt der Schwarz angekommen ist und sofort be­griffen hat, was der Kerschensteiner ihm nicht hatte sagen wollen, daß nämlich von Seite und also von Seitenlage gar nicht die Rede sein konnte, diese Erkenntnis hat den zur Nächstenliebe gleichwohl entschlossenen Schwarz immerhin auch ein Stück Fassung gekostet, mit der verbliebenen Fassung jedoch hat er sich an die Arbeit der Nächstenliebe gemacht und danebengehockt. Inzwischen war noch ein Waldarbeiter gekommen, der Turm liegt ja mitten im Wald, und der Schlag war offenbar so gewaltig gewesen, daß der Waldarbeiter im Wald ihn gehört und deshalb seine Arbeit sofort unterbrochen hatte, und dieser Waldarbeiter hat den Schwarz, der das nicht un­aufhörlich konnte, bei seiner Nächstenliebe dann abgewechselt, ab­wechselnd haben der Schwarz und der Waldarbeiter  nun an der Stelle gehockt, und der Schwarz, der nicht nur Latein, sondern auch Religion gehabt hat, hat, wenn er konnte, auch hin und wieder irgendwie drübergestreichelt, während der Wirt, der vom angren­zenden Ausflugslokal herbeigekommen und dann wieder fortgegangen war, um telefonisch die Polizei zu rufen und einen Arzt, nur ge­sagt hat, o Gott, nicht schon wieder, und wie er herbeigekommen und wieder fortgegangen ist und dabei gesagt hat, o Gott, nicht schon wieder, haben der Schwarz und der Kerschensteiner beide ge­dacht, daß der Wirt wohl Routine hat, was sich auch später bestä­tigt hat, als der Wirt mit der Polizei auf äußerst geübte und also routinemäßige Art so verfahren ist, daß er gleich alle Fragen be­antwortet hat, bevor sie noch von den Polizisten gestellt worden waren. Auch die Polizisten, so ist dem Kerschensteiner gleich auf­gegangen, als sie gekommen sind, müssen, anders als der Schwarz, der nur Religion und folglich Nächstenliebe, nicht aber Routine gehabt hat, Routine gehabt haben, was der Schwarz allerdings kei­nesfalls zulassen wollte, weshalb der Schwarz den Polizisten en­ergisch Einhalt geboten hat, als sie die schwarze Tüte heraus­geholt haben. Der Kerschensteiner hat natürlich von weitem ge­sehen, wie sie die schwarze Tüte herausgeholt haben und auch wie sie sie dann wieder zurückgepackt haben, und der Kerschensteiner hat später gesagt, das rechnet er ihm hoch an, dem Schwarz, ja, er hat sogar gesagt, dafür verzeiht er dem Schwarz fast das Strei­cheln, das ihn gleichwohl mit Widerwillen und Abscheu gefüllt hat gegen den Schwarz, überhaupt hat der Kerschensteiner die Nächsten­liebe vom Schwarz für geschmiert gehalten, ich kann das nicht, hat er gesagt, und er hätte zweifellos den ganzen Schwarz für schmie­rig gehalten, wie er daneben gehockt und die Nächstenliebe verkör­pert hat, wenn nicht die Sache dann mit der Tüte gewesen wäre, wo der Kerschensteiner dem Schwarz Courage gegen die Polizei und die polizeiliche Routine sofort hat zugeben müssen, obwohl es den Ker­schensteiner wiederum abgestoßen hat, daß der Schwarz dann geweint hat, der Schwarz hat weinend die Polizisten geben, von ihrer Tüte doch wenigstens ein paar Minuten noch Abstand zu nehmen, und die Polizisten haben sich zwar nicht geschämt wegen ihrer Routine, aber dann doch noch die paar Minuten Abstand genommen, die der Schwarz und der Waldarbeiter sich abgewechselt haben, bis der Schwarz die Polizisten wieder herangewinkt hat, die in einiger Entfernung bloß von einem Fuß auf den anderen traten und sich die Ungeduld verkneifen mußten, weil sie ja schließlich, wie der eine Polizist zu dem anderen Polizisten so laut gesagt hat, daß alle es hören konnten, noch mehr zu tun hatten an diesem Vormittag. Dann sind sie sofort gegangen, der Schwarz und der Kerschensteiner mit ihren Kindern, sie sind aber nicht an der Stelle vorbei, sondern haben sich noch vom Wirt des Ausflugslokals einen hinteren Ausgang erklären lassen, und von diesem hinteren Ausgang her haben sie einen großen Bogen um den gesamten Park machen müssen, bis sie zum vorderen Eingang gelangt sind, und die ganze Zeit hat die Schmu­linsky ganz in der Nähe des vorderen Eingangs mit den zwei Kindern auf ihrer Bank gesessen und bloß gezittert, die Kinder haben sie völlig verständnislos angesehen, sind aber immerhin sitzen geblie­ben, und als jetzt die vielen Kinder mit den beiden abgesonderten Kindern zusammenkamen, haben die Schmulinsky-Kinder den anderen Kindern so eine Bewegung gemacht in Richtung auf die Schmulinsky, das eine Kind hat sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn ge­tippt, und das andere Kind hat mehrmals die rechte Hand vorm Ge­sicht hin- und herbewegt, die anderen Kinder haben die Gesten so­fort verstanden und nachsichtig mit den Köpfen genickt, weil sie verstanden hatten, der Schwarz hat die Gesten gar nicht gesehen, er war noch vertieft in die Arbeit der Nächstenliebe, die jetzt zu Ende war, aber der Kerschensteiner hat sie sehr wohl gesehen und nur gehofft, daß die Schmulinsky sie nicht gesehen hätte, weil sie gezittert hat und gebebt und nach Schutzbedürftigkeit aussah, und der Kerschensteiner hat gleich befürchtet, daß die Schutzbedürf­tigkeit von der Schmulinsky nicht weniger würde durch diese beiden Gesten, und da hat er recht gehabt, denn leider hat die Schmu­linsky Reste von diesen Gesten dann doch noch gesehen und also auch, wie die vielen anderen Kinder voll Nachsicht mit ihren Köp­fen genickt haben, und da ist ein Schluchzen aus der Schmulinsky herausgebrochen, und mit dem Schluchzen ist herausgebrochen: Kin­der sind so brutal, die  Entdeckung der Schmulinsky, daß Kinder so brutal sind, hat, wie der Kerschensteiner befürchtet hatte, die Schutzbedürftigkeit der Schmulinsky nicht eben vermindert, sondern immens vermehrt, und ganz offensichtlich ist der Schwarz für diese Art Nächstenliebe und Schutzbietung nicht zuständig und nicht zu gebrauchen gewesen, der Schwarz hat seinen Teil Nähstenliebe soeben abgeleistet gehabt und bloß gestaunt, wie er sich gar nicht zugetraut hatte, daß er das schafft, der Schwarz ist also versun­ken gewesen auf eine schmerzliche Art, die der Kerschensteiner so­fort wieder für religionslehrerhaft und schmierig gehalten hat, obwohl er dem Schwarz das mit der Tüte hoch angerechnet hatte, aber die neuerliche Versunkenheit von dem Schwarz ist dem Ker­schensteiner angesichts dieser Schutzbedürftigkeit von der Schmu­linsky doch wieder schmierig erschienen, und der Kerschensteiner wäre am liebsten auch für die Schutzbedürftigkeit der Schmulinsky nicht zuständig und zu gebrauchen gewesen, der Kerschensteiner hat seine Zuständigkeit darin gesehen, mit den Kindern den Schul­ausflug auf den Spielplatz unterhalb dieses Turmes zu machen und sie dann sicher zurückzubringen, er hat den Schulausflug als Teil seines Dienstes gesehen und ist nicht vorbereitet gewesen darauf, daß verschiedene Akte von Nächstenliebe von ihm gefordert würden, aber angesichts des Zitterns und Schutzbedürfnisses hat sich der Kerschensteiner doch nicht verschließen können, und so sind dann die Kinder, von denen die Schmulinsky soeben erkannt und gesagt hatte, Kinder sind so brutal, Zeugen geworden, wie der Kerschen­steiner seine Kollegin Schmulinsky widerwillig und pflichtgemäß in den Arm genommen hat, die Kinder haben sich ein Grinsen dabei nicht verkneifen können, der Kerschensteiner und die Schmulinsky, man stelle sich vor, haben die Kinder sich später und anderen Kin­dern, die nicht davon Zeugen geworden waren, noch auf dem Schulhof erzählt und immer weiter erzählt, und die Schmulinsky hat in die­sem Moment entdeckt, daß ihr Schutzbedürfnis im Grunde nicht ein­fach nur groß, sondern geradezu unermeßlich und grenzenlos ist und schon immer gewesen ist, und nach dieser Entdeckung dem Kerschen­steiner nicht nur sich in die widerwillig geöffneten Arme ge­schmiegt, sondern den Kopf auch noch so auf die Brust vom Ker­schensteiner gedrückt, daß sie mit ihren plustrigen Locken dem Kerschensteiner die Nase gekitzelt hat, und das Nasekitzeln von all den Locken ist dem Kerschensteiner sehr unangenehm gewesen und gegen die Pietät und die Ethik wie auch der Druck der Schmulinsky auf seine Brust, daß er vorsichtig einen Schritt rückwärts gemacht hat, die Schmulinsky hat seine Rückwärtsbewegung gespürt, und die Kinder haben alle gesehen und sich hinterher auf dem Schulhof er­zählt, wie die Schmulinsky aber nicht bereit gewesen ist, diese Rückwärtsbewegung nur im geringsten gelten zu lassen, sondern dem Kerschensteiner darin gefolgt ist, ohne den Kopf von der Brust vom Kerschensteiner und also die Locken aus seiner Nase hoch- und weg­zunehmen, der Kerschensteiner hat dann einen Arm doch gelöst und die Hand zur Nase geführt, was die Schmulinsky in ihrem Schutz­bedürfnis zu erneutem Schluchzen veranlaßt hat, so daß der Ker­schensteiner, nachdem er sich kurz die juckende Nase gerieben hat, um nicht zu allem auch noch zu niesen, rasch wieder weitergemacht hat im Umarmen, und der Kerschensteiner hat dann allmählich gefun­den, daß es genug ist, die Schmulinsky hat aber nicht genug gehabt und überhaupt nicht genug haben können, sie hat den Kerschen­steiner nicht losgelassen, dem das Ganze jetzt äußerst peinlich gewesen ist, erst einmal sowieso und dann auch noch vor diesen grinsenden Kindern, der Kerschensteiner hat jetzt zu seiner Arbeit zurückgewollt und in den Dienst, anstatt hier festzuwachsen mit der Schmulinsky im Arm, und schließlich ist der Schwarz abermals seine Rettung gewesen, der aus der Versunkenheit seiner Nächsten­liebe endlich doch aufgewacht und herausgelangt ist in den pein­lichen Anblick der vom Kerschensteiner widerwillig umarmten Schmu­linsky und ihrer grenzenlos wachsenden Schutzbedürftigkeit vor den grinsenden Kindern, der Kerschensteiner hat es dem Schwarz erneut sehr hoch angerechnet, daß der ihn schließlich gerettet hat, zu dieser Rettung haben die Kinder nur sehr enttäuscht: ooch, gesagt und gemurrt, sind dann aber doch, dem gemessen voranschreitenden Schwarz hinterdrein, langsam den Berg hinab in Richtung der Stadt und Schule getrottet, der Kerschensteiner und die Schmulinsky sind am Schluß gekommen, und den ganzen Weg hat der Kerschensteiner nichts anderes versucht, als möglichst sachlich zu sein und auf sachliche Art gegen die Schutzbedürftigkeit der Schmulinsky vor­zugehen, aber immer wenn er geglaubt hat, mit dieser Sachlichkeit einen Erfolg zu haben, hat ihn ein neuerliches Geschluchz der Schmulinsky seinen Irrtum schnell einsehen lassen, die Kinder vorne haben bei aller Enttäuschung dochnoch gefunden, daß das ein ziemlich ereignisreicher Tag war, sie haben nur befürchtet, daß es im Unterricht weitergehen würde, weil der Schwarz sie mit Sicher­heit nicht von der Nächstenliebe verschonen würde und dem Strei­cheln, das er geleistet hatte, aber sonst, haben die Kinder ge­sagt, war das schon ein Ereignis, zuerst haben sie ja nicht viel mitgekriegt, einer hat dem anderen, wie sie hinabgetrottet sind in die Stadt, erzählt, was er mitgekriegt hat, der Gipfel aber, wie der Kerschensteiner und die Schmulinsky - das hatten sie schließ­lich doch alle mitgekriegt, und am Schluß die Schmulinsky mit ihrem Schluchzen, manchmal hat sich das eine oder andere Kind da­nach umgedreht, aber es hat nichts mehr mitkriegen können, weil der Kerschensteiner, wie er den Berg hinabging in die Stadt, nur gedacht hat, und einmal hat er es auch mit zusammengebissenen Zäh­nen leise, aber gut hörbar hervorgemurmelt, das faß' ich nicht an, und die vor dem Kerschensteiner den Berg hinabtrottenden Kinder haben gehört und später auf dem Schulhof grinsend erzählt, wie der Kerschensteiner gesagt hat, das faß' ich nicht an.

 

 

 

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